Glücksspiel im Armenviertel

Vor dem Kiosk in der Township Seshego im Nordosten Südafrikas, an dem sich die jungen Männer meistens gegen Abend einfinden, herrscht schon reges Treiben. Sie sitzen in Fünfergrüppchen auf Backsteinen oder leeren Bierkisten in der Einfahrt. Ab und zu kommt Bewegung in manche der Grüppchen und der eine oder andere springt triumphierend auf oder sackt verärgert in sich zusammen. Es riecht nach verbranntem Plastik, irgendwo schreit ein Baby. Wie jeden Abend spielen die jungen Leute hier Ludo, ein Glücksspiel. Das Spielfeld wird in den Sand gemalt, als Figuren dienen Kronkorken. Blitzschnell lässt Madibeletja einen Geldschein in seiner Hosentasche verschwinden. Nur einen kurzen Augenblick später liegen schon wieder zehn Rand in der Mitte des Spielfeldes. Madibeletja, seine Freunde nennen ihn Plex, ist der Gewinner der letzten Runde. Er ist der Jüngste unter den Spielern. An dem breiten Lächeln lässt sich die Freude über den Gewinn der letzten Runde ablesen. Vielleicht ist es aber auch der dritte Joint des Nachmittags, der dieses Lächeln auf seine Lippen zaubert. Doch der kleine Goldstern auf seinem oberen Schneidezahn kommt oft zum Vorschein, denn Plex ist mit sich und seinem Leben zufrieden. Er ist ein fröhlicher Mensch. Er ist einer der "Tsotsi" genannten jungen Männer aus den Townships Südafrikas, die sich ihre langen Nachmittage mit dem Glücksspiel vertreiben. Heute hat er Glück und wird sich von seinem Gewinn morgen auf dem Weg zur Schule eine Zigarette und ein Streichholzschächtelchen Cannabis leisten können. Plex geht in die 12. Klasse. "Bald ist das alles vorbei mit der Schule", sagt der 20-Jährige. Vergangenes Jahr hat kein Einziger aus seiner Klasse die Versetzung geschafft. Er liegt mit seinem Alter also durchaus im Schnitt. Als er vor zwei Jahren aufhören wollte mit der Schule, wie die meisten seiner Freunde, konnten ihn seine Eltern doch noch davon überzeugen, dass seine Zukunftschancen ohne ein Matrick, wie der südafrikanische Schulabschluss heißt, düster wären. Und zum Ärgernis eines anderen Ludospielers, der ihn schon als Lehrling in seiner Tischlerei eingeplant hatte, gibt Plex die Schule nicht auf, auch nachdem er zum dritten Mal sitzengeblieben ist. Sein Onkel arbeitet nämlich in einer Maklerfirma und kann seinem Neffen vielleicht dort einen Arbeitsplatz verschaffen. Dafür braucht er allerdings sein Matrick. Seine "Kasi", wie Plex seinen Heimatkiez liebevoll nennt, ist die Township in der Provinz Limpopo. Direkt auf der Grenze von Sektor zwei zu Sektor drei gegenüber dem Kiosk, vor dem sich die meisten der "Tsotsis" am späten Nachmittag einfinden, befindet sich das Haus, in dem er mit seinen Eltern, zwei Schwestern und zwei Neffen wohnt. Pudelwohl fühle er sich hier. Hier ist er aufgewachsen, hier sind seine Freunde, und hier will er bleiben. Zur Kriminalität, die in Seshego besonders hoch ist, sagt er: "Ach, da brauche ich mir keine Sorgen zu machen, ich kenne ja genug Leute hier." Sein Zahnschmuck blitzt auf, während er das sagt. "Auf Gold im Mund stehen besonders die Mädels." Schließlich habe er zwei Freundinnen. Wenn es abends kalt wird und das Lagerfeuer verlischt, besucht er eine der beiden. Dann machen sich auch die meisten Freunde mit etwas mehr oder weniger Geld in der Tasche auf den Heimweg.

Informationen zum Beitrag

Titel
Glücksspiel im Armenviertel
Autor
Felix Baller, Eckener-Gymnasium, Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.01.2011, Nr. 9 / Seite N6
Projekt
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