20 000 betrachten Simeons Fotos von Flugzeugen

Frühmorgens liegt auf der Wiese neben dem Parkplatz silbern glänzender Tau. Zwischen den Maschen des meterhohen Zauns erleuchten tausende farbige Lichter die drei Landepisten. Die Gebäude sind schon rege belebt. Auf den Vorfeldpositionen erkennt man Umrisse der großen, noch kalten Maschinen. Bald werden sie mit Geschäftsleuten, Urlaubern oder Heimkehrern, Fracht und Gepäck beladen, um zu Reisen in die ganze Welt abzuheben.

Bewaffnet mit einer teuren Fotokamera steht Simeon Lüthi still vor dem Zaun und blickt auf sein Handy. Auf dem Radar sieht der 17-Jährige, welche Flugzeuge heute als Erstes auf dem Flughafen in Zürich aufsetzen werden. Über Funk, den er per Kopfhörer empfängt, meldet sich bald schon die erste Maschine aus Hongkong kommend für den Anflug an: "Swiss 139 heavy, guten Morgen, established ILS Runway 34." Wo andere nur Bahnhof verstehen, ist für Simeon schnell klar, welche blinkenden Lichter er am Himmel entdeckt hat: einen Airbus A340, eines der größten Flugzeuge, die den Flughafen anfliegt. Als Schweizer Planespotter hat Simeon das Privileg des Abhörens immer noch, in den meisten anderen Ländern in Europa sei es nur teilweise oder nicht erlaubt. Es ist eine der besten technischen Hilfsmittel, da sich andere Programme auch mal irren können.

Die Maschine nähert sich gemächlich im langsam dämmernden Himmel über Zürich. Das unregelmäßige, auf- und abfallende Geräusch der vier Triebwerke wird hörbar. Nun geht alles schnell. Simeon schaltet seine Kamera an, richtet sie auf das Flugzeug, während dieses schon so nahe bei ihm ist, dass man beinahe Angst haben muss, vom Fahrwerk erfasst zu werden. Das ratternde Geräusch des Auslösers geht im Lärm des Fliegers unter. Der Spuk ist vorbei, als man das quietschende Aufsetzen der Räder hört.

Dieses Schauspiel läuft nun den ganzen Morgen so weiter. Allerdings wechselt der Spotter, so werden die Flugzeugfotografen genannt, seine Position, da die Flugzeuge im Tagesverlauf von Norden her anfliegen. Dort sei auch das Licht besser. So steht Simeon nun auf einem künstlichen Hügel am anderen Ende des riesigen Areals, wo im Minutentakt eine nach der anderen Maschine die Schweiz erreicht. Obwohl bei jedem seiner zahlreichen Spottingausflüge fast die gleichen Flugzeuge vor der Linse vorbeifliegen, fotografiert er sie alle. Es sei immer möglich, ein noch besseres Foto zu kriegen, einen neuen Blickwinkel, eine neue Stimmung. "Das Fotografieren macht eben einfach Spaß. Wenn man in einer Gruppe ist, dann umso mehr", betont Lüthi, der im Sommer das Gymnasium abschließen wird. Er hat genügend Kontakte zu anderen Interessierten, um nie allein unterwegs zu sein. Besonders freut er sich, wenn Exoten erwartet werden, das heißt Flugzeuge, die üblicherweise nicht auf den Routen nach Zürich eingesetzt werden, Regierungsmaschinen oder Flugzeuge aus fernen Ländern, die für Wartungsarbeiten in die Schweiz gebracht werden. Es tönt vielleicht unspektakulär, aber das sind Erinnerungen im Spotter-Alltag, die bleiben. Einmal durfte Simeon den Tower besuchen. "Von dort oben hat man eine atemberaubende Aussicht auf das Fluggeschehen", erzählt er stolz.

Nach einem Tag am Flughafen, wenn die Kamera wieder schwer beladen zu Hause ist, beginnt eine langwierige Aufgabe am Computer. Er trennt die Spreu vom Weizen und bearbeitet die gelungensten Fotos. Dies sei für ihn nicht die mühsamste Aufgabe seiner Passion. Vielmehr stören ihn die großen Distanzen um das Flughafengelände herum. Nur wenn er mit einer speziellen Bewilligung und einer geführten Gruppe angemeldet ist, darf er direkt auf die Vorfelder und auf Tuchfühlung mit den Flugzeugen. Sonst patrouilliert er eben außerhalb des abgeriegelten und gut bewachten Geländes. Gerade in der Dämmerung werde man ab und zu von Polizeistreifen angehalten und kontrolliert. Einem Jungen mit Rucksack und Kapuze kann man so manches zutrauen.

Die frisch editierten Fotos teilt Simeon im Netzwerk Instagram. Seine Fotos werden von rund zwanzigtausend Begeisterten um den ganzen Globus angeschaut. Auf die Frage, ob er Piloten beneidet, sagt er: "Jeder darf träumen. Aber Spotter fotografieren und Piloten fliegen, da gibt es keinen direkten Zusammenhang." Mit seinem Hobby ist er schon weit herumgekommen. Ein Flughafen fehlt aber noch. Simeon möchte den Karibikflughafen auf St. Maarten besuchen. Die Maschinen fliegen dort tief über einen Strand an: eine Straße, ein Zaun, dann gleich die Landebahn. So fegt es schon mal den einen oder anderen Sonnenschirm um, wenn ein Flugzeug startet. Noch steht dieses Projekt jedoch in den Sternen.

Informationen zum Beitrag

Titel
20 000 betrachten Simeons Fotos von Flugzeugen
Autor
Lukas Deininger
Schule
Kantonsschule , Trogen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.05.2015, Nr. 108, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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