Mit dem Bus quer durch Kanada

Nach einem tränenreichen Abschied von ihrer Familie reiste Luise Willer aus Heuchlingen im östlichen Württemberg nach Kanada. Ziel der damals 18 Jahre alten Abiturientin war Halifax auf der Halbinsel Nova Scotia. "Die Stadt war nicht das, was ich mir unter Kanada vorgestellt hatte. Es ist eine Industriestadt mit zu viel Lärm und zu wenig Natur." Immerhin bescherte ihr das "couch surfing" Abwechslung. Die Adressen und Telefonnummern suchte sie sich in dem Netzwerk der freiwilligen Gastgeber im Internet heraus. "Anfangs war es befremdlich, bei Unbekannten auf der Couch zu übernachten. Zum Glück habe ich keine chaotischen Zustände in den Häusern vorgefunden."

Nach drei Wochen reiste sie in den Norden nach Cape Breton zum Fischerort Peggy's cove, einer Touristenattraktion. Natur pur, große Wälder, grandiose Landschaften, Seen und der Ozean - genau das, was sich Luise unter Kanada vorgestellt hatte. Da sie mit der kanadischen Agentur "working holiday" reiste, musste sie sich um eine Arbeitsstelle bemühen. Im Gegenzug hatte sie deshalb von der kanadischen Botschaft ein Visum erhalten, das jedes Jahr nur 3000 Mal vergeben wird, unter anderem ist ein Mindestbetrag von 3000 Euro auf dem Konto Voraussetzung.

Mit dem Greyhound-Bus fuhr sie nach Montreal, der Millionenstadt auf einer Insel im Sankt-Lorenz-Strom. Innerhalb von zwei Tagen fand sie eine Wohnung und kurze Zeit später einen Job. Ihr half, dass sie Französisch als Leistungskurs belegt hatte. "Ich arbeitete als Videospieltesterin bei einer internationalen Firma. Meine Aufgabe war es, diese Spiele zu testen und Kommentare vom Englischen ins Deutsche zu übersetzen." Auf Dauer wurde ihr das aber zu eintönig. "Trotzdem war der Job eine gute Wahl, da er gut bezahlt war." Luise kaufte sich ein Zweimonatsticket für den Greyhound-Bus. Die Reise ging nach New Orleans in Louisiana und dann nach Miami in Florida. An der Südostküste erwarteten sie Sonne, Palmen, Strand. Von dort reiste sie die Ostküste entlang nach Norden in die Hauptstadt Washington und weiter nach New York. "Besonders beeindruckend war der Rummel rund um den Times Square. Allerdings kann man sich auch bei einem schönen Abendessen von dem Großstadtzirkus abschotten. Ansonsten kann einen diese gigantisch große Stadt erschlagen."

Später fuhr sie mit dem Greyhound-Bus quer durch Kanada an die Westküste, Ziel war Vancouver. Die Reise über mehr als 4000 Kilometer war anstrengend. Eine Woche war sie zur Westküste unterwegs, geschlafen wurde meist im Bus, selten in Hostels, an denen der Bus alle zwei Tage hielt, damit die Gäste duschen und sich in einem bequemen Bett ausschlafen konnten. "Das warme Wasser der Dusche und die weiche Matratze waren immer eine Erlösung von den Strapazen."

In Vancouver mietete sie sich zusammen mit einer Freundin, die sie im Bus kennengelernt hatte, eine kleine Wohnung. Nicht nur um die Miete bezahlen zu können, hielt sie Ausschau nach einer Arbeitsstelle. Luise brauchte das Geld auch, um sich wie gewohnt ernähren zu können. Vieles, was ihr schmeckte, wie Obst und Gemüse, ist in Kanada teuer, nur Fleisch und Nudeln sind billig. Ebenfalls gewöhnungsbedürftig war für sie, dass es günstiger war, zum Beispiel in einer Sushi-Bar zu essen, statt selbst zu kochen. Abends kellnerte sie in einem veganen Restaurant, tagsüber arbeitete sie in einer Créperie. Bald hatte sie genug Geld beisammen für eine Urlaubswoche auf Kuba. Sie bereiste Vancouver-Island und Seattle.

Nach neun Monaten kehrte sie heim. "Richtiges Heimweh hatte ich nie, dafür habe ich zu viel Schönes und Neues erlebt." Nur manchmal wäre sie gerne an zwei Orten zugleich gewesen, so bei der Hochzeit ihres Cousins oder am fünfzigsten Geburtstag ihrer Mutter. Luise hat sich für ein Studium an der Universität Passau im Bereich Kunst-und Mediengestaltung im frankophonen Sprachraum entschieden. So hat sie später die Chance, nach Kanada zurückzukehren.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit dem Bus quer durch Kanada
Autor
Bastian Pfeiffenberger
Schule
Buigen-Gymnasium , Herbrechtingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.03.2014, Nr. 76, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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