Sechs Priester und ein Brautpaar

Schon im März fing die Planung an. "Er machte ihr einen Heiratsantrag auf dem Berg Kilimandscharo in Südafrika!", erzählt die Kusine der Brautmutter. Sie trägt farbenfrohe Saris, die bei jedem Anlass verschieden sind. Ein Sari besteht aus einem Oberteil und einem Rock, der verbunden wird mit einem über die Schulter geschwungenen Schal. In der Woche nach dem Antrag wurde die Verlobung gefeiert. Die Hotels, wo die Festlichkeiten stattfinden sollten, und der Cateringservice wurden gebucht. Eine hinduistische Hochzeit wird an drei bis vier Tagen mit verschiedenen Ritualen gefeiert. "Jedes Familienmitglied hat eine wichtige Rolle zu spielen", erklärt die jüngere Schwester der Braut. Dann werden die Gäste eingeladen, die aus der ganzen Welt einfliegen: Amerika, Australien, Deutschland, aus ganz Indien reisen Bekannte und Verwandte an.

Sobald man das Flughafengebäude in Kalkutta verlässt, spürt man die Schwüle und fremde Gerüche, die Europäer nicht einordnen können. Obwohl es November ist, herrschen noch 20 Grad Celsius. Die Rituale beginnen am Mittwoch. Am Morgen betet die Braut zu den Vorfahren und bittet um deren Segen. Die Gäste versammeln sich und beten zu Ganesh. Der Priester verliest die Namen der elefantenköpfigen Gottheit, bei jedem Namen werden Blüten über eine kleine Statue des Gottes gestreut. Diese Zeremonie heißt Pooja. Danach wird die Braut von den Gästen mit Reis und Blumen beworfen. Die Frauen singen einen Segen für sie. Später wird sie von der Familie beschenkt. "Nicht nur Schmuck oder Kleider werden geschenkt, auch Glückwünsche für ein langes Leben mit vielen Kindern werden ausgesprochen", erklärt die Cousine.

Am Donnerstag bereiten sich die Frauen auf die Hochzeitszeremonie vor, indem sie ihre Hände mit Henna-Tattoos bemalen lassen. Dieses Ritual nennt sich Mehendi. Die Dekoration ist in Rot- und Orangetönen gehalten, sie symbolisieren Wohlstand und Glück. Die Mädchen und Frauen tragen prachtvolle Saris. Das Abendessen ist durch Lichter in Blautöne getaucht. Es ist noch angenehm warm, Kellner bieten Getränke an.

Bevor das Buffet eröffnet wird, findet die "Tika" statt, die die Heirat durch das Auftragen des roten Punkts auf die Stirn symbolisiert. Der Priester trägt dem Bräutigam dieses "Bindi" auf. "Dies soll zur Stärkung zwischen den beiden Familien dienen", erklärt die Cousine. Die Familie der Braut beschenkt den Bräutigam und umgekehrt. Nach dem Essen findet eine Party für die jüngeren Gäste statt, der auch das Brautpaar beiwohnt. Da die eigentliche Heiratszeremonie erst am Nachmittag des nächsten Tags anfängt, zieht sich die Feier bis spät in die Nacht hinein. "Indische Hochzeiten bringen das Beste von der Kultur des Landes zusammen, wenn man die Traditionen der Familie, das Tanzen, die Musik, das Essen und die Dekoration betrachtet", erklärt der Bräutigam, der seine Braut um einiges an Größe überragt, jedoch genauso wie sie liebenswert auftritt.

Nun zieht er mit seiner Familie und Freunden ein. Die Braut entscheidet, wie er zu kommen hat, ob er schwimmt, rennt, tanzt oder auf einem Elefanten reitet. Bei dieser Hochzeit fährt er mit einem weißen Bentley und viel Musik ein, genauer gesagt, er sitzt nicht im Auto, sondern steht und tanzt darin die Auffahrt hoch. "Die oben beschriebene Tradition, Baraat genannt, also die Ankunft des Bräutigams soll verdeutlichen, dass die Familie des Bräutigams auf dem Weg ist und gleich mit der anderen Familie zusammentrifft", sagt die Cousine.

Dann werden sie von der Gastgeberfamilie, der Familie der Braut, empfangen. Den Männern werden von Männern aus der Familie der Braut Blumengirlanden umgelegt, und die Frauen erhalten kleine Präsente von den Frauen, um die Gastfreundlichkeit der Familie zu symbolisieren. Anschließend segnet der Bräutigam das Haus, indem er ein Rechteck aus Jasminblüten mit einem Wedel mit grünen Blättern berührt. Daraufhin besteigt er ein Podest, damit ihn alle sehen können, und seine zukünftige Schwiegermutter segnet ihn.

Endlich erscheint die Braut. Sie verlässt das Haus mit ihren Schwestern an der Seite, sie halten Kerzen, um böse Geister zu verscheuchen. Auch drei junge Männer begleiten sie. Die Braut trägt einen wunderschönen roten Sari, viel Schmuck und Piercings. Die Haare sind von einem roten Schleier bedeckt. Die Blumenmädchen bestreuen den Weg mit Rosenblättern. Auf dem Podest legen sich Braut und Bräutigam Girlanden aus Blumen um. Noch einmal werden offizielle Bilder des Brautpaares gemacht. Dann begibt sich das Paar unter einen Baldachin, "Mandap", unter dem eine Feuerstelle steht und wo die sechs Priester und das Paar Platz nehmen. Das Feuer dient dazu, den Segen des Feuer-Gottes Agni zu erhalten. Eine zweistündige Zeremonie findet nun statt, bei der die Priester nicht nur das Brautpaar segnen, sondern auch Lebensanweisungen geben und Glückwünsche aussprechen. Dann streut das Paar Reis und Sandelholz ins Feuer und läuft siebenmal darum. Während sie laufen, ist der Schal der Frau mit dem Turban des Mannes verbunden. Endlich spricht der Brahmanenpriester die Worte: "Now you are husband and wife." Die Gäste werfen Rosenblätter auf das Paar.

Zwei Stunden später empfängt das frisch vermählte Paar an einem anderen Platz die Gäste, die dann einzeln gratulieren, ein Foto zusammen schießen, dann ist das Dinner-Buffet eröffnet. "Die mehrtägigen Zeremonien sind ein strahlendes Beispiel für langlebige familiäre Traditionen, die bis ins 21. Jahrhundert im modernisierten Indien fortbestehen", sagt der Bräutigam. Auch ärmere Familien feiern Hochzeiten so groß, dass sie ein Leben lang die Schulden abarbeiten müssen. Das ist zumindest der Fall, wenn man eine Tochter vermählt, da die Familie der Braut die Kosten für die Feier trägt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Sechs Priester und ein Brautpaar
Autor
Victoria Kühborth
Schule
Albert-Einstein-Gymnasium , Frankenthal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.04.2014, Nr. 88, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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