Zwei Kilo Unterwäsche am eingeschnürten Leib

Crèmefarben mit blassen, korallfarbenen Nähten, Lavendel mit feiner, weißer Spitze oder eine gewagtere Kombination aus Schwarz und Purpurrrot: In 13 kreisrunden, gläsernen Vitrinen des Miedermuseums in Heubach liegen Exponate von 200 Jahren Miedergeschichte - ein Farbenspiel, verbunden mit geschichtlichem Hintergrund. Im Fachwerkschloss im Zentrum von Heubach, einer Stadt am Fuße der Schwäbischen Alb, rund 65 Kilometer östlich von Stuttgart, führt das einzige Miedermuseum in ganz Deutschland seine Besucher nicht nur durch die Geschichte des Mieders, sondern auch durch Zeitgeist und die früheren Frauenbilder. In den geschichtsträchtigen Räumen des alten Schlosses werden die originellen Mieder wie Reliquien präsentiert, die ihre eigene Geschichte, die nicht immer nur von Freude zeugt, erzählen.

2005 wurde das Museum von Kerstin Hopfensitz eingerichtet. Sie erhielt den Auftrag von der Stadt Heubach und ist seitdem freiberuflich als Kuratorin für den Inhalt des Museums zuständig. Für ihre Recherche durfte Hopfensitz in den Firmenarchiven der beiden in Heubach ansässigen Unterwäschehersteller Triumph International und Susa nachforschen. Die international erfolgreichen Firmen wurden hier gegründet, so dass Heubach eine tiefe Verbindung zu Miedern hat. Über die alte dunkle Holztreppe gelangt man in den ersten Stock des Fachwerkschlosses.

Es begrüßt einen die Nachbildung einer Metallkonstruktion, die einst Königin Isabella von Spanien getragen haben soll, um ihr Rückenleiden zu lindern. Was von der Form an eine römische Kampfrüstung erinnert, sollte der Königin die Missbildung des Rückgrates korrigieren. "Dadurch bekam sie einen sehr flachen Bauch. Und wie das damals und teilweise heute noch so ist, was eine Königin trägt, gilt als Schönheitsideal", sagt die 47-jährige Kuratorin. Historisch belegte Fakten zu den wahren Ursprüngen des Mieders gebe es nicht, man vermutet aber, dass man die Anfänge in spanischen Adelshäusern findet, "denn nach der Entdeckung Amerikas 1492 gab Spanien nicht nur in der Politik, sondern auch in der Mode den Ton an".

Das Museum eröffnet den Rundgang im Barock. Die Brust wurde nach oben platt gedrückt, und die Figur musste möglichst konisch sein. Auch die Jüngsten wurden schon geschnürt. "Ein Kinderkorsett mussten die Mädchen ab ungefähr sieben Jahren tragen, um die weichen Kinderknochen frühzeitig in Form zu bringen", sagt die studierte Kulturwissenschaftlerin. Zu dieser Zeit warnten schon die ersten Ärzte vor gesundheitlichen Schäden. Diese Bedenken haben aber damals nur wenig Gehör gefunden. Die Besucher sind sichtlich schockiert über diese Tatsache. Zur Jahrhundertwende um 1795 rutschte die Taille extrem hoch und lag fast unter der Brust.

Doch nicht nur für Frauen und Kinder war das Mieder zu einer gewissen Zeit ein modisches Muss, denn "das Männerbild hat sich mit der industriellen Revolution geändert", erklärt Hopfensitz. Um 1830 war es Mode, dass der Mann ein zierliches Erscheinungsbild hat und ebenfalls ein Mieder trägt. Der Körper beider Geschlechter habe zerbrechlich aussehen müssen, um dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen. Die Meinung der Zeit besagte, dass der schwächere Körper der Frau durch ein Mieder gestützt werden müsse, um Muskulatur und Wirbelsäule zu unterstützen. Die handgenähten Mieder, die nun zum großen Teil aus Satin bestanden, "sind dazu da, den Körper der Frau an die Mode anzupassen".

Eine Hose war zu dieser Zeit undenkbar. "Man sagte zu ihnen Beinkleid oder die Unaussprechlichen." Ein gern gesehenes Kleidungsstück war natürlich das Korsett, das seinen Trägerinnen einen Taillenumfang von 40 bis höchstens 55 Zentimetern bescherte. Die Sanduhrform erreichte ihre Blütezeit. Den aktuellen Rekord der schmalsten Taille der Welt einer lebenden Person hält im Moment die 77-jährige Amerikanerin Cathie Jung mit einer atemberaubenden Taille von gerade einmal 38 Zentimetern. Neben dem extremen Taillenumfang bereitete den Frauen das Gesamtgewicht der Unterwäsche Schwierigkeiten. "Die Frauen hatten damals rund zwei Kilogramm Unterwäsche am Leib." Heute wiegen Unterhose und BH zusammen keine 200 Gramm.

Das Mieder erreichte in der Belle Epoque seinen Höhepunkt. "Während des 1. Weltkrieges veränderte sich die Mode", sagt Hopfensitz. "Sie wurde viel leichter." Der Rohstoffmangel zwang auch die Miederfabrikanten zur Verwendung anderer Materialien. Erstmals wurden Papier, Jute, Tischdecken oder Servietten verarbeitet. Um 1920 folgte dann die Befreiung des Frauenkörpers aus dem Korsett, und die sogenannte Garçonne-Mode wurde immer populärer. "Die Frauen wollten nun aussehen wie junge Männer, und so wurden auch die Haare kürzer." Das Frauenbild änderte sich dramatisch: Frauen tranken und rauchten nun in der Öffentlichkeit. In den 30er Jahren kam eine ganz neue Sichtweise auf. Die Femme fatale rückte in den Hintergrund. "Frauen sollten nun attraktiver wirken für die Männer, um Kinder für den Krieg zu zeugen."

Dank Hollywood-Ikonen wie Mae West wurde wieder mehr Augenmerk auf die weiblichen Rundungen gesetzt. Auch das Korselett, eine Kombination aus Büstenhalter und Korsett, fand immer mehr Zuspruch. "Besonders die Farben Rosa, Blau und Aprikot waren sehr gefragt."

Eine kleine Renaissance erlebte das Korsett um 1947, als der französische Modeschöpfer Christian Dior seine erste Kollektion in der berühmten Avenue Montaigne 30 der Presse präsentierte. Dieser sogenannte New Look brachte wieder die Taille in den Mittelpunkt und sorgte für breite Hüften. Die Wespentaille feierte ihr Comeback. Das Idealbild einer perfekten Frau mit großen Brüsten, langen Beinen und einer Wespentaille war gefragt. Besonders Marilyn Monroe oder Jayne Mansfield prägten diese Zeit.

In den 1980er Jahren hatten besonders die Medien einen großen Einfluss. "Durch TV-Serien wie Dallas oder Denver Clan wurden Ikonen wie Joan Collins zum prägenden Teil der 80er", sagt Kerstin Hopfensitz. Auch Stars wie Jane Fonda wurden mit ihren Aerobic-Clips zum Schönheitsideal. Neben Christian Dior brachte ein paar Jahrzehnte später ein anderer französischer Modeschöpfer das Korsett ins Gespräch. Jean Paul Gaultier, der für Madonnas gewagte Bühnenoutfits der 80er verantwortlich war, setzte das Korsett nun als Oberbekleidung ein und sorgte so für Aufsehen. Heutzutage sind bei Frauen besonders die Perfect-Shaping-Produkte gefragt, die jeden Körper in seine perfekte Form bringen sollen. Zum Abschluss sagt Kerstin Hopfensitz noch einen beruhigenden Schlusssatz: "Gemogelt hat man schon immer, es ist am besten, sich so zu akzeptieren, wie man ist."

Informationen zum Beitrag

Titel
Zwei Kilo Unterwäsche am eingeschnürten Leib
Autor
Lorenz Rodríguez Knödler
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.12.2014, Nr. 301, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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