Kartoffelkäfer sammeln, Kuh gucken, gärtnern

Es ist ein Lernprozess: Der Mensch muss wieder zuhören. Es geht darum, Wissen weiterzugeben. Eine Generation Pause, und es ist weg." Das Thema liegt ihr am Herzen. Erika Peter, Jahrgang 1964, blickt in voller Arbeitsmontur auf die zehn Gartenparzellen zu je 40 Quadratmeter und sinniert über die Vorteile, die Selbstangebautes mit sich bringt. "Dahinter stecken ganz einfache Fragen: Wie will ich mich ernähren? Mit Sachen aus China? Sachen, bei denen ich mir nie sicher sein kann, wo sie herkommen? Denn Papier ist geduldig."

Ihre Saisongärten, gelegen in Schwebheim in Unterfranken, sind für sie die Antwort auf ihre Fragen. Gemeinsam mit ihrem Mann führt sie seit 25 Jahren einen landwirtschaftlichen Betrieb mit den Schwerpunkten Milchkühe und Kräuteranbau. Seit vier Jahren verpachten die beiden Saisongärten. 130 Euro müssen für eine ihrer Parzellen im Jahr gezahlt werden. Initiiert wurde das Projekt von einer bekannten Lebensmittelkette mit Schwerpunkt im fränkisch-hessischen Raum. Die Firma hat das Konzept mittlerweile in ganz Hessen und Nordbayern etabliert und steht Familie Peter bei ihrem Tun begleitend und beratend, jedoch nicht finanzierend zur Seite. Das Unternehmen veranstaltet einmal im Jahr ein Treffen in Fulda, wo eine Mitarbeiterin die Saisongärtner berät. "Das Konzept hat uns überzeugt. Interessierte pachten zu Saisonbeginn einen von uns vorbereiteten und bepflanzten Garten, den sie dann bis Saisonende pflegen und dessen Ernte sie natürlich auch einfahren", erklärt Erika Peter.

Die Möglichkeit, eigene, zusätzliche Gemüsesorten zu der vorgelegten Bepflanzung anzubauen, besteht ebenfalls. Dabei gilt es, einige Vorschriften zu beachten: "Das Saatgut ist vorgeschrieben, es muss nach Ökoland-Richtlinien angebaut werden, und gespritzt wird grundsätzlich nicht." Befolgt man diese Regeln, kann man das Grundsortiment beliebig erweitern. "Hier hat sich zum Beispiel jemand an veredelter Paprika versucht. Aber für die ist es hier viel zu kalt und die Bewässerung zu gering. Das bringt wenig Ernte. Das sehe ich schon." Die Saisongartenklientel ist in den Augen von Erika Peter eine andere als die der beliebten Schrebergärten. "Der Kleingartennutzer sucht in erster Linie Erholung, während bei uns das Hauptaugenmerk auf der aktiven Arbeit liegt. Aber auch die bringt einen ähnlichen Wohlfühleffekt." Der sei nicht zu unterschätzen, erdet er doch ihrer Meinung nach die oft von Lärm geplagten Leute.

Und daran hat man keinen Zweifel, lässt man die Umgebung auf sich wirken. Der süßliche Geruch des nahe gelegenen Kuhstalls hängt in der Luft, die getigerte Hofkatze Grey spaziert durch die Felder. Das Plätschern des angrenzenden Baches vermischt sich mit dem Klappern eines beachtlichen Windrades, das auf einem der Gartenabteile thront. "Das ist eine Vogelscheuche, die der Besitzer zu Fuß bringen musste, da er sie nicht im Auto unterbringen konnte." Erika Peters Lachen ebbt etwas ab, als sie auf die Notwendigkeit der Vorrichtung zu sprechen kommt. "Wir hatten dieses Jahr ein großes Problem mit Wildtauben. Die haben hier von Fenchel bis Sellerie alles geköpft. Der ganze Kohlrabi war bis auf die Blattrippen zerfleddert." Dieses Problem sieht Miriam Landgraf gelassen: "Sicher verreckt auch immer ma wat. Aber das is Natur. Das is okay." Ihre Wurzeln liegen unüberhörbar im Ruhrpott. Die Flucht aus dem dichtbesiedelten Raum in die unterfränkische Idylle scheint dabei nicht zufällig. Die 45-jährige gelernte Gärtnerin und Erzieherin ist naturverbunden. "Ich kenne das noch von den Großeltern. Die waren selbst gärtnerisch tätig, und ich habe das schon als Kind geliebt." Lange habe sie nach einem kleinen Feld gesucht, bis sie in der neuen Umgebung fündig wurde. "Ich bin durch ein Plakat in der Gemeindebibliothek auf die Saisongärten aufmerksam geworden. Ich war sofort angetan und nutze das Angebot schon im zweiten Jahr. Fortsetzung folgt." Das heitere Wesen der Dame im Trainingsoutfit und der Harke in der Hand wirkt geradezu unerschütterlich.

Einzig die hohen Preise für Bioprodukte stimmen sie nachdenklich. "Das ist im Grunde die gleiche Diskussion wie mit dem Mindestlohn. Die Sachen sind ganz einfach ihr Geld wert. Es steckt viel Arbeit dahinter. Und ich zahle lieber mal etwas mehr, anstatt zuzusehen, wie Höfe zugrunde gehen. Es muss ja auch nicht immer alles billig sein." Umso schöner findet sie es, den Kindern ihrer Parzellennachbarn beim Auskundschaften der Anlage zuzuschauen. "Echt schade, dass die Kiddies heute nicht hier sind. Da geht immer die Post ab: Kartoffelkäfer sammeln, Kuh kucken. Da findest du hier auch keine Gießkanne mehr." Die Freude ist ihr anzusehen. "Die Kinder lernen es hier zu schätzen, welche Arbeit in der Nahrungsmittelproduktion steckt und dass von allein auch nichts kommen kann."

Miriam Landgraf genießt den Austausch mit ihren Gärtnerkollegen: "Man kann hier alleine sein, aber auch Kontakte knüpfen. Wie man möchte. Vor allem abends findet man immer jemanden zum Quatschen." Erika Peter stößt ins gleiche Horn: "Gesprächsstoff für einen kurzen Plausch findet man immer. Die letzten Tage erst haben wir uns gefragt, woher das permanente Geräusch stammt, das an eine quietschende Kinderschaukel erinnert. Gestern Abend sind wir endlich dahintergekommen: Im Apfelbaum sitzt ein kleines Käuzchen." Tatsächlich wird einem das vehemente Pfeifen des Jungvogels erst jetzt bewusst. Der Mensch muss wieder zuhören.

Informationen zum Beitrag

Titel
Kartoffelkäfer sammeln, Kuh gucken, gärtnern
Autor
Daniel Schmitt
Schule
Bayernkolleg , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2014, Nr. 231, S. 34
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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