Zur Diagnose auf dem Flügel vorspielen

Der Arzt Eckart Altenmüller hat sich auf die Behandlung von Musikern spezialisiert

Auf den ersten Blick wirkt das ärztliche Besprechungszimmer ganz gewöhnlich - wäre da nicht der schwarze Flügel, hinter dem ein Stativ mit Kamera steht. "Mein Besprechungszimmer unterscheidet sich von dem anderer Ärzte", lacht Eckart Altenmüller, "Ich bin Musikerarzt." Der große, hellhaarige Mann sitzt hinter seinem Schreibtisch auf einem Drehstuhl. Über seinem weißen Hemd trägt er einen dunklen Pullover, dazu eine Jeans. Die ungewöhnliche Laufbahn des heute 57-Jährigen begann mit einem Medizinstudium in Tübingen, Paris und Freiburg. Früh interessierte er sich für Neurologie.

In Freiburg fing er parallel an, Musik mit dem Schwerpunkt Querflöte und künstlerische Ausbildung zu studieren. Als Professor lehrt er seit 1993 an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover und forscht im dazugehörigen Institut über Musiker und ihre Krankheiten, wobei er viele Patienten behandelt. "Ich behandle Musiker aller Instrumente und Musikrichtungen", erklärt Altenmüller. "Aus ganz Europa kommen sie zu mir."

Alle Musiker müssen zur Untersuchung ihr Instrument mitbringen, für die Pianisten steht der Flügel im Besprechungszimmer bereit. Mit der Kamera werden alle Instrumentalisten beim Musizieren gefilmt, so dass eine Art digitale Krankenakte entsteht. "Meist kann ich nach der neurologischen und orthopädischen Untersuchung eine sofortige Diagnose stellen."

Oft handelt es sich um eine sogenannte Dystonie, eine Störung der feinmotorischen Kontrolle, deren Ursache im Gehirn liegt. Bei den Musikern kommt es etwa zu plötzlichen Verkrampfungen eines oder mehrerer Finger oder der Lippen, so dass in diesem Fall Klavierspieler oder Bläser ihr Instrument nicht mehr problemlos zum Klingen bringen können. "In manchen dieser Fälle gibt es die Möglichkeit, die richtigen Bewegungen langsam wieder einzuüben, oft spritze ich aber auch Botulinumtoxin in den Muskel, der daraufhin für die nächste Zeit wieder normale Bewegungen zulässt." Das Medikament wird in der Schönheitsmedizin zur Faltenbekämpfung eingesetzt.

"Im Gegensatz zu vielen anderen Ärzten lebe ich nicht von meinen Patienten", sagt Altenmüller. "In erster Linie bin ich Universitätsprofessor, und bei den Untersuchungen spielt immer der Forschungsaspekt mit. Studenten bezahlen bei mir nicht so viel wie finanziell bessergestellte Personen." Bei nur zehn bis fünfzehn Patienten in der Woche nimmt er sich für jeden mehr als eine Stunde Zeit. Ihn beschäftigen vor allem Ungewöhnlichkeiten, die er bei den Untersuchungen feststellen kann: Bei manchen Pianisten tritt eine Verkrampfung der Finger beim Musizieren auf, Probleme beim Schreiben auf einer Computertastatur haben sie nicht. "Warum agiert das Gehirn spezifisch?", fragt Altenmüller.

Auch Unterschiede in der Wahrnehmung von Musikern und Nichtmusikern interessieren ihn: "Bei einem meiner ersten Projekte forschte ich mit Kollegen daran, wie sich das Hören von Musik bei diesen beiden Gruppen im Gehirn auswirkt. Dazu maßen wir die Hirnaktivität der Testpersonen. Es zeigte sich, dass bei Nichtmusikern während des Musikhörens nur die rechte Hirnhälfte aktiv ist, während sich bei Musikern die linke Hälfte dazuschaltet."

Auch sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Erwin Schoonderwaldt forscht am Institut der Musikhochschule. Der 40-Jährige studierte Physik in Holland, spielt seit seinem achten Lebensjahr Violine und Bratsche und schrieb seine Doktorarbeit über Musikakustik. Sein Versuchszimmer ist ausgestattet mit fünf Kameras, die auf die Mitte des Raumes ausgerichtet sind. Dort liegt auf einem Klavierhocker eine elektronische Violine, die an einen Synthesizer angeschlossen ist.

"Ich erforsche die Interaktion zwischen Musiker und Instrument", erklärt der Physiker. "Ich erzeuge eine künstliche Störung und versuche dabei, die Reaktion des Musikers darauf herauszufinden." Der Testviolinist spielt auf der elektrischen Violine. Dabei trägt er Kopfhörer, die ihm die Töne verzögert zu hören geben. Mittels der Kameraaufnahmen können die Bogenstriche als Strichdiagramme auf Schoonderwaldts Computer übertragen werden, und er kann sie analysieren. "Als Physiker kann er eine genaue Winkelberechnung anstellen und die Versuchsergebnisse interpretieren", merkt Altenmüller an.

Er selbst kommt in letzter Zeit nicht so viel zum Forschen, sondern hält Vorträge in aller Welt. Er referiert über richtige Übungsstrategien für Musiker, Stressmanagement und Burn-out-Prävention oder Haltung und Bewegung am Instrument. Daneben gibt er Solokonzerte, bei denen er auf seiner Querflöte spielt und ein kleines Programm anschließt. So erklärt er als Neurologe den Zuhörern nach dem Vorspiel beispielsweise, wie Musik vom Gehirn aufgenommen wird.

Informationen zum Beitrag

Titel
Zur Diagnose auf dem Flügel vorspielen
Autor
Katja Schabet
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.01.2014, Nr. 12, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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