Von der Hütte in Schwäbisch Gmünd bis zur Destillerie in Chicago

Bier zu brauen, hat ihn schon als Kind fasziniert. Heute besitzt Ulrich Martin eine kleine Brauerei in Unterfranken und ein Wirtshaus mit Seele. Das Leben ist zu kurz, um schlechtes Bier zu trinken." Das kernige Lachen des gestandenen Kerls nimmt einen sofort gefangen. Ulrich Martin, Jahrgang 1968, ist Braumeister. Dass in seinem Wirtshaus im 700-Seelen-Dorf Hausen bei Schonungen in Unterfranken seit sechs Jahren selbst gebraut wird, verrät der Brauerstern am Straßenrand. Ein Abzeichen, das ihn stolz macht, steht es doch für seinen Lebenstraum. Den hegt der im Nachbardorf Mainberg Aufgewachsene schon seit frühester Kindheit und lebt ihn seit sieben Jahren mit der eigenen Privatbrauerei samt Gaststätte aus. Außen ist das zweistöckige Steinhaus von 1902 völlig erhalten geblieben. Der Mälzereischlot ragt noch über dem Anwesen. Ein typisch fränkischer, schmaler Hof liegt zwischen Wirtschaft und Brauerei. Schank- und Gasträume sind im Stil traditioneller Brauereigaststätten saniert. An diesem sonnigen Nachmittag ist der Wirtshausbetrieb natürlich in den Biergarten verlegt, wo ein malzig-würziger Duft in der Luft liegt. Er trägt einen erheblichen Anteil zur Faszination bei, die der Gerstensaft auf Martin ausübt. "Dieser spezifische Geruch in Kombination mit dem Geklapper der Flaschen hat mich schon als Kind gefesselt. Ich bin eng mit dem Produkt verwachsen. Dabei stamme ich noch nicht mal aus einer Brauerfamilie. Vater, Onkel, teils auch die Geschwister sind Juristen, mütterlicherseits komme ich aus einem Medizinerhaushalt." Einfach aus einer Laune heraus habe er mit 14 angefangen, Maßkrüge zu sammeln und mit 15 die ersten Ferienjobs in Brauereien gehabt. "Da hab ich mich dann allerdings als 16 ausgegeben." Spätestens da sei ihm seine Bestimmung klargeworden. "Ich hab dann erstmals auf dem Weg zum Abi meine Fühler ausgestreckt, aber überall wurde mir der Beruf miesgemacht. Er sei vom Aussterben bedroht, hieß es. Tatsächlich haben viele Brauereien in der Gegend geschlossen. Deshalb hab ich dann erst mal Deutsch auf Lehramt studiert, was aber eher zweite Wahl war." Doch es kam anders. "Das war wirklich totaler Zufall. Ich habe damals beim Biersommerfest eines Bekannten geholfen, als mich ein schwerer Gewitterguss dazu zwang, unter einem Pavillon Schutz zu suchen. Und während ich da so unter der Plane stand, kam der Brauerei-Chef dazu und mit mir ins Gespräch." Nachdem er auf dessen Frage "Warum gehst du eigentlich nicht bei mir in die Lehre?" nichts erwidern konnte, war der Zeitpunkt zur Brauerkarriere gekommen. "Ich habe dann eine super Ausbildung genossen und glücklicherweise die Faszination an der Sache nicht einbüßen müssen. Denn oft ist es ja so, dass viele total beseelt einen Job antreten und das dann während der Lehre ausgetrieben bekommen." Anschließend blieb er erst einmal in Zeil am Main, ehe es ihn in den Norden zog. "Beim bekannten Bremer Großkonzern konnte ich die Technologie im Großmaßstab kennenlernen. Eine prima Erfahrung. In der Zeit hab ich sogar schon in meiner Eineinhalb-Zimmer-Bude die Grundidee für meine jetzigen Etiketten entwickelt." Erkennungsfarbe ist ein sattes Dunkelgrün. Alle Etiketten werden vom "fränkischen Rechen" dominiert, einer auf dem Kopf stehenden roten Zackenkrone. Der Traum von der eigenen Brauerei trieb ihn an weitere Schauplätze: Eine Meisterausbildung auf der Brauerschule in München folgte, dort gewann er den Bayerischen Meisterpreis. Dann arbeitete er zwei Jahre in einer in Bangkok stationierten Münchner Lizenzbrauerei. "Die thailändische Brauerei war direkt am Flughafen in Bangkok. Da kamen auch manchmal Prominente vorbei. Ich habe schon mit Berti Vogts ein Bier getrunken." Später wechselte er nach Schwabach, Tübingen und ins Allgäu. Spricht er von seiner Lebenssituation, dann fallen Begriffe wie Schicksalsfügung, Zufall oder Glück. Auch den Erwerb der einstigen Brauerei- und Mälzerei-Ruine in Hausen steckt er in eine solche Kategorie: "Meine Schwägerin erzählte mir von einer Veranstaltung. Ein Vortragsabend. Da wollte ich mich mal zur Finanzierung schlau machen, denn mir war absolut klar, dass es ohne Diridari nicht klappen kann. Ich war dann zehn Minuten zu früh dran und hatte Zeit, mich mit dem Referenten zu unterhalten. Der war von meinem Konzept angetan und hat mir einen Monat später eine Vollfinanzierung ermöglicht. So hab ich mir das Anwesen dann 2007 zum Weihnachtsgeschenk gemacht." Seine Glückssträhne reißt nicht ab und zeigt sich im Kauf der modernen, aber "erschwinglichen" Ausstattung seines Sudhauses wie auch in seinem Umfeld. "Die ganze Konstellation um mich herum passt einfach. Mein Bruder ist Fotograf, ein guter Freund Grafiker. Das ist natürlich ideal für mich, um Internetauftritt und Werbung ansprechend gestalten zu können. Mein Standpunkt ist allerdings: Der Auftritt ist wichtig, aber das Produkt muss passen. Es muss dabei vor allem mir schmecken." Diesem Anspruch wird vor allem das vollmundige Spezial, eine von drei regelmäßig gebrauten Sorten, gerecht. Dass er ein Genießer der alten Schule ist, spiegelt sich in der rustikalen Optik des Wirtshauses wider. "Ein Wirtshaus braucht Seele. Das klingt hochtrabend, aber so ist es eben. Ich kann im Sportheim kein Bier oder Schnitzel genießen." Der Erfolg gibt Martin recht. "Sicher gibt es auch viele, die sagen: Dem Martin sei Bier schmeckt net! Und das ist auch gut so, sonst könnte ich nicht liefern." Mit oft acht Braueinsätzen in der Woche, die 1100 Liter fertiges Verkaufsbier je Sud liefern und die er zusammen mit seinem einzigen Angestellten stemmt, sind die Kapazitäten voll ausgeschöpft. "Ich werde nicht reich, doch ich bin glücklich und zufrieden mit dem Status quo", sagt der Brauer, dessen Frau eine Gärtnerei betreibt. Martins Arbeitskraft wird wieder im Sudhaus benötigt: Der dicke Schaum der Reinhefe muss vom Fliesenboden gespült werden. "Ein Brauer ist eine bessere Putzfrau", schallt es noch heraus. In solchen rhetorischen Momenten scheint der ehemalige Lehramtsstudent wieder in ihm aufzublitzen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Von der Hütte in Schwäbisch Gmünd bis zur Destillerie in Chicago
Autor
Lorenz Rodríguez Knödler
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.09.2014, Nr. 208, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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