Zurück aus Kenia, hat sie eine neue Sicht auf Europa

Eine einzige Straße. Tausende von Kilometern lang. Auf halbem Wege zwischen der kenianischen Hauptstadt bis zur Grenze nach Somalia fährt man durch Mwingi. Hier liegt das Mwingi Hotel Cottage des ehemaligen Vizepräsidenten Kalonzo Musyoka, in dem Lisa Weber während ihres dreimonatigen Studienaufenthaltes zusammen mit 16 weiteren Studenten aus Ludwigsburg und Schwäbisch Gmünd untergebracht war.

In Kenia sei sie an ihre körperlichen Grenzen gestoßen, lernte aber auch das afrikanische Lebensmotto "Hakuna Matata", "Es gibt keine Sorgen", kennen. Die blonde Frau studiert Mathe, Musik und Sport auf Lehramt an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd. Die 25-Jährige sitzt am Esszimmertisch ihres Elternhauses in Böbingen, rund 60 Kilometer östlich von Stuttgart. Auf ihrem Laptop zeigt sie den selbstgemachten Film über ihre Zeit in Kenia an. "Ich habe im Vorfeld mehr als 3500 Euro Spenden von Ärzten und Kleinunternehmern gesammelt, mit denen zum Beispiel eine Solarplatte für ein Waisenhaus gekauft werden konnte, das kein elektrisches Licht hatte." Seit ihrer Rückkehr habe sie ein anderes Bild von Europäern. "Für Menschen, die sich darüber beschweren, dass es im Hotel nur drei Variationen eines Vollkornmüslis gibt, habe ich kein Verständnis mehr."

Die Verbindung zwischen den Städten entstand vor fünf Jahren durch Professoren. In Mwingi kenne man die Weißen und freue sich, wenn sie einmal im Jahr kommen. "Sie wissen, dass wir ihnen helfen wollen und sie nicht ausbeuten." In den ersten zwei Wochen wurde der Studentengruppe ein schönes Erlebnis geboten: Eine Safari-Tour führte durch die von Mangrovenund Affenbrotbäumen geprägte Landschaften und auf den Mount Kenia. Dann lernten sie den Alltag kennen. Zum Beispiel an der Privatschule Mwingi Eastview Academy. "Ich musste feststellen, dass Schläge an den Schulen Kenias leider immer noch Gewohnheit sind", sagt Lisa traurig. Montags und freitags gibt es einen Morgenappell, bei dem gebetet und die Nationalhymne gesungen wird. Dabei werden Schläge verteilt an Schüler, die sich nicht an die Regeln halten. Prügelstrafe ist seit 2008 an Schulen verboten, seitdem erhalten die Schüler die Schläge nun heimlich im Büro des Rektors. "Es gab ein Mädchen, das sich strikt weigerte, seine Haare abzurasieren. Sie kam jeden Tag mit einer neuen Frisur und wurde montags und freitags dafür bestraft." An den Schulen dürfen Mädchen keinen Schmuck, keine langen Haare tragen und sich nicht schminken.

Auch wenn die Eltern kein Schulgeld bezahlen, müssen oft die Kinder dafür bluten. Nach dem Millennium-Gesetz, das besagt, dass jedes Kind das Recht hat, eine Grundschule kostenlos zu besuchen, müsste das Schulgeld kein Problem sein. Doch die Eastview Academy ist eine Privatschule, die finanziert werden muss. "Auch wenn das Frauenbild mindestens 100 Jahre im Rückstand ist, ist den meisten afrikanischen Eltern bewusst, dass Bildung der einzige Weg aus der Armut ist, und so gehen auch natürlich Mädchen in die Schule", sagt Lisa Weber. Das Lehrpersonal an den öffentlichen Schulen sei aber extrem schlecht und habe "so gut wie keinen Einfluss" auf die Schüler. Ihr hat besonders missfallen, dass die Schüler nicht lernen, ihre eigene Meinung zu vertreten.

Drei Monate dauert ein Turn. "Nach jedem Turn gibt es einen Multiple-Choice-Test, der über die Versetzung entscheidet." Die Versetzungsquote liege bei fast 100 Prozent. Um den Job nicht zu verlieren, geben so gut wie alle Lehrer vorher die Lösungen des Tests aus, denn der Lehrer der Klasse innerhalb einer Stufe mit dem schlechtesten Notendurchschnitt erhält eine rote Karte. Bei zwei roten Karten fliege er von der Schule. So entstehe ein immenser Konkurrenzkampf.

Auch mit Kriminalität wurde Lisa konfrontiert. "Ich habe mich nicht an die Regeln gehalten und musste dafür büßen." Sie war mit einer Freundin unterwegs und bemerkte einen aus Somalia kommenden Mann, der seine Kamelherde wahrscheinlich nach Nairobi bringen wollte. Lisa fotografierte die Herde, worauf sich der Mann in seiner Würde verletzt fühlte und die Frauen mit einem Schlagstock schlug. Er vermutete, dass Lisa das Bild in Europa als Postkarte verkaufen könnte und damit Geld verdienen könne, ohne dass er beteiligt wird. Ein Taxifahrer half den Frauen, zu flüchten.

Ein Jahr zuvor hat US-Präsident Barack Obama die Eastview Academy besucht und brachte allen Schulkindern eine rote Strickmütze mit der Aufschrift Obama mit. Auch bei 30 Grad im Schatten haben einige Kinder diese Mütze getragen. "Denn was ihnen gehört, wollen sie auch bei sich tragen." Nach ihrer Rückkehr dachte die Schwäbin, sie könne nun auf alle Luxusgegenstände verzichten. So verkaufte sie auch ihr iPhone. Doch nach einiger Zeit komme man in seinen alten Trott. Sie hat ein neues gekauft, "ohne fühlt man sich doch schon sehr von der Außenwelt abgeschnitten".

Informationen zum Beitrag

Titel
Zurück aus Kenia, hat sie eine neue Sicht auf Europa
Autor
Lorenz Rodríguez Knödler
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.12.2014, Nr. 297, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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