Jahrzehntelang verdrängt und verschwiegen

Ich wollte ja durch meine Tat noch größeres Blutvergießen verhindern." Der Satz steht auf einer Gedenktafel, die an einer kleinen alten Villa befestigt ist. Die Gedenkstätte in Königsbronn, einer Gemeinde im Kreis Heidenheim in Baden-Württemberg, erinnert an den Königsbronner Widerstandskämpfer Georg Elser, der am 8. November 1939 ein Attentat auf Adolf Hitler verübte.

Im Haus befindet sich ein Café. Es gibt Regale und Tische, beladen mit edlem Kaffeegeschirr und Gebäck. Am Ende des Gangs führt eine schmale Treppe in den ersten Stock. Dort sitzt an einem kleinen Tisch der Oberstufenschüler Philipp Kolb. An diesem Sonntag hilft er als ehrenamtlicher Mitarbeiter in der Gedenkstätte in seinem Wohnort mit. Der Elftklässler kassiert das Eintrittsgeld, einen Euro für Kinder und drei Euro für Erwachsene. Nebenbei lernt er für die Schule. "Ich arbeite hier jetzt schon seit zwei Jahren an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 17 Uhr. Wir sind vier Schüler und wechseln uns jeden Monat ab, darum komme ich jeden vierten Monat dran", erklärt er. "Es ist ein kleiner Nebenverdienst."

"Die Mitarbeit in der Königsbronner Gedenkstätte bietet Schülern die Möglichkeit, bei der Aufarbeitung von Elsers Leben mitzuwirken. Denn es ist mehr als nur Museumsarbeit hier. Wir binden Schulen ein, machen Publikationen für die Gedenkstätte und beteiligen uns auch bei Veranstaltungen", erläutert Joachim Ziller in seinem Büro. Er ist Mitarbeiter im Rathaus und für die Ausstellung zuständig, in der er unter anderem auch Führungen anbietet. Ein anderes Beispiel für eine Veranstaltung, bei der die Georg-Elser-Gedenkstätte einen Infostand hat, ist "Kicken gegen Rechts". Bei der jährlichen Veranstaltung in Oberkochen setzen Fußballbegeisterte ein Zeichen gegen Rassismus und Rechtsextremismus im Ostalbkreis. In der Gedenkstätte habe am internationalen Gedenkstättentag sogar mal eine Band Lieder des Widerstands gespielt, sagt Philipp. Die Ausstellung stellt in drei Zimmern Elsers Leben dar. Im Eingangsbereich sind Bücher, Biographien und Infoflyer über ihn sowie ein Gästebuch ausgelegt. Die Rückmeldungen sind positiv. Philipp erzählt, wie er öfters über die "hervorragend gelungene Ausstellung" angesprochen wird.

Im ersten Zimmer werden Elsers Kindheit und Jugend behandelt. Johann Georg Elser wurde am 4. Januar 1903 im württembergischen Hermaringen bei Heidenheim geboren und wuchs in Königsbronn auf. Neben Familienbildern mit erklärenden Texten sind Uhren, eine Hobelbank, eine Zither und andere Gegenstände, die Elser als gelernter Schreiner hergestellt hatte, zu sehen. Zudem sind Sonderbriefmarken anlässlich des 100. Geburtstags von Elser im Jahre 2003 ausgestellt. Außer dem Ticken der restaurierten Standuhr wird die Stille nur ab und zu durch das Knarren des Parketts und das Sprechen der Besucher gestört. "Seitdem es den neuen Elser-Film gibt", erklärt der 18-Jährige, "gibt es einen großen Anstieg in der Besucherzahl. Kamen früher im Schnitt nur sechs bis acht Leute am Tag, sind es heute fast fünfzig. Die Leute reisen von überallher an, teilweise sogar von Stuttgart und weiter weg". Für jeden Besucher trägt er einen Strich ein. "Es ist schade, dass der Elser-Film nicht auch in Königsbronn gedreht wurde", bemängelt er. Auch anderen Königsbronnern gefalle das nicht, "aber hier ist es anscheinend zu modern gewesen." Joachim Ziller erklärt: "Obwohl der Film nicht in Königsbronn gedreht wurde, haben wir die Drehbuchautoren seit 2008 betreut. Die Filmleute waren dreimal hier in Königsbronn, um sich vor Ort über Elser zu informieren. Die Handlungen im Film basieren auf den Verhörprotokollen. Um Elsers Gedanken umzusetzen, wurde im Film die Liebesbeziehung mit Elsa herausgearbeitet. Die Wortwechsel mit ihr geben Einblicke in seine Tatmotive." Im zweiten Raum stehen Informationstafeln mit Texten zum Anschlag am 8. November 1939. Zudem sind Auszüge aus dem Verhörprotokoll und originale Zeitungsartikel ausgestellt. Ein großes Bild zeigt den zerstörten Münchner Bürgerbräukeller. Die Tafeln beschreiben Elsers Vorgehen bei seinem missglückten Bombenanschlag. "Ich habe den Krieg verhindern wollen", sagte Elser, der schon früh die Gefahr des Nationalsozialismus erkannte, im Verhör aus.

Der dritte Raum der Ausstellung wird von einem Gefängnisgitter durchtrennt und befasst sich mit "Verhör, Haft und Tod" von Elser, der schon vor der Explosion bei seiner Flucht in die Schweiz verhaftet wurde. Die Tafeln und Bilder zeigen, wie Elser von der Gestapo mehrmals verhört und misshandelt und schließlich ins KZ Dachau gebracht wurde, wo er am 9. April 1945 erschossen wurde. Bilder von Elser hinter den Gitterstäben werden gezeigt. "Die Verwandten von Elser litten sehr stark wegen seiner Tat. Sie versuchten so weit wie möglich, das Ereignis zu verdrängen, und sprachen nur ungern darüber", sagt Ziller.

Die Dokumentation behandelt auch die Zeit nach Elser. Es gibt Zeitungsartikel aus den Jahren nach Elsers Tod, die sich mit dem Anschlag befassen. Auch wird gezeigt, dass nach dem Ende des Kriegs Elser lange Zeit die Anerkennung als Widerstandskämpfer versagt blieb. Erst Ende der sechziger Jahre, als das Verhörprotokoll Elsers von Lothar Gruchmann in den Akten des ehemaligen Reichsjustizministeriums gefunden wurde, wurde ihm in der Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit geschenkt. "Die Gedenkstätte ist deshalb interessant, weil man hier am Beispiel Königsbronn die Probleme der Deutschen im Umgang mit ihrer Geschichte gut erkennt. Für fünf Jahrzehnte wurde Elser im Ort verschwiegen, vergessen und verdrängt", sagt Ziller. Besondere Arbeit dagegen leistete der Georg-Elser-Arbeitskreis, der 1988 in Heidenheim gegründet wurde, als noch niemand etwas von Elser wissen wollte. In Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin wurde 1997 die Ausstellung: "Ich habe den Krieg verhindern wollen. Georg Elser und das Attentat vom 8. November" organisiert. "Das Ziel war es, diese Sonderausstellung als eine Dauerausstellung nach Königsbronn zu bringen", erklärt Ziller. 1998 wurde die Gedenkstätte eingeweiht.

Philipp Kolb mag seine Arbeit. "Es ist interessant, Zeitzeugen zu treffen und zu erfahren, was sie in der NS-Zeit erlebt haben. Viele Leute bedauern, dass sich nicht mehr Menschen so wie Elser gegen Hitler gewehrt haben." Ziller sagt, dass vor allem ältere Leute ein unglaubliches Bedürfnis hätten, von ihren eigenen Erlebnissen zu erzählen. "Die ehrenamtlichen Mitarbeiter in der Gedenkstätte sind fast so etwas wie Therapeuten, indem sie den älteren Personen zuhören. Die Mitarbeiter erfahren sehr viel über Zeitgeschichte."

Informationen zum Beitrag

Titel
Jahrzehntelang verdrängt und verschwiegen
Autor
Tim Grupp
Schule
Ernst-Abbe-Gymnasium , Oberkochen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2015, Nr. 260, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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