Pilot bei der Heli Gotthard

Sie bringen Tiere ins Tal, schaffen Material auf die Berge und retten Lawinenopfer: Schweizer Helikopterpiloten im Einsatz.

Das Tolle daran ist die Freiheit und die Tatsache, dass man nie genau weiß, welche Aufträge im Laufe des Tages noch hereinschneien werden", sagt der 52-jährige Pilot Klaus Schuler. Er steht in seinen dunklen Jeans und dem königsblauen Gilet stolz vor einem der drei Helikopter der Modelle Ecureuil AS 350 B3 und lächelt vor sich hin. Der 1,80 Meter große Mann ist einer von insgesamt drei Berufspiloten auf der Heli Gotthard Basis Erstfeld im Kanton Uri. Die beiden anderen Basen liegen in Pfaffnau im Kanton Luzern und in Küssnacht in Schwyz.

Schon seit 26 Jahren ist Klaus Schuler als Pilot tätig. "Davor habe ich eine Lehre als Elektriker abgeschlossen und arbeitete eine kurze Zeit in diesem Beruf. Als ich einmal mit meinen Kumpels in die Berge ging, um dort Silvester zu feiern, wurden wir eingeschneit und konnten nicht mehr weg. Schließlich musste uns nach drei Tagen die Rega, die Schweizerische Rettungsflugwacht, ausfliegen. Mich packte sogleich die Faszination für das Helikopterfliegen, und ich wollte selbst Pilot werden", sagt der Familienvater von vier Kindern enthusiastisch, während seine tiefe Stimme in dem kalten, großen Raum widerhallt. Heute kostet nur schon die für die Ausbildung vorgegebene Anzahl Flugstunden zum Helikopterflieger ungefähr 130 000 Schweizer Franken, die von den Flugschülern aufgebracht werden müssen. Bevor der Elektriker damals seine Zweitausbildung zum Piloten begann, hatte er während eines Jahres in Chile als Elektromonteur gearbeitet. "Mit dem Verdienst habe ich mir dann meinen Traumberuf erfüllt." Klaus Schuler kann jedoch nicht weiterreden, da hinter ihm gerade ein anderer Hubschrauber startet. Erst nachdem das 550-PS-Monster außer Sicht- und Hörweite ist, fährt er fort: "Wir von der Heli Gotthard haben die Aufgabe, Material und Personen zu transportieren, aber auch bei Unterhaltsarbeiten zu helfen, wie beispielsweise den Reparaturen von Bergbahnbauten." Besonders im Alpengebirge ist es oft die billigste Variante, Materialien mit dem Helikopter auf einen Berg zu bringen. Manchmal sind es auch Tiere, die von der Heli Gotthard auf die oder von der Alp geflogen werden müssen. Wenn sie alt oder verletzt sind, schaffen sie den Alpaufzug beziehungsweise den Alpabzug nicht mehr mit eigener Kraft.

"Bei den Flugeinsätzen ist immer mindestens einer der sieben Flughelfer dabei. Dieser ist dafür zuständig, die Materialien korrekt an- und abzuhängen und den Piloten beim Fliegen zu unterstützen, indem er die Flughöhe angibt und auf Gefahren aufmerksam macht", erklärt der Pilot und zeigt auf einen jungen Mann am anderen Ende der großen, nach Kerosin riechenden Halle, der gerade mitten in der Ausbildung zum Flughelfer steckt.

"Dieser Beruf hat es in sich", sagt Klaus Schuler und erklärt: "Man muss beispielsweise berechnen, wie viel Benzin man für eine gewisse Flugzeit und -last mitnehmen soll. Sind es zu viele Liter, hat man mehr Gewicht und braucht noch mehr Treibstoff, als ob etwa 185 Liter pro Stunde nicht ausreichen würden." Auch muss kalkuliert werden, wie schwer die zu transportierende Last sein darf, da mit der Abnahme des Druckes in den höher gelegenen Luftschichten sowie auch bei wärmeren Temperaturen die Leistung eines Helikopters abnimmt. "Entweder haben unsere Ecureuils für fünf Personen und den Piloten Platz, oder der Hubschrauber kann eine Außenlast von einer Tonne oder eine Innenlast von 500 Kilogramm fliegen", erklärt der Berufspilot mit den dunkelgrauen Haaren. Am Tag fliegt jede der drei Maschinen je nach Jahreszeit ungefähr zehn bis fünfzehn Mal zu einem Einsatz. Im Sommer ist die Nachfrage nach Transporten und Hilfe bei Unterhaltungsarbeiten größer und im Winter etwas kleiner, da während dieser Jahreszeit weniger gebaut wird und das Wetter oft zu schlecht ist für einen Helikopterflug in den Alpen.

Meistens sind die Aufträge drei bis sieben Tage im Voraus fixiert und von den drei Einsatzleitern in Pläne eingetragen worden. "Von Zeit zu Zeit gibt es aber auch Fälle, in denen wir plötzlich ohne große Vorankündigungen ausrücken müssen. Wenn beispielsweise im Winter eine Lawine Leute verschüttet hat, müssen wir sofort einsatzbereit sein", erklärt Schuler ernst. In solchen heiklen Situationen arbeitet die Heli Gotthard eng mit der Rega zusammen und fliegt Suchtrupps und Rettungshunde ins Einsatzgebiet. "Dies ist immer wieder eine herausfordernde Angelegenheit, da wir unter Zeitdruck arbeiten und für derartige Geschehnisse immer gewappnet sein müssen. So war es auch im Lawinenwinter 1999. Damals schneite es so stark, dass wir viele Bergbewohner evakuieren mussten." Bei diesem Einsatz riskierten die Piloten und Flughelfer ihr Leben, um das anderer zu retten. Das Schwierigste in solchen Notsituationen ist, dass die Helfer die richtige Entscheidung treffen. Sie müssen abwägen, ob sie es riskieren können, die Leute bei schlechten Wetterbedingungen aus dem Lawinengebiet auszufliegen, oder ob die Gefahr, der sie sich selber bei der Rettung der Menschen aussetzen würden, größer ist. Solche lebensgefährlichen Aufträge sind auch für Schulers Familie nicht einfach. Doch sie unterstützt ihn. "Dieser Einsatz ist mir speziell in Erinnerung geblieben. Zu sehen, wie die Menschen dankbar waren, machte uns besonders glücklich", sagt der 52-Jährige.

Informationen zum Beitrag

Titel
Pilot bei der Heli Gotthard
Autor
Tamara Arnold, Kantonale Mittelschule Uri, Altdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.02.2011, Nr. 45, S. N6
Projekt
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