Echte Foulards, ein großer Teddybär und andere Schnäppchen

Fühmorgens um 6 Uhr ist bereits viel los. Auf dem Flohmarkt des traditionellen Züricher Bürkliplatzes stöbern erste Kunden nach Trouvaillen. Auf der gegenüberliegenden Straße ist der Anlegeplatz für Kursschiffe. Es herrscht eine ganz besondere Stimmung: Im Hintergrund kann man den Zürcher See, Schiffe und Straßenbahnen sehen. Wie auf einem Bazar sind laute Stimmen zu hören. Händler und Kunden versuchen, sich auf einen Preis zu einigen, der alle Beteiligten zufriedenstellt. Darunter ist Händlerin Mirjana Gubler, eine 64-Jährige, aus Serbien stammende und in Zürich lebende Sammlerin. Ihr Markenzeichen ist ein Foulard, heute in Grün, den sie um den Hals trägt. Sie trägt eine schwarze Brille die einen Kontrast zu ihren perlweißen, langen Haaren bildet, die ihr bis zu den Schultern fallen. Abgerundet wird alles durch eine originale Chopard-Uhr.

Die Sammlerin ist auf der Suche nach Halstüchern, da sie sich auf diese spezialisiert hat. Vorzugsweise Markenprodukte wie Hermes. "Denn Hermes-Foulards sind wie eine Aktienanlage." Außerdem findet sie: "Eine Frau ist erst mit einem Foulard gut angezogen. Ich finde es schade, dass man in Deutschland fast keine handrollierten Foulards findet - egal, ob Noname oder Markenprodukt." Die Echtheit eines Produktes erkennt sie leicht: "Wenn man ein Foulard in der Hand hat und es durch die Finger gleiten lässt, erkennt man sofort seine Qualität und kann bestimmen, ob es eine Fälschung ist." Auch ist die Händlerin an altem Glas interessiert: "Weil sie so schön von Hand gemacht sind. Heute hat niemand mehr Zeit, es von Hand zu machen. Dann wäre es auch viel zu teuer. Denn allmählich stirbt das alte Handwerk aus." Sie kritisiert, dass vieles maschinell gemacht wird: "Und es darf nicht mehr lange funktionsfähig bleiben. Es muss schnell kaputtgehen, damit die Wirtschaft angekurbelt wird." Angefangen hat die Sammelleidenschaft vor 15 Jahren: "Damals habe ich bei Swissair im sogenannten Propaganda-Bereich gearbeitet. Ich war für die Flugzeugbereitstellung zuständig. Es wurde festgehalten, was auf dem Flug verbraucht wurde und was noch bereitgestellt werden muss." Swissair hat jedes Jahr einen Flohmarkt für die Angestellten und Ehemaligen veranstaltet. Es gab alles von der Nadel bis zur Lokomotive - auch Halstücher.

"Platz zum Verstauen habe ich dank meines großen Hauses. Die Sachen werden in der Garage, in der Werkstatt, im Keller und im Arbeitszimmer untergebracht. Dort werden sie von mir sortiert, aufbewahrt und gezählt. Schließlich sind die Funde für mich wie Babys. Wenn ich nicht schlafen kann, dann zähle ich sie." Gläser, Vasen, Geschirr und insgesamt 1000 Foulards sind in Kartons gestapelt.

Damals hat die Sammlerin auch ihren bedeutungsvollsten Fund auf einem Flohmarkt gemacht: "Vor zehn Jahren habe ich mal ein Foulard von Hermes gekauft, aber ich wusste nicht, dass es von Hermes ist." Seitdem besucht sie so viele Flohmärkte wie möglich, da ihr das Sammeln nicht nur Spaß macht, sondern auch als Erwerbsquelle dient: "Ich selbst verkaufe die Sachen auf dem Flohmarkt. Ich reise von Zürich nach Stuttgart, um so viele Flohmärkte wie möglich zu finden."

Sie präferiert Flohmärkte und keine Haushaltsauflösungen: "Da die guten Sachen bereits von den Angehörigen ausgesucht werden. Der Rest bleibt für das Fußvolk. Das finde ich schade." Antiquitätenflohmärkte interessieren sie auch nicht: "Die Antiquitätenhändler haben keinen realistischen Überblick mehr über die Preise. Alles ist auf die Spitze getrieben. Deshalb kaufe ich nur bei privaten Leuten." Der Preis den sie zahlt, hängt von der Qualität ab. "Ein Foulard hat für mich eine Schmerzgrenze von 50 Euro. Bei allen anderen Funden hängt es von der Qualität ab."

Bei Nur Güngör, einer 26-Jährigen, aus der Türkei stammenden Frau, hat Mirjana Gubler eine alte, braune Bülacher Flasche für sieben Franken, etwa fünf Euro, erworben. Güngör hat lange, schwarze Haare, trägt eine schwarze Ray-Ban-Brille und sagt: "Ich habe die Sachen so lange gelagert und nicht gebraucht. Und weil wir so oder so eine Wegwerfgesellschaft sind, nützt es vielleicht jemanden." Gelegentlich kauft die Sales-und-Marketing-Assistentin des "Fleming's Hotel in Zürich auf Flohmärkten ein: "Weil es immer tolle und lustige Sachen hat. Beispielsweise habe ich letztens einen Knut Teddybär in Originalgröße, das sind etwa 120 Zentimeter, von Steiff gesehen."

Man kommt auch mit Flohmärkten zum Geld behauptet Mirjana Gubler: "Ich muss meine Rente gar nicht anfassen. Eigentlich redet man über Geld nicht, aber abhängig von dem Flohmarkt nehme ich ungefähr 1200 Franken im Monat ein. Dennoch brauche ich das Geld, damit ich Leute in Serbien finanziell unterstützen kann. Entweder im schulischen Bereich, da die Schulbildung in Serbien Geld kostet, oder im gesundheitlichen Bereich, um Medikamente und Arztbesuche zu bezahlen." Und sie fügt hinzu: "Ich kann auch sicher sagen, dass ich, solange es mein körperlicher Zustand erlaubt, weitersammeln werde."

Informationen zum Beitrag

Titel
Echte Foulards, ein großer Teddybär und andere Schnäppchen
Autor
Cemre Yildiz
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.01.2015, Nr. 3, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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