15 Sekunden, um sich in den Luftschutzbunker zu retten

Wenn ein schriller und nicht zu überhörender, lang andauernder Alarm ertönt, dann habt ihr nicht mehr als 15 Sekunden Zeit, um zum Luftschutzbunker zu kommen." Diese ersten Anweisungen gibt der israelische Lehrer Dude Tal den deutschen Jugendlichen nach ihrer Ankunft, die am deutsch-israelischen Austausch des Landratsamts Karlsruhe mit der Region Shaar Hanegev teilnehmen. "Das Land an sich hat mich schon immer brennend interessiert", schwärmt die blondgelockte, 17 Jahre alte Marlen Alber, die fasziniert ist von der Gastfreundschaft und der Aufgeschlossenheit. Jedoch erfährt die Schülerin aus Bretten auch, dass die Vergangenheit ein Thema ist. Ein Junge fragt sie beim Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, wie es denn "in Deutschland so mit den Nazis aussähe". Die große, schlanke Lilian Isaak berichtet nur Positives. Die 17-jährige Brettener Schülerin ist sogar im Supermarkt angesprochen worden, ob sie Deutsche sei. "Ein bisschen mulmig war mir da schon zumute, denn man weiß ja nie, wie die Reaktionen sind. Doch die Frau, die mich fragte, war hellauf begeistert und kurz davor, mir um den Hals zu fallen, denn sie fand es toll, dass wir uns für ihr Land interessieren." Es war das erste Mal seit langem, dass ein Rückaustausch stattfand. Bisher kamen die israelischen Freunde jedes zweite Jahr in die Karlsruher Region, jedoch wurde der Gegenbesuch aufgrund der mangelnden Sicherheit oft abgesagt.

Reut Mendelson lebt im Krisengebiet: "Den Krieg und die täglichen Bombeneinschläge erlebe ich schon, seit ich denken kann, und da ich gar nicht weiß, wie es ohne ist, ist die Situation einigermaßen zu ertragen. Wir versuchen, das Beste daraus zu machen. In meiner Freizeit male und zeichne ich gerne und beschäftige mich mit Kunst", erzählt die schwarzhaarige Israelin mit den dunklen Mandelaugen in gebrochenem Englisch. Sie wird bald die Schule beenden und mit 18 Jahren für ein bis zwei Jahre in die Armee eintreten. Mit Anfang der Volljährigkeit müssen Jugendliche dort Verantwortung übernehmen, während viele hier noch lange keinen Abschluss haben und sich keine Gedanken darüber machen müssen, ob sie ihre Familien und Freunde am nächsten Tag wiedersehen. Reuts Kibbuz ist nur 1,5 Kilometer von der Grenze zum Gazastreifen entfernt. "Erstaunlicherweise freuen sich die israelischen Jugendlichen geradezu auf die Zeit in der Armee. Ganz im Gegensatz zu den Deutschen. Die wollen ja meistens eh nur ausgemustert werden", sagt die ebenfalls dunkelhaarige Hannah Klakow aus Karlsruhe. Reut argumentiert, dass es sich gut anfühlt, wenn man seine Landsleute beschützen und dem Land ein Stück der Sicherheit zurückgeben kann, die es einem selbst in der Kindheit auch geschenkt habe. Natürlich hat sie auch gemischte Gefühle. Reut macht sich Sorgen um ihren Bruder, der unbedingt an der Front kämpfen will. Veronika Stritt berichtet: "Bei unserem Besuch in Jerusalem konnte man überall Soldaten mit Gewehren über der Schulter sehen. Die Sicherheitskontrollen waren sehr streng, oft wurden die Taschen sogar zweimal auf mögliche Anschlagsmittel untersucht. Die Sicherheit war auch der Grund, warum wir nicht, wie eigentlich vorgesehen, in den jeweiligen Gastfamilien wohnten, sondern alle zusammen in einem Kibbuz untergebracht waren, der sich außerhalb der Zone befand, in die die Kassem-Raketen reichten. Kassem-Raketen sind etwas kleinere Raketen, die von den Palästinensern abgefeuert werden. Für die Israelis war das etwas ganz Alltägliches. Sie erzählten uns, dass solche Raketen schon oft bei ihnen in der Schule eingeschlagen hätten, aber dass keine Schüler getroffen worden seien."

Auf die Frage, was Reut von Aviv Geffen hält, einem israelischen Sänger, der Lieder gegen Gewalt singt und den Militärdienst verweigerte, sagt die Schülerin aus der Region Shaar Hanegev vorsichtig: "Ich will damit niemanden beleidigen, der vielleicht ein Fan von Aviv Geffen ist, aber, meiner Meinung nach hat er keine Ahnung wie es ist, im Krieg zu leben. Er lebt in Tel Aviv, wo fast nie etwas Ernsteres passiert, außerdem hat er immer seine Bodyguards um sich herum." Ihre Stimme wird fester: "Ich finde es nicht fair, dass er einfach eine Meinung vertritt, ohne dass er sich in die Lage der anderen versetzt."

Sieben Tage waren die Israelis in Deutschland. Abends erfolgte der Kontrollanruf nach Israel, um sich zu erkundigen, ob alles im grünen Bereich sei. Viele hatten vor der Reise Bedenken: "Viele Freunde aus Israel warnten uns, dass wir in Deutschland vorsichtig sein müssten, weil es sein könnte, dass manche Leute uns gegenüber Vorbehalte hätten. So waren wir uns nicht sicher, ob wir überhaupt Hebräisch sprechen könnten. Doch das war ein Irrtum. Wir machten kein einziges Mal eine schlechte Erfahrung im Hinblick auf unsere Religion." Zum Programm gehörte neben einer Fahrt in den Schwarzwald der Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Strutthof im Elsass. "Das war für mich besonders wichtig", sagt Marlen Alber, "dass man die Augen auch vor der Vergangenheit, über die oft nicht so gerne geredet wird, nicht verschließt."

Auf die Frage, wie man einen Schritt in Richtung friedliches Miteinander machen könnte, waren sich die deutschen Teilnehmerinnen einig: Man sollte schon im Kindergarten die Palästinenser nicht nur als schlechte Menschen darstellen. Reut ist hingegen der Meinung, dass es sehr schwer wird, eine neutrale Stimmung zu schaffen, da der Hass, die Vorurteile und all die Demütigungen sich viel zu tief eingefressen haben. "Es ist mir aber auch sehr wichtig zu sagen, dass ich die Palästinenser als ganz normale Menschen sehe und weiß, dass es auch unter ihnen viele Gutmütige gibt." Ihr Leben in 30 Jahren stellt sie sich so vor: "Nachdem ich ein Jahr in Südamerika herumgereist bin, will ich mit meinem Mann und unseren vier Kindern in Israel leben. Das ist mir wichtig, weil dies der einzige Platz für uns ist."

Informationen zum Beitrag

Titel
15 Sekunden, um sich in den Luftschutzbunker zu retten
Autor
Marie-Luise Morlock, Käthe-Kollwitz-Schule, Bruchsal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.01.2011, Nr. 21, S. N6
Projekt
Jugend schreibt

Beruf und Chance

  • 54359734

    Zahl ausländischer Wissenschaftler und Studierender gestiegen

    › Zum Artikel

  • 54360031

    Mütter kehren schneller in familienfreundliche Betriebe zurück

    › Zum Artikel

  • 54358221

    Neuseeländisches Unternehmen führt die Vier-Tage-Woche ein

    › Zum Artikel

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180