Am schlimmsten ist das flehende Schreien

Gerald Kunath ist Zugführer bei der freiwilligen Feuerwehr. Er löscht Brände, koordiniert Einsätze und sperrt Unfallorte ab, um Polizei und Rettungsdienst die Arbeit zu ermöglichen.

Laut heulend durchdringt ein Geräusch die nächtliche Stille. Kurze Zeit später stößt ein Mann die Tür zu einer menschenleeren Halle auf, und die darinstehenden riesenhaft wirkenden roten Fahrzeuge werden vom hellen Licht erstrahlt. Ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen, rennt der Mann weiter und beginnt sich nebenan seine Schutzkleidung anzuziehen. Nur wenige Minuten später kommen immer mehr Männer und Frauen, die sich selbst und die Fahrzeuge einsatzbereit machen. Es wurde ein Unfall auf der Autobahn gemeldet und die Feuerwehr alarmiert. Unter den Männern befinden sich der 50-jährige Gerald Kunath, der seit seinem 18. Geburtstag im aktiven Dienst der Freiwilligen Feuerwehr Ottendorf-Okrilla bei Dresden tätig ist und heute die Position eines Zugführers bekleidet, und der jüngere Gruppenführer Gregor Otte. Nachdem die Ersten fertig sind, setzen sie sich in die Fahrzeuge.

Beim Erreichen des Unfallortes befindet sich ein Pkw noch auf der Straße und weist nur leichte Kratzer und Dellen auf. Die Insassen stehen daneben und schauen mit entsetztem Blick auf das zweite Fahrzeug, das sich überschlagen hat und nun leicht qualmend kopfüber im Straßengraben liegt. Der vordere Kotflügel des Autos ist vollständig eingedrückt. Über allem schwebt ein stechender Geruch, der Halsschmerzen verursacht.

"Schon beim Anfahren stellen wir unsere Fahrzeuge so ab, dass wir die Unfallstelle bestmöglich sichern", erläutert Gregor Otte. Als ersten Schritt geht der Einsatzleiter dann mit einem Angriffstrupp und dem Melder die Lage erkunden. Die zwei Zivilisten werden aus der Gefahrenzone geschickt, und die volle Aufmerksamkeit wird dem zweiten Fahrzeug gewidmet, in dem sich eine eingeklemmte Person befindet. "Da es qualmt, wird erst einmal der Befehl zum Schnellangriff gegeben", betont Otte. Der Maschinist startet die Pumpe des Tanklöschfahrzeugs und sorgt zusammen mit zwei anderen Kameraden dafür, dass der Ausbruch eines Feuers verhindert wird, indem sie mit dem Wasser vom Fahrzeug die Ursache des Rauchs löschen. Währenddessen überprüft der Einsatzleiter, ob das Eindringen in das Auto durch eine der Türen möglich ist, und da der Verletzte eingeklemmt ist, wird ein Trupp mit "Schere/Spreizer" angefordert. Da alle Türen von innen verriegelt sind, muss der Melder los, um das "Glasmanagement" zu holen. Das sind alle möglichen Gerätschaften, um Fensterscheiben aus dem Weg zu räumen. Als Nächstes wird die Seitenscheibe des Fahrers splitterfrei entfernt. An der eingeklemmten Person sind keine sichtbaren schweren Verletzungen, aber sie ist nicht bei Bewusstsein, "was zum Beispiel auf innere Blutungen, Verletzungen der Halswirbelsäule oder auf einen Schlag gegen den Kopf hindeuten könnte", erklärt Otte. Aus diesem Grund waren auch keine Schreie zu hören, die aber auch belastend für die Feuerwehrleute sein können.

"Am schlimmsten ist das flehende Schreien und angsterfüllte Jammern der Eingequetschten, Verletzten und Sterbenden. Es klingt anders, qualvoller", sagt Gerald Kunath. Beim Gedanken daran runzelt der sonst so freundlich lächelnde Herr mit bereits angegrauten Haaren leicht die Stirn. Der inzwischen angekommene Rettungsdienst kontrolliert den Zustand des Verwundeten und fordert zur schnellen Rettung auf. Bei der "Schnellrettung" sind nun zwei Trupps mit Hilfe von "Schere/Spreizer" mit dem Herausschneiden des Betroffenen beschäftigt. Nachdem das geschafft ist, die verwundete Person dem Rettungsdienst übergeben wurde, die Polizei mit der Spurensicherung fertig ist, die Pkws abgeschleppt wurden und die Straße von Überresten wie Öl gereinigt wurde, können die Feuerwehrleute den Unfallort verlassen.

Zurück in der Feuerwehr, merkt man sofort, wenn der Einsatz besonders belastend war. Bei diesen Einsätzen "sind dann alle ruhig in der Umkleide", obwohl es laut Kunath besser wäre, darüber zu sprechen, damit solche Erlebnisse nicht in sich hineingefressen werden. "Solche Einsätze gehen einem noch lange durch den Kopf. Die vergisst man nie." Gerald Kunath könnte noch heute jeden seiner Einsätze beschreiben, bei dem es Todesfälle gab. Es besteht manchmal keine Chance, einen Menschen aus einem brennenden Haus zu retten, ohne das eigene Leben zu gefährden, denn bei einem solchen Unglück können bis zu 1000 Grad in dem Haus herrschen. In diesem Falle wird dann versucht, den Schaden zu minimieren, sodass das Feuer sich beispielsweise nicht weiter ausbreitet.

Doch am meisten belastet nicht das Leid vieler Menschen, sondern ein Unfall einer bekannten Person. Ist eine bekannte Person betroffen oder gar gestorben, so "versetzt man sich in deren Verwandte und Angehörige hinein. Man fragt sich, was diese Menschen jetzt fühlen, was für ein Leid auch sie ertragen müssen."

Doch es gibt auch Einsätze, nach denen in der Umkleidekabine munter geredet und laut gelacht wird. Hierbei handelt es sich um den Großteil der Einsätze im Jahr, bei denen alle betroffenen Personen glimpflich davongekommen sind. In solchen Einsätzen merkt man, dass man in der Lage ist, Menschen wirklich zu helfen. Gerald Kunath, dessen Vater schon bei der Feuerwehr war, ist in seinen 32 Jahren Dienstzeit schon viele Einsätze gefahren. Er hat Einsätze koordiniert, Brände gelöscht, Unfallorte abgesperrt, um der Polizei und dem Rettungsdienst ihre Arbeit zu ermöglichen, versperrte Türen geöffnet, um Menschen in ihrer Wohnung zu retten, vollgelaufene Keller ausgepumpt und Menschen versorgt, die durch eine Jahrhundertflut alles verloren hatten. "So stelle ich mir Krieg vor", sagt Kunath zu den Eindrücken, die er von der Flut davongetragen hat. All die weinenden Leute, die nichts mehr ihr Eigen nennen können, der überall anhaftende Gestank, die riesigen Müllberge. Der Feuerwehrmann sieht die Katastrophe, wie schnell man alles verlieren kann, und kann wieder heimfahren. "Darüber habe ich noch lange nachgedacht."

Informationen zum Beitrag

Titel
Am schlimmsten ist das flehende Schreien
Autor
Julia Buchar
Schule
Romain-Rolland-Gymnasium , Dresden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.03.2014, Nr. 58, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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