Der schwierige Weg in eine andere Welt

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Christian besucht die zehnte Klasse eines Gymnasiums und leidet am Asperger Syndrom, einer leichten Form des Autismus. Dank der guten Zusammenarbeit von Therapeuten, Eltern, Lehrern und Mitschülern ist er heute kein Einzelgänger mehr.

Die 10e des Hannah-Arendt-Gymnasiums Barsinghausen bespricht den gemeinsamen Besuch eines Theaterstücks. Christian beteiligt sich munter am Unterricht. Er ist groß, hat kurze dunkelblonde Haare und trägt eine Brille. Er fällt nicht wirklich auf, obwohl er sich mit der einen oder anderen Bemerkung in den Mittelpunkt des Geschehens bringt, denn im Gegensatz zu seinen Mitschülern geht er eher auf Details ein, die von den meisten fast unbemerkt blieben. So fand er die Übergangsmusik unpassend, oder er fragt sich, ob die Protagonistin des Stückes zu ihrer Zeit wirklich ein Feuerzeug benutzt hätte.

Vor wenigen Jahren noch galt die Klasse als Problemfall. Der Grund war Christian. Regelmäßig stritt er sich mit den Lehrern, verwickelte sie in Diskussionen und hielt den Unterricht auf. „Manchmal stand er mitten im Unterricht auf, machte irgendeinen Blödsinn und brachte uns zum Lachen. Die Lehrer waren nicht so begeistert“, berichtet die 16-jährige Maike. Ihre Mitschülerin Jana sagt: „Er wollte unbedingt beachtet werden und machte alles, was man ihm sagte, um Aufmerksamkeit zu bekommen.“

Er kann die Signale nicht deuten

Dass sein Verhalten auf eine Krankheit zurückzuführen war, wussten sie nicht. Der 16-Jährige leidet am „Asperger Syndrom“ (AS), einer leichten Form des Autismus. Die Krankheit tritt ab dem dritten bis fünften Lebensjahr auf und kann sich durch mangelnde soziale Interaktion, nonverbale Kommunikationsprobleme, motorische Unbeholfenheit und Sprachbesonderheiten manifestieren. Betroffene haben Schwierigkeiten, Beziehungen zu anderen aufzubauen, unter anderem weil sie nicht in der Lage sind, nonverbale Signale, wie Gesichtsausdrücke, zu unterscheiden, geschweige denn korrekt zu deuten. Sie können sich schlecht in andere hineinversetzen. Die einfachsten sozialen Regeln, die für andere selbstverständlich sind, müssen sie erst erlernen. Knapp ein Prozent der Bevölkerung sind von AS betroffen, wobei deutlich mehr Männer als Frauen daran leiden. 

Dann eskalierte die Situation

Schon im Kindergarten war Christian verhaltensauffällig. In seiner Sprache den Gleichaltrigen zwar voraus, hatte er große Probleme, Beziehungen aufzubauen. „Man sagte mir, er sei schlecht erzogen, und ich solle mir Hilfe suchen“, sagt seine Mutter. Beim Arzt erhielt sie die Diagnose „Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom“. Eine Zeitlang wurde Christian mit Ritalin behandelt. Mit dem Eintritt in die fünfte Klasse eskalierte die Situation. Er wurde getriezt, Mitschüler machten sich lustig über seine motorischen Störungen. Weil er nicht so gut mit anderen kommunizieren konnte, wurde er zum Einzelgänger. „Nach außen hin gab es ja keine Anzeichen für Christians Krankheit, deswegen verstanden die anderen es als Provokation oder Sturheit, wenn er zum Beispiel mit Schweigen auf eine Frage reagierte oder wenn er sich in ihren Augen unhöflich oder merkwürdig verhielt“, berichtet seine Mutter. Erst in der sechsten Klasse erhielt die Familie die richtige Diagnose. „Wir waren so froh, die Dinge endlich vernünftig anpacken zu können. Beim Therapiezentrum für autistische Kinder in Hannover wurden wir über die Krankheit aufgeklärt, konnten uns mit anderen betroffenen Familien austauschen und bekamen einen Therapieplatz für Christian.“

Endlich ziehen alle an einem Strang

Am Ende der siebten Klasse kam eine Therapeutin zu uns in die Klasse und erklärte uns, dass Christian an AS leidet und was das für eine Krankheit ist. Zu der Zeit war es am schlimmsten, weil so gut wie kein Lehrer richtig mit Christian umgehen konnte. Aber nachdem alle informiert wurden, verbesserte sich die Situation in unserer Klasse allmählich“, sagt Maike. Auch die neue Klassenlehrerin Christine Fischer wurde wie alle anderen im Kollegium aufgeklärt: „Anfangs hatte ich schon einige Bedenken. Fachliteratur, hauptsächlich Erfahrungsberichte, hat mir unglaublich geholfen, mich in Alexander hineinzuversetzen.“

Ab der achten Klasse entwickelte sich zwischen Schule, Eltern und Therapeuten eine gute Zusammenarbeit. Da AS unter das Behindertengesetz fällt, wurde ein Nachteilsausgleich vereinbart, so dass andere Bewertungskriterien bei Klausuren oder eine begrenzte Teilnahme am Sport festgelegt wurden. „Ich habe sehr viel im Umgang mit Christian gelernt. Man muss ihm ganz genaue Anweisungen geben, da er alles wörtlich nimmt. Bei Interpretationen im Deutschunterricht fällt es ihm schwer, zwischen den Zeilen zu lesen und nichtwörtliche Bedeutungen von Ausdrücken oder Redewendungen zu verstehen“, sagt Christine Fischer. „Das Sozialverhalten in der Klasse ist heute einfach super.“ Christian offenbart sogar ein leichtes Lächeln. „Ich habe mir einen kleinen Freundeskreis aufbauen können, in der Klasse fühle ich mich seither richtig wohl.“ (Die Namen der Schüler sind geändert.)

Informationen zum Beitrag

Titel
Der schwierige Weg in eine andere Welt
Autor
Sarina Fischer Hannah-Arendt-Gymnasium, Barsinghausen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2010, Nr. 80 / Seite N6
Projekt
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