Teurer Sturz in die Tiefe

Ein Tag, wie er im Bilderbuch steht. Strahlend blauer Himmel, Berge, Natur pur und eine Gruppe überwiegend amerikanischer und australischer Touristen, die gespannt darauf warten, abgeholt zu werden. Von weitem ist ein etwas in die Jahre gekommenes, gelbes Postauto zu erkennen, das auf die Gruppe zufährt. Kurze Zeit später, als alle ihre Siebensachen eingeladen haben, geht es los. Die Fahrt führt durch die imposante Berglandschaft von Interlaken. Die Ortschaft, die im Berner Oberland liegt, ist, was den Tourismus anbelangt, in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. Dies ist nicht zuletzt auf das wunderschöne Alpenpanorama zurückzuführen. Unzählige Hotels und Ferienresorts wurden hier errichtet. Parallel dazu hat sich auch eine für viele Leute ungewöhnliche Branche angesiedelt, allgemein bekannt unter dem Begriff Adventuretourismus oder auf gut Deutsch Abenteuertourismus.

Man muss sich das vorstellen wie ein ganz gewöhnliches Reisebüro, das anstatt Reisen in englischen Begriffen Abenteuer anbietet, wie zum Beispiel Bungeejumping, tandem sky diving, river rafting und ice climbing. "Aussteigen, meine Damen und Herren, wir sind da", ruft Nicola Walters, eine der zwei Guides, die für die Betreuung der Gruppe zuständig sind. Die steigende Nervosität bei den Teilnehmern ist deutlich bemerkbar. "Jetzt geht es noch, aber wenn ich in der Gondel bin und in den fast 200 Meter tiefen Abgrund blicke, wird sich das wohl ändern", sagt Liam Cahill. Er ist einer von den rund 22 Teilnehmern und Teilnehmerinnen, die es wagen, aus der Stockhornbahn in die Tiefe zu springen. Liam Cahill stammt aus Australien, ist 23 Jahre alt und von sportlicher Statur. Er ist mit ein paar Studienkollegen für einige Tage in die Schweiz gekommen, um den Nervenkitzel zu erleben. Auf die Frage, warum er sich freiwillig in eine solch gefährliche Lage begibt, antwortet er gelassen: "Ich wollte schon immer wissen, wie sich das anfühlt, da oben zu stehen und den Kick zu erleben. Meiner Meinung nach, ist Bungeejumping einfach etwas, das man einmal erlebt haben muss." Nach dem Absprung werden die Teilnehmer mehrere Male von dem elastischen Seil zurück in die Höhe katapultiert. Danach werden sie gemächlich in ein kleines Ruderboot, das sich im See unter der Gondel befindet, hinuntergelassen. Natürlich können es die abenteuerlustigen Australier nicht lassen, durch den zwar kleinen, dennoch eiskalten See an Land zu schwimmen.

Als alle sich überwunden haben und gesprungen sind, geht es zurück zur Mittelstation der Stockhornbahn und dann weiter in Richtung Ausgangspunkt. Wie auf jeder Reisetour kann man an der Mittelstation Andenken, wie Videos und Fotos von den Sprüngen, erwerben. In der Frage, ob sich der finanzielle Aufwand von 120 Euro für das Abenteuer gelohnt hat, sind sich alle einig. Jeder der 22 Teilnehmer würde sofort wieder springen, so auch Liam Cahill, dem man die Aufregung noch etwas anmerkt. Bungeejumping ist nicht die einzige waghalsige Aktion, die an diesem Tag durchgeführt wird. Eine weitere ist tandem sky diving, ein Fallschirmsprung zu zweit. Dazu treffen sich alle auf einem kleinen Flugplatz nahe Interlaken. Nach einer kurzen Einführung bekommt jeder der Springer einen der Jumpmaster zugeteilt, so auch Lee Sun Young, ein abenteuerlustiger kleiner Südkoreaner, der für eine Woche mit seinen Freunden quer durch die Schweiz reist. Allerdings ist er heute alleine unterwegs, da dem Rest der Gruppe diese Aktion zu riskant war. Als Lee Sun Young nach 40 Sekunden freiem Fall, in denen er eine Geschwindigkeit von 200 Stundenkilometer erreicht, wieder festen Boden unter den Füßen hat, ist er, voller Euphorie, kaum mehr zu bremsen. Wie war der Sprung? "Just unbelievable, amazing."

"Sicherheit wird in diesem Business großgeschrieben", sagt Remo Linz, Geschäftsführer von Alpin Raft, auf die Frage eines Kunden, bei der es um die Sicherheit der Springer geht. "Für jeden Sprung werden höchste Sicherheitsmaßnahmen getroffen, jedes Seil, jede Absicherung wird mehrmals überprüft. Unsere kompetenten und gut ausgebildeten Guides wissen genau, worauf sie achten müssen, denn jeder von ihnen hat schon Hunderte von Sprüngen vorbereitet." Als der Kunde Linz auf die Gefahr von Unfällen anspricht, versichert jener, dass bei ihnen noch nie etwas passiert sei, da jeder seiner Mitarbeiter seine Arbeit sehr gewissenhaft ausführe. Ohnehin könne man sich keinen Zwischenfall erlauben, ,,es gibt nichts Schlimmeres in diesem Geschäft als schlechte Publicity". Dies ist schon dadurch bedingt, dass die Konkurrenz hart ist. Der nächste Anbieter für Abenteuertourismus befindet sich gleich eine Straße weiter. Angesichts der beeindruckenden Landschaft und der guten Infrastruktur ist dies nicht erstaunlich. Auch im Ausland gilt der Standort Interlaken als Mekka des Abenteuertourismus, und so nehmen die internationalen Gäste die weite Reise ins Berner Oberland gerne in Kauf.

Informationen zum Beitrag

Titel
Teurer Sturz in die Tiefe
Autor
Sandro Exer, Kantonale Mittelschule Uri, Altdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.2010, Nr. 262 / Seite N6
Projekt
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