Von hübsch bis hässlich

Aschenbach, bequem ruhend, der Abwehr nicht fähig, hoffnungsvoll erregt vielmehr von dem, was geschah, sah im Glase seine Brauen sich entschiedener und ebenmäßiger wölben, den Schnitt seiner Augen sich verlängern, ihren Glanz durch eine leichte Untermalung des Lids sich heben, sah weiter unten, wo die Haut bräunlich-ledern gewesen, weich aufgetragen, ein zartes Karmin erwachen, seine Lippen, blutarm soeben noch, himbeerfarben schwellen, die Furchen der Wangen, des Mundes, die Runzeln der Augen unter Creme und Jugendhauch verschwinden, erblickt mit Herzklopfen einen blühenden Jüngling." Man fühlt sich unweigerlich an die berühmte Szene in Thomas Manns "Tod in Venedig" erinnert, wenn man die Gesichter unter den flinken Händen der Maskenbildnerin sich verändern sieht.

"Ich sorge dafür, dass die Schauspieler und Tänzer so aussehen, wie es die Rolle erfordert: von umwerfend hübsch bis erschreckend grauenhaft, vom dezenten Make-up bis hin zu abgetrennten Körperteilen." So beschreibt die 28-jährige Maskenbildnerin Maren Becker ihre Arbeit im Stadttheater Koblenz. Die junge Frau mit den langen, lockigen braunen Haaren, der kurzen Jeans und der flippigen lila Strumpfhose ist eine von zehn Maskenbildnern des Theaters. Seit sechs Jahren ist sie hier tätig. Ihr Handwerk lernte sie in einer zweijährigen schulischen Ausbildung in Berlin. Drei Stunden vor der Aufführung des Balletts "Stalin Dances" von Anthony Taylor bereitet sie ihren Arbeitsplatz vor und wartet auf die Tänzer. Dem Schminkplan ist zu entnehmen, dass hundert Minuten vor der Aufführung die Tänzer und Tänzerinnen im Zehn-Minuten-Takt bei ihr und ihrer Kollegin eintreffen werden. "Oft kommt es vor, dass sich eine Person verspätet und der gesamte Zeitplan nicht mehr eingehalten werden kann. In solchen Situationen muss man die Ruhe bewahren und saubere Fließbandarbeit leisten können. Viele Leute denken nämlich, dass man in diesem Beruf seine gesamte Kreativität ausleben kann. Der Beruf ist aber zu 80 Prozent ein Handwerk. Meistens geben die Kostümbildner uns vor, wie wir zu schminken und zu frisieren haben", erklärt sie, "es muss schließlich alles aufeinander abgestimmt werden." Aufgrund des Zeitmangels während eines Theaterstücks und kurzen Umzugszeiten von ein bis zwei Minuten passiert es manchmal, dass auf der Bühne Perücken und Bärte abfallen, weil sie nicht richtig befestigt wurden. "Auch wenn die Zuschauer es vielleicht gar nicht mitbekommen, ärgert und stört es mich sehr, wenn so etwas passiert. Schließlich ist es meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass genau so etwas nicht vorkommt."

Am heutigen Ballettabend sollte die Atmosphäre sehr entspannt bleiben, da sich die Frauen selber schminken und nur frisiert werden müssen und die Herren ein dezentes Make-up aufgetragen bekommen. "Deswegen ist es sehr angenehm, mit Ballettis zu arbeiten", lacht Maren Becker, "sie sind nämlich immer pünktlich und diszipliniert." Und tatsächlich trifft die erste Tänzerin pünktlich in dem Raum ein, der an zwei gegenüberliegenden Wänden große beleuchtete Spiegel hat. Auf Tischen liegen Pinsel, Lidschattenpaletten, Lippenstifte, Make-up-Tuben, Haarspangen, Bürsten, Lockenwickler und auf den Regalen viele Perücken. "Die Arbeitseinteilung erfolgt hier so, dass jede Maskenbildnerin einem Stück zugeteilt wird, für das sie während der gesamten Aufführungszeit arbeitet. Aus diesem Grund lernt man die Schauspieler und Tänzer näher kennen, kann sich mit ihnen unterhalten und auch besser auf ihre Wünsche eingehen." Daher begrüßt die erste Tänzerin Maren Becker sehr freundlich, und die beiden beginnen Smalltalk auf Englisch zu halten. Da die meisten Tänzer aus verschiedenen Ländern wie England, Frankreich, Spanien, Russland, Japan, Australien und Südafrika kommen, ist Englisch ein wichtiges Mittel zur Kommunikation. Während Maren frisiert, wird direkt daneben der junge Tänzer Nathaniel Yelton geschminkt und erzählt, was er davon hält: "Ich finde es immer noch komisch, als Mann geschminkt zu werden. Doch es muss einfach gemacht werden, da es nun mal zu meinem Beruf dazugehört. Im Privatleben schminke ich mich aber nicht." Doch es muss wirklich sein, das Gesicht zu pudern, ihm etwas Lidschatten und Rouge aufzutragen, damit das Gesicht im hellen Bühnenlicht richtig zur Geltung kommt, nicht blass und leblos wirkt, und damit ein Tiefen-Höhen-Kontrast entsteht.

Nachdem alle Tänzerinnen und Tänzer geschminkt und frisiert sind, ist die aufwendigste Arbeit für Maren Becker und ihre Kollegin fast beendet. Während der Aufführung stehen sie hinter der Bühne bereit, um in den Tanzpausen einzelnen Tänzerinnen die Frisur zu ändern. So werden Kopftücher abgenommen, Zöpfe geflochten oder neu hochgesteckt.

Doch nicht immer läuft alles so harmonisch ab wie an diesem Abend. "Manchmal kommt es vor, dass man die Schauspieler so schminken oder stylen muss, dass es nicht ihrem eigenen ästhetischen Sinn entspricht. Dann gibt es manche, die gereizt und aggressiv reagieren und mich dafür verantwortlich machen, obwohl ich auch nur die Anweisungen der Kostümbildner oder die des Regisseurs befolge, auch wenn ich es manchmal selber schrecklich finde. Aus diesem Grund ist man ab und zu als Psychologe tätig und muss ein psychisches Einfühlungsvermögen haben, weil die Leute unterschiedlich empfindlich sind und man mit den Launen und Problemen gelassen umgehen können muss. Aber vor allem muss man lernen, es nicht zu persönlich zu nehmen."

Maskenbildner arbeiten nicht nur während der Vorstellungen. "Ich arbeite im geteilten Dienst, was bedeutet, dass ich nicht nur abends während der Vorstellungen arbeite, sondern auch morgens meistens von 8 bis 12 Uhr. Diese Zeit dient der Vorbereitung, denn meine Hauptarbeit liegt eigentlich im Perückenknüpfen, denn fast jede Perücke ist eine Maßanfertigung. Je nach Haarlänge arbeite ich 40 bis 80 Stunden an einer Perücke." Es gibt im Theater auch einen Perücken- und Bärtefundus, in dem bis zu 26 Jahre alte Perücken und Bärte gelagert werden.

Maren Becker ist froh, wenn sie eine ruhige Arbeitsatmosphäre wie während dieser Ballettaufführung haben kann, darüber hinaus macht ihr aber auch die Gestaltung von Spezialeffekten wie Hautveränderungen, Verletzungen und Deformationen Spaß. "Jedes Jahr tue ich alles dafür, an meinem Lieblingstag Halloween frei zu bekommen, um meine Freunde mit viel Farbe, Warzen, Pickeln und offenen Wunden entstellen zu können", lacht sie.

Informationen zum Beitrag

Titel
Von hübsch bis hässlich
Autor
Annette Huber, Megina-Gymnasium, Mayen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.02.2011, Nr. 39, S. N6
Projekt
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