Sie nennen ihn den Kartteufel von Knetzgau

Jeder gefallene Pylon kostet Strafsekunden. Die will Tobias natürlich nicht kassieren, wenn er auf dem Kartplatz in Knetzgau seine Motorrennen fährt. Der 16-Jährige ist Deutscher Meister.

Adrenalin, Fairness, Spannung" - dies macht für Tobias Lehmann, den Rennfahrer mit einem gelb-schwarzen Anzug und einem auffallend grünen Helm auf dem Kopf, seine Sportart so attraktiv. Der 16-jährige Schüler aus dem Dorf Knetzgau, zwischen Schweinfurt und Bamberg gelegen, geht in der Kleinstadt Haßfurt, etwa sieben Kilometer von seinem Heimatort entfernt, auf das Regiomontanus-Gymnasium. Er betreibt seit 2005 den Motorsport Jugend-Kart-Slalom beim MSC Knetzgau. "Das Ziel bei dieser Sportart ist es, einen mit Pylonen gestellten Parcours in möglichst geringer Zeit zu bewältigen und die Pylonen nicht umzuwerfen. Denn für jeden gefallenen Pylon bekommt man auf die Rundenzeit zwei Strafsekunden aufaddiert."

Auf dem Parcours ist in dieser Sportart, im Gegensatz zu Rundstreckenrennen, immer nur ein Kart unterwegs; somit ist den Fahrern "ein Höchstmaß an Sicherheit" geboten, da keine Kollisionsgefahr besteht. Da jeder Fahrer nur einen Probelauf zur Verfügung hat, muss man in den zwei folgenden gewerteten Runden auf Anhieb seine Höchstleistung abliefern können.

Zur Fairness den jüngeren Fahrern gegenüber wird der Sport in fünf Altersklassen aufgeteilt, des Weiteren wird, durch zwei vom Veranstalter der Rennen zur Verfügung gestellte identische Karts, der Fokus auf die fahrerische Leistung gelegt und nicht, wie beispielsweise in der Formel 1, auf die Technik der Fahrzeuge. Im Jugend-Kart-Slalom sind Karts mit 6,5 PS vorgeschrieben, die bis zu 65 Stundenkilometer schnell werden können, bis zu 7,5 Liter je 100 Kilometer verbrauchen und ungefähr 3000 Euro kosten.

Zu der außergewöhnlichen Sportart kam Tobias durch seinen großen Bruder, der den Sport schon einige Jahre länger betreibt. Tobias trainiert jeden Dienstag und Samstag je zwei Stunden mit seinen Vereinskameraden auf dem Kartplatz in Knetzgau. "Beim Training versuche ich hauptsächlich, meine Technik beim Fahren zu verbessern, wobei ich dann weniger auf die Pylonen achte, die ich werfe, sondern nur versuche, nicht zu rutschen, denn wenn der Kart quer steht, gehen wertvolle Sekunden verloren, die im Rennen den Sieg kosten können." Das sieht man bei seinen Trainingsfahrten. Von Runde zu Runde werden die Zeiten von Tobias besser. Manchmal gehen die Karts bei dem vielen Training auch kaputt, zum Beispiel durch einen platten Reifen oder einen gerissenen Gas- beziehungsweise Bremsseilzug. "Häufig sind die Reifen abgefahren und müssen gewechselt werden, weil die jüngeren Fahrer das Fahrzeug noch nicht so gut beherrschen und ihnen die nötige Technik für das Fahren fehlt. Denn durch das Rutschen neigen sich die Reifen schneller dem Ende", erklärt Tobias. Ein gutes Mechaniker-Team ist nötig, damit die Fahrzeuge schon beim nächsten Training wieder funktionstüchtig sind.

Die Mechaniker sind außerdem dafür zuständig, dass bei plötzlich einsetzendem Regen immer Intermediates oder Regenreifen zur Verfügung stehen. Das ist auch für die Sicherheit wichtig, denn wenn es regnet und Slick-Reifen auf den Karts aufgezogen sind, hat der Fahrer wenig Kontrolle über das Fahrzeug, da es stark untersteuert oder es im schlimmsten Fall sogar zu Aquaplaning kommt, wobei man die komplette Kontrolle über den Kart verliert. Das passiere aber selten, sagt Tobias, den die Fahrer des MSC Knetzgau wegen seiner vielen Titel den Kartteufel nennen. Er zählt auf: 2006 Unterfränkischer und Nordbayerischer Meister, 2008 Unterfränkischer, Bayerischer und Deutscher Meister. Tobias ist kaum mehr zu stoppen, denn das waren erst die Meistertitel. Dazu kommen noch Vizemeister und weitere Siege. Für solche großen Leistungen muss man sich intensiv auf die Rennen vorbereiten.

Aber bevor der Rennfahrer an den Start darf, sind die jüngeren Vereinsmitglieder aus den niedrigeren Altersklassen an der Reihe, die er sowohl bei dem Training als auch bei den Rennen betreut. "In den Kurven musst du mehr darauf achten, nicht zu rutschen. Sobald der Kart beginnt zu schleudern, musst du etwas auf die Bremse. Dann bist du nicht nur schneller, sondern du hast auch mehr Kontrolle über den Kart, so dass die Wahrscheinlichkeit, einen Pylon zu werfen, sinkt." So lauten die Tipps von Tobias an die jüngeren Fahrer, damit auch sie fehlerfrei und schnell durch den Parcours gelangen.

Dann ist es soweit. "Hinsetzen - Augen schließen - den Parcours in Gedanken durchgehen, und los geht es", so beschreibt der Deutsche Meister seine Vorbereitung auf ein Rennen. "Aber das macht jeder auf seine Art und Weise", fügt er hinzu. "Eigentlich ist der Sport nicht gefährlich", meint Tobias. "Aber einmal habe ich schon einen Überschlag miterlebt, an dem ich zum Glück nicht beteiligt war." Aber zu einem Überschlag kommt es nur, wenn man mit einer zu hohen Geschwindigkeit eine enge Kurve fährt und das zudem noch an einem sonnigen Tag, an dem der Boden heiß ist, so dass man viel Bodenhaftung hat und sich der Kart zuerst nur auf der Innenseite der Kurve abhebt und sich letztendlich überschlägt. Tobias selbst hat sich bei diesem Sport noch nicht verletzt.

Aufgrund dieser Begeisterung für den Kartsport könnte man vermuten, sein Vorbild sei ein Rennfahrer wie Sebastian Vettel oder Michael Schumacher. Doch Tobias erwidert: "Mein Vorbild ist Silvio Heinevetter, der Handballtorwart der Füchse Berlin, da er durch klasse Flugparaden viele gute Würfe hält." Der Rennfahrer ist nämlich auch noch Torwart des Handballvereins TV Königsberg. "Aber mein Lieblingsrennfahrer ist natürlich Sebastian Vettel, weil er mit nur 26 Jahren schon viermaliger Weltmeister in der Formel 1 ist." Deshalb ist Tobias' Spitzname auch Heinevettel. "Beim Handball allerdings habe ich mir schon einmal den Fuß angeknackst, indem ich beim Aufwärmen aus Versehen auf den Ball getreten bin."

Informationen zum Beitrag

Titel
Sie nennen ihn den Kartteufel von Knetzgau
Autor
Philipp Lehmann
Schule
Regiomontanus-Gymnasium , Haßfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.08.2014, Nr. 196, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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