Einmal Arizona und nie mehr zurück

Eigentlich war der Düsseldorfer Informatiker mit seinem Leben zufrieden. Nur eine Frau hatte er bisher nicht gefunden. Das änderte sich durch eine Partnerbörse.

Graue Wolken hängen am Himmel. Feiner Nieselregen fällt auf den schwarzen Asphalt vor dem kleinen Küchenfenster einer Düsseldorfer Altbauwohnung. In der Küche hört man leise Töne aus dem Radio dudeln. Achim Seiler sitzt am Frühstückstisch, still seine Morgenzeitung lesend. So sah vor zehn Jahren ein normaler Morgen für den Informatiker aus. Heute, zehn Jahre später, lebt er im Südwesten der Vereinigten Staaten.

In Düsseldorf war der damals 35-Jährige bei einem großen Konzern angestellt, hatte ein solides Einkommen und genug freie Zeit, um die Welt zu entdecken. "Am besten gefiel mir das Lebensgefühl in den Staaten", sagt er lächelnd und erzählt von der Gelassenheit der meisten Amerikaner. Termine gebe es zwar, aber wenn man sie nicht einhalten könne, dann mache man eben einen neuen. So einfach kann es sein, ohne Stress zu leben. Doch den Gedanken, nach Amerika auszuwandern, verwarf er immer wieder.

Denn er war mit seinem Leben in Deutschland eigentlich zufrieden. Nur eine Sache fehlte ihm: die richtige Frau. "Ich weiß nicht, warum, aber irgendwie hat es nie geklappt", erinnert sich der schlanke, braunhaarige Mann. Er ging abends häufig aus, doch seine Versuche waren nie von Erfolg gekrönt. Auch am Arbeitsplatz, der nach Meinungsumfragen neben dem Freundeskreis zu den besten Möglichkeiten gehört, neue Bekanntschaften zu schließen, hatte er kein Glück. Frauen seien in seiner Branche bis heute eher die Ausnahme.

Also wandte er sich der einzigen Möglichkeit zu, die ihm zu bleiben schien: einer Partnerbörse im Internet. "Ich war sehr skeptisch, weil ich niemanden kannte, der Erfahrungen damit hatte, aber ich dachte: Was soll's?", erinnert sich Seiler. Er meldete sich an, und nach den ersten gescheiterten Versuchen, lernte er nach etwa zwei Monaten eine Amerikanerin namens Alisha Smith im Chatroom kennen. Sie war damals als Verwaltungsangestellte für ein Unternehmen in Phoenix, Arizona, tätig, und ebenfalls schon seit längerer Zeit auf der Suche. "Es war wie Magie", schwärmt Seiler, da sich die beiden auf Anhieb verstanden. So wie in vielen Hollywoodfilmen, die der Realität so fern scheinen. Aus dem anfänglichen Smalltalk wurden schnell tiefgründige und persönliche Gespräche und schließlich beiderseitige Verliebtheit. Als die Konversationen auch nach vier Monaten für keinen der beiden an Reiz verloren hatten, beschloss Achim Seiler, seinen Urlaub in Arizona zu verbringen, um dort seine große Liebe zu treffen.

In einer Juniwoche flog er schließlich nach Phoenix und besuchte Alisha in einer nahe gelegenen Kleinstadt. Die beiden hatten sich dort in einem kleinen Restaurant verabredet. "Dass ich aufgeregt war, muss ich ja wohl nicht erzählen", schmunzelt der Jetzt-Ameriikaner, "schließlich hatte ich sie noch nie persönlich gesehen." Doch zum Glück lief alles so, wie er es sich vorgestellt hatte, vielleicht sogar besser. Denn auch in der Realität verstanden sich die beiden blendend. Eigentlich habe er gar nicht mehr nach Deutschland zurückgewollt, aber Urlaub hat man eben nicht ewig. Für den Düsseldorfer gab es zu diesem Zeitpunkt keinen Zweifel mehr. Er hatte diejenige gefunden, die er liebte, und sein Herz hatte schon immer für Amerika geschlagen. Für ihn war klar: Er würde auswandern, und sich damit gleich zwei seiner größten Träume erfüllen. Die Familie stand dabei die ganze Zeit hinter ihm, denn die Reiselust teilte er mit seinen Eltern. Für sie war es kein Problem, dass ihr Sohn sein Glück in Amerika suchen wollte. Seine Mutter habe richtig mitgefiebert, berichtet Seiler. Einmal fragte sie sogar: "Wann geht es denn endlich los?"

Diese Frage wurde in der Nacht auf den 7. August 2000 beantwortet. Zwei Monate nach seinem ersten Zusammentreffen saß das "Traumpaar", wie Alishas Familie die beiden nennt, im Auto auf der Fahrt über den Highway. Ringsherum nur dunkle Prärie, beleuchtet vom Mondschein. Bis schließlich die Stadt in Sicht kam: Las Vegas. Hochburg der Spieler und derer, die das Besondere suchen. Leuchtschriften, Lichteffekte und ein buntes Durcheinander überall. Mittendrin suchten sie eine der sogenannten Wedding Chapels auf. "Wir sind natürlich dorthin gefahren, um zu heiraten" sagt der Deutsche, und sieht dabei genauso glücklich aus wie auf seinem Hochzeitsfoto.

Die beiden fuhren auf den Parkplatz, und gingen auf den Eingang zu. Natürlich hatte man vorher, ganz nach deutscher Manier, einen Termin gemacht. Doch bevor sie die Tore erreichten, sprangen diese auf. "Das war das Skurrilste, das ich je erlebt habe." Denn aus dem Tor drang laute Musik, und ein Mann in weißem, mit goldenen Nieten verziertem Anzug mit Schlaghosen sprang heraus. Er sang den bekannten "Jailhouserock" von Elvis mit entsprechender Tanzeinlage. "Es dauerte etwas, bis wir begriffen, dass dieser Herr unser Pfarrer war", lacht Seiler. Nach dem furiosen Empfang änderte sich die Musik, und der Elvis-Pfarrer sang nun "I want you, I need you, I love you", und wies das Hochzeitspaar in die Kapelle. Sie schritten den Hauptgang entlang, bis sie schließlich vor Elvis selbst standen. Er lächelte die beiden mit ausgebreiteten Armen gönnerhaft an. Die Trauung verlief dann allerdings so normal, wie es unter den gegebenen Umständen möglich war. Und kaum waren die Ringe getauscht, der Hochzeitskuss vorüber und das Hochzeitsfoto geschossen, hatte Elvis schon wieder sein Mikrofon in der Hand. Erneut begann er zu singen, wünschte dem Paar viel Glück, und unter seinem Gesang traten sie hinaus in ein neues Leben. "Es war das Lustigste, was wir je zusammen gemacht haben, und deshalb werde ich es nie vergessen."

Der Deutsche erhielt durch die Hochzeit eine Aufenthaltsgenehmigung und zog schon einen Monat später nach Arizona. Dort arbeitet er heute immer noch als Informatiker für die gleiche Firma wie damals in Düsseldorf, doch wenn er nun jeden Abend durch die Haustür tritt, erwarten ihn Frau und Kinder. Sie erzählen aufgeregt von den Erlebnissen ihres Tages, während die Familie zusammen auf der sonnendurchfluteten Veranda sitzt und das Beisammensein genießt. Die kleine Altbauwohnung ist längst vergessen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Einmal Arizona und nie mehr zurück
Autor
Frederik Steinbach Werner-Heisenberg-Gymnasium, Leverkusen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.02.2011, Nr. 27, S. N6
Projekt
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