Die Bewohner bringen ihr Neugier entgegen

Punkerin Sophie lernt im Stuttgarter Mehrgenerationenhaus viel über Mut, Toleranz und Verantwortung

 

Es ist eine Chance, über seinen eigenen Tellerrand hinauszuschauen und herauszufinden, was man wirklich vom Leben will." Wie viele junge Erwachsene wusste auch Sophie von Ploetz nach dem Abschluss ihrer Schulausbildung nicht genau, wo ihr Weg hinführen soll. Die 21-Jährige ist seit vielen Jahren Teil der Stuttgarter Punkszene. Aufgewachsen in Holzgerlingen, südlich von Stuttgart, hat sie sich nach dem Abitur für einen Freiwilligendienst im Mehrgenerationenhaus Heslach entschieden, auch wenn sie dafür nach Stuttgart ziehen muss.

Die Pflegeeinrichtung im Stuttgarter Süden verfügt über 30 Altenpflegeplätze, zwei Kurzzeitpflegeplätze und 50 Plätze in der jungen Pflege. Die Bewohner des Generationenhauses sind zwischen 24 und 93 Jahre alt. Sophie absolviert ihren Freiwilligendienst in der jungen Pflege, wo sowohl jüngeren als auch älteren Patienten geholfen wird.

Die junge Pflege befindet sich im dritten Stock des Hauses. Sophie unterstützt das Pflegepersonal bei der Versorgung von Multiple-Sklerose-Patienten oder anderen neurologisch Erkrankten. Mit ihren rot gefärbten Haaren im Irokesenschnitt, ihrer mit Aufnähern übersäten Lederjacke und dem Nietengürtel erscheint die schmale junge Frau in dem Umfeld auf den ersten Blick ungewohnt. Auf die Frage, ob ihr Aussehen sie bei der Arbeit in irgendeiner Weise behindert, antwortet sie mit einem Lachen. "Zuerst waren vielleicht einige meiner konservativeren Kollegen ein bisschen irritiert, aber ich glaube, wir sind schnell miteinander warm geworden, als sie gemerkt haben, dass ich keinem Klischee entspreche und Vorurteile nicht immer stimmen müssen." So hat auch der Chef, als er ihr die Stelle zugesagt hat, nur mit einem Grinsen darauf hingewiesen, dass es nicht möglich sei, in Stiefeln zu arbeiten, sondern Turnschuhe Pflicht seien.

Die Bewohner brachten Sophie eher Neugierde und Interesse entgegen. Das liegt auch an der kleinen Narbe an einer Augenbraue, die von einem ehemaligen Piercing stammt. Eine Bewohnerin ist sogar regelrecht begeistert, denn aufgrund ihrer Sehbehinderung kann sie die Pfleger von weitem kaum auseinanderhalten, und dank der grellen Haarfarbe ist das Problem bei Sophie ausgeschlossen.

"Außerdem ist die Reaktion von jedem Menschen anders. Wir haben hier Leute mit vielen verschiedenen Weltbildern. Aber selbst die konservativeren Patienten mögen mich. Es kommt nicht darauf an, wie man aussieht, sondern wie man die Menschen behandelt. Schenkt man ihnen Freundlichkeit, Wärme und Interesse, bekommt man es zurück." Des Weiteren fällt der individuelle Kleidergeschmack der Mitarbeiter selten auf, denn im Generationenhaus Stuttgart-Heslach ist Arbeitskleidung während der Schicht Pflicht.

Schon um fünf Uhr morgens muss Sophie aufstehen, um mit ihrem Hund Gassi zu gehen und nicht in Zeitdruck zu geraten. Der morgendliche Spaziergang, wie Sophie den zehnminütigen Fußweg von ihrer WG bis zur Arbeit nennt, hilft ihr dabei, in Schwung zu kommen und schon einmal den bevorstehenden Tag ansatzweise zu durchdenken. Ihr Arbeitstag beginnt meist um 6.30 Uhr. Es ist nötig, dass sie so früh erscheint, denn die Bewohner in ihrem Stockwerk, die unter Einschränkungen durch multiple Sklerose, Epilepsie und Lähmungen, bedingt durch einen Schlaganfall oder ein Aneurysma, leiden, benötigen morgens Hilfe bei der täglichen Hygiene. Sophie unterstützt sie beim Zähneputzen, Waschen, Anziehen und weiteren Alltäglichkeiten.

Jeder Bewohner wird nach seinen Bedürfnissen und Vorlieben versorgt. Zum Beispiel wird das Frühstück jeden Morgen im Speisesaal angerichtet, doch es gibt auch Bewohner, die länger schlafen als andere oder die lieber alleine frühstücken. Ihnen wird die erste Mahlzeit dann auf ihr Zimmer gebracht.

Nachdem die Frühaufsteher versorgt sind, kann sich Sophie eine kleine Pause gönnen. Danach wird der Speisesaal aufgeräumt, und es geht weiter mit den Langschläfern unter den Bewohnern. Denn bis zum Mittagessen um 12 Uhr müssen alle fertig sein.

"Manchmal ist es schon stressig", gibt Sophie zu, als sie einen der langen Flure durchquert, an den sich die Zimmer der Bewohner reihen. Sie ist auf dem Weg zu Luise Gerwald (Name geändert), um ihr Bett frisch zu beziehen. "Es kann schon traurig sein, wie das Schicksal sich manchmal wendet", erklärt sie, bevor sie die Tür zum Zimmer öffnet. Die Mutter einer 12-jährigen Tochter ist Anfang 40 und war schwanger, als plötzlich ein Blutgerinnsel in ihrem Kopf platzt und sie unerwartet ins Koma fällt. Als sie eine Zeitlang später in einer Klinik, vom Hals abwärts gelähmt, wieder zu sich kommt und ihr mitgeteilt wird, dass ihr ungeborenes Kind nicht gerettet werden konnte, sitzen Schock und Trauer tief. Ihre Tochter kann sie in diesem körperlichen Zustand nicht mehr versorgen, und diese zieht zu ihrem Vater.

Luise Gerwald jedoch kommt in die junge Pflege des Mehrgenerationenhauses, um dort, falls es wieder möglich ist, Bewegungen zu erlernen, die für die meisten Menschen selbstverständlich sind. Nach einiger Zeit ist das Gefühl in ihre Extremitäten wieder zurückgekehrt, und auch bestimmte Bewegungen sind durch die Hilfe der Ärzte und Pfleger mittlerweile wieder möglich. "Manche Lebensgeschichten der Bewohner gehen einem schon sehr nahe, aber man lernt damit umzugehen." Sophie lächelt. Trotzdem gebe es im Pflegealltag auch andere, fröhlichere Dinge. "Es ist eben so, dass hier viele verschiedene Persönlichkeiten aufeinandertreffen. Das kann oft ganz schön lustig sein."

Gegen Ende der Frühschicht fallen noch Kleinigkeiten an wie das Auffüllen der Getränke und der Pflegewagen, die mit neuen Handschuhen, Handtüchern und Pflegemitteln bestückt werden müssen. Bei der Übergabe zur Spätschicht werden dann Tagesereignisse ausgetauscht, damit auch die folgenden Pfleger auf dem neuesten Stand sind. "Was auf jeden Fall gewöhnungsbedürftig ist, ist die Heimsituation. Viele Menschen leben hier auf engem Raum miteinander und werden vom Personal versorgt. Es gibt wenig Privatsphäre. In einem Heim muss rund um die Uhr Pflegepersonal anwesend sein. Man erlebt die Bewohner tagtäglich, man pflegt sie, man kümmert sich um sie, man hört ihnen zu. Ob sie traurig sind oder glücklich, ob ihre Medikamente anschlagen oder nicht, ob es ihnen besser- oder leider wieder schlechtergeht - man bekommt einfach alles mit, man ist im direkten Kontakt mit schwerkranken Menschen. Das kann traurig sein oder irritierend, aber auch schön", erzählt Sophie und denkt kurz nach. "Zum Beispiel gibt es eine Bewohnerin, die mich jeden Tag anstrahlt und freudig grüßt, egal, zu welcher Tageszeit ich ihr Zimmer betrete. Da bekomme ich gleich gute Laune, ganz gleich, wie anstrengend mein Tag war."

Für Sophie ist der Bundesfreiwilligendienst nicht nur eine Hilfe zur weiteren Berufsfindung, sondern eine ganz eigene Erfahrung. "Ich finde, in der heutigen Gesellschaft vergisst man leicht, dass es auch tiefer gehende Probleme gibt als den eigenen Alltag, die Schule, das Studium, das eigene Leben. Während eines sozialen Jahres hat man die Chance, mal umzudenken, zu sehen, was man für sich und andere tun kann. Es ist nicht immer einfach und wird auch nicht berauschend bezahlt, aber es ist die Mühe auf jeden Fall wert." Vor allem für Sophie, die nach ihrem Freiwilligendienst ein Studium im Bereich Soziale Arbeit anstrebt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Bewohner bringen ihr Neugier entgegen
Autor
Lucca Lohberg
Schule
Lise-Meitner-Gymnasium , Böblingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.02.2014, Nr. 42, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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