Die Patientin findet das Altwerden grausam

Das Leben mit der an Demenz erkrankten Mutter erfordert Geduld, den ewig gleichen Tagesablauf und zehrt gewaltig an den Kräften

Die 80-jährige Hilde Schmidt (alle Namen geändert) meistert die Probleme, die der Alltag für sie mit sich bringt, nur mit Hilfe ihrer fürsorglichen Tochter. Obwohl die Betreuung Geduld erfordert und kräftezehrend sein kann, steht die 48-jährige Karin Friedrich ihrer Mutter liebevoll zur Seite.

6.30 Uhr - der Wecker klingelt in Abterode, einem kleinen Dorf im Meißner-Vorland. Rasch zieht sich Karin Friedrich an und geht leise in die Küche, um das Frühstück vorzubereiten. Nur wenige Minuten später hört man schon die ersten Geräusche aus dem hinteren Zimmer der Wohnung - Hildes kleinem Reich. Tante Hilde, wie sie von den ihr nahestehenden Menschen liebevoll genannt wird, leidet an Demenz. Sie benötigt daher rund um die Uhr die Unterstützung ihrer Tochter.

Jeder Tag ist eine neue Herausforderung. Pünktlich wie ein Uhrwerk wacht die alte Frau auf, um wie jeden Morgen um sieben Uhr ihr Frühstück einzunehmen. "Feste Zeiten sind sehr wichtig für sie", erklärt die Tochter, während sie ihrer Mutter ihr tägliches Marmeladen-Toastbrot schmiert. "Alle unbekannten Dinge verunsichern sie. Ein geregelter Tagesablauf bringt die nötige Stabilität in ihr Leben." Heute steht jedoch eine kleine Änderung auf dem Plan. Noch zufrieden trinkt Hilde ihren Kaffee. Doch plötzlich schwankt ihre Stimmung, ein Anflug von Panik huscht über ihr Gesicht, als Karin ihr vom anstehenden Arzttermin berichtet. "Mir ist ganz schwarz vor Augen", klagt die alte Frau aus Angst vor dem Besuch, "kann man das nicht um einen Tag verschieben?" Diese Reaktion kennt Karin Friedrich nur allzu gut. Einfühlsam nimmt sie ihre Mutter beim Arm und versichert ihr, dass sie bei ihr ist. Die alte Frau wird sichtlich ruhiger und willigt schließlich ein, weicht aber keinen Schritt von ihrer Seite. Die erste Hürde ist genommen. Obwohl sich Hilde allmählich immer schlechter bewegen kann, ist sie durchaus noch in der Lage, sich alleine anzuziehen. Die Schwierigkeit besteht darin, das zuvor Bereitgelegte wiederzufinden. "Karin, Karin", schallt es durch das Haus, und ein gemeinschaftliches Suchen beginnt. Als Karin Friedrich ihrer Mutter bereits zum dritten Mal Pullover und Hose bringen möchte, findet sie Hilde im Bad vor: "Ich muss mich doch waschen", behauptet diese felsenfest und hat schon wieder vergessen, dass sie diesen Punkt gerade eben schon hinter sich gebracht hat. In aller Ruhe hilft ihr Karin Friedrich, bis sie schließlich fertig angezogen vor dem Spiegel steht. Zwei Stunden später sind die beiden wieder zu Hause, und das Mittagessen muss gekocht werden. Es ist Freitag, der Fischtag der Familie. Zum Fisch gibt es normalerweise Reis, was die alte Frau immer noch verwirrt. "Soll ich jetzt Kartoffeln schälen?", fragt sie erwartungsvoll. Das ist eine ihrer wenigen Möglichkeiten, im Haushalt mitzuhelfen. Genau das ist aber sehr wichtig für sie, sagt die Tochter: "Sie braucht Bestätigung und das Gefühl, ihren Teil beitragen zu können." Heute gibt es also Fisch mit Kartoffeln. Hilde macht sich voller Eifer an die Arbeit. Um 11.30 Uhr beginnt die 80-Jährige, unruhig zu werden. "Das Essen muss schon seit Jahren immer genau um zwölf auf dem Tisch stehen", erklärt die Tochter. Ausnahmen gibt es keine.

"Für heute brauche ich nichts mehr", verkündet Hilde nach zwei vollen Tellern und fängt an, das Geschirr aus der Spülmaschine zu holen, um es erneut mit der Hand zu säubern. Das dreckige Handtuch bemerkt sie nicht. Sanft nimmt Karin Friedrich es ihr aus der Hand und schickt sie für ihr gewöhnliches Mittagsschläfchen in die Wohnstube. Diese Zeit nutzt die 48-Jährige, um alles auf Vordermann zu bringen und sich um ihre drei Kinder zu kümmern, die schon alt genug sind, um sich den Rest des Tages alleine beschäftigen zu können.

Ihre Arbeit als Sekretärin hat Karin nach der Geburt ihrer Kinder aufgegeben. Die Tätigkeit in der örtlichen Bücherei beendete sie später wegen ihrer kranken Mutter. Weil ihr Mann als Zollbeamter am Frankfurter Flughafen arbeitet und oft nicht zu Hause ist, hat sie alle Hände voll zu tun. Viel Freizeit bleibt Karin nicht. "Ich bin zufrieden, solange es meiner Familie gutgeht und wir alle zusammen sind." Dies könnte nämlich schnell vorbei sein. Die Krankheit kann weitaus schlimmere Formen annehmen. Die Frau könnte die Aufgaben dann nicht mehr bewältigen. "Vor Krankenhäusern und Heimen hat meine Mutter große Angst, und zu anderen Menschen kann sie in der Regel nur schwer Vertrauen fassen", sagt sie besorgt, "für mich ist die Vorstellung besonders schlimm, dass man die Krankheit nicht aufhalten kann." Was wird in ein paar Jahren oder schon Monaten sein? Ein kompletter Verlust der Alltagskompetenz würde eine völlige Pflegeabhängigkeit bedeuten.

Aus dem Wohnzimmer ertönen wieder die ersten Rufe: "Karin? Wo bist du?" An vielen Tagen ist Hilde völlig orientierungslos. Immer wieder fragt sie, welcher Tag sei oder wo sie wohne, verwechselt Sommer und Winter und vergisst Besuche bei Freunden oder Verwandten. "Manchmal ist es wirklich erschütternd, wenn man feststellen muss, dass selbst besondere Ereignisse wie große Geburtstage nicht in Erinnerung bleiben. Nach der 80. Geburtstagsfeier einer alten Freundin fragte sie nur wenige Stunden später, ob diese schon gestorben sei." Hilde selbst bezeichnet das Altwerden als "grausam". Während das Kurzzeitgedächtnis kaum Informationen speichert, erinnert sie sich noch gestochen scharf an die Vergangenheit. Fragt man sie, wie alt sie ist, kommt keine Reaktion. Auf die Frage nach ihrem Geburtstag antwortet sie aber wie aus der Pistole geschossen: "31. Mai 1931."

Mit Demenzkranken muss man geduldig sein und stets die Ruhe bewahren. Wird man laut oder verliert gar die Beherrschung, kann das die Lage verschlimmern. Wenn der Druck zu groß wird, ruft sich Karin Friedrich immer wieder ins Gedächtnis: Dieses traurige Schicksal kann jeden treffen. Wir gehen alle den gleichen Weg. Wie Hilde zu sagen pflegt: "Wenn du alt bist, denkst du mal an mich."

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Patientin findet das Altwerden grausam
Autor
Christine Junghans
Schule
Oberstufengymnasium , Eschwege
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.02.2014, Nr. 42, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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