Schlitterpartie in die Ehe

Während draußen das Weiße in eisiger Stille die gemalten Gipfel der Bilderbuchlandschaft einhüllt, fliegen drinnen hölzerne Flocken auf den trotz des fleißigen Kehrens mit Holzstaub bedeckten Beton. Mit gekonnten Handgriffen feilt der Meister an seinem Werk, während ihm Schweißperlen das Gesicht herunterlaufen. Pausenloses Hobeln übertönt seinen Atem. Tagelang arbeitet er an kunstvoll geschmückten Schlitten nach uralter ladinischer Art. Sandro Canins ging im Alter von 17 Jahren bei einem Schlittenschnitzmeister in die Lehre. "Alles, was ich heute kann, habe ich von ihm, es hat mir sehr geholfen", erzählt der heute 84-Jährige mit einer etwas wehmütig gewordenen Stimme. Sein Blick verschwindet in den Höhen der verschneiten Landschaft. Verständlich, denn nachdem er seine Lehre abgeschlossen hatte und bereits selbst Meister war, musste er seinen Beruf als Schlittenschnitzer aufgeben. Der technische Fortschritt brachte es mit sich. Traktoren erledigten die Arbeit auf dem Feld und an den steilen Hängen des Gadertals bei weitem schneller und effizienter als die mühevoll angefertigten Schlitten, die zudem ein Zugtier benötigten. "Ich war enttäuscht, ich musste mir was anderes suchen, Schlitten bauen ging nicht mehr, es war überholt", erzählt Canins. Unruhig knüpft er seine braune Jacke immer wieder auf und zu. Es ist ihm anzumerken, wie gern er sein Handwerk weitergeführt hätte. Doch er musste sich anpassen und wurde Skilehrer. "Ich war nicht ungern Skilehrer", sagt er, "ich mochte es gern, doch war es nicht dasselbe."

Als er in Rente ging, kam ihm die Idee, seinen ursprünglichen Beruf wieder aufzunehmen und als Hobby weiterzuführen. 1995 begann der örtliche Tourismusverband von Alta Badia, Pferderennen und Schlittenumzüge zu veranstalten. Um dies zu realisieren, wurde Sandro Canins gefragt, ob er einige seiner Schlitten bereitstellen würde. Mit Freude nahm er das Angebot an, denn sofort zur Ruhe setzen, rüstig wie er sich fühle, wolle er nicht, sagt er mit einem breiten Grinsen und fährt sich dabei durch seine kaum ergrauten Haare.

Das Auflebenlassen alter Traditionen gipfelt in den jährlich für Touristen veranstalteten Hochzeiten, bei denen Sandros Schlitten verwendet werden, um das Brautpaar sicher in die Ehe zu führen. Er erinnert sich noch daran, wie sein Meister solche Schlitten schnitzte, die zudem noch von der Mutter der Braut dekoriert wurden - meistens mit weißen und gelben Blüten. Seine Schlitten, die zusätzlich die Handgriffe eines Schmiedes, eines Malers und eines Künstlers, der die unverkennbaren Holzfiguren schnitzte, benötigen, werden bei den nachgestellten Hochzeiten eindrucksvoll in Szene gesetzt. Braut und Brautführer werden in Tracht auf den kunstvollen Schlitten von Pferden bis zur Kirche gezogen, wo bereits Verwandte, Eltern der Braut, des Bräutigams und schließlich der Bräutigam selbst gespannt warten. Um dies alles auf die Beine zu stellen, kramen freiwillige einheimische Kräfte die uralten Trachten aus ihren Schränken hervor.

Touristen staunen nicht wenig angesichts dieses Spektakels, bei dem sich viele Bewohner des Tales in Schale werfen, so wie Canins, der bei diesen Veranstaltungen ebenfalls im Publikum steht und sich freut, dass einige doch noch Wert auf Tradition legen. "Fortschritt, sagten sie immer, sei was Gutes, soll die Lebensqualität steigern, doch, dass Fortschritt das Gegenteil bewirken kann, sagten sie nie", schimpft der Rentner, der aber den positiven Effekt mancher Neuerung anerkennt, auch wenn es damals seinen Beruf kostete.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Schlitterpartie in die Ehe
Autor
Greta Maria Canins
Schule
Bischöfliches Institut Vinzentinum , Brixen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.2015, Nr. 15, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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