Italienisch ist die schönste Gesangssprache

Die Eingangshalle der National Gallery in Dublins Innenstadt lässt Veronica Dunnes Gesicht erstrahlen. Die Energie, die von der zierlichen Frau ausgeht, lässt nicht vermuten, dass sie 88 Jahre alt ist. Mit ihrem lachsfarbenen Kostüm, Perlenkette und geschmackvoll blondiertem Haar hat eine der größten Opernsängerinnen Irlands viel Glamour. 1987 erhielt sie die Ehrendoktorwürde vom University College Dublin. 1988 wurde sie zum Ehrenmitglied der Royal Dublin Society ernannt. Seit 1961 unterrichtet sie von 10 bis 19 Uhr Gesang - ohne Mittagspause. Alle großen irischen Sänger sind von ihr ausgebildet worden. Ruhe scheint die agile Dame nicht zu brauchen. "Ich hatte drei Schlaganfälle", erzählt sie fast keck. Die Arbeit halte sie jung.

Ihre Karriere begann früh. Einmal im Monat trafen sich Familie und Freunde bei ihren Eltern und gestalteten musikalische Abende. "Ich saß im Nachthemd auf der Treppe meines Elternhauses in Dublin und hörte einfach nur zu." Dort sang sie selbst zum ersten Mal mit elf Jahren. Ihr älterer Bruder hatte sie überzeugt, das traditionelle Lied "Hills of Donegal" zu singen. Jahre später fiel Dunne im Internatsschulchor auf: "Du gibst mit deiner Stimme an. Hör auf zu singen", warf ihr die Nonne vor, die den Chor leitete. "Ich habe trotzdem Gesangsunterricht genommen", kichert sie, als ob sie wieder das rebellische Mädchen von einst wäre. Ihre Stimme ist stark und getragen. Vier Jahre studierte Dunne Gesang in Italien. Das war ihr so viel wert, dass sie dafür ihr Pony verkaufte. "Ich kenne fast jede Oper, denn jeden Abend besuchte ich eine andere." In Mailand bewarb sie sich für einen internationalen Gesangswettbewerb. "Ich spielte die Mimi in La Bohème. Niemand ist wohl so schön wie ich gestorben, denn ich habe die Rolle bekommen", lacht sie. Das wurde ihre Lieblingsrolle. Es folgten unzählige internationale Auftritte. Ihr Lieblingstheater war Covent Garden, ihr Lieblingsdirigent Sir John Barbirolli. "Italienisch ist und bleibt die schönste Gesangssprache", schwärmt sie. Auch die deutsche Sprache findet sie wunderschön. "Allein der Klang von ,Ich liebe dich, ist der nicht bezaubernd?"

Seit den siebziger Jahren unterrichtet sie ausschließlich Gesang. Ihr Mann und ihre Kinder nahmen so viel Zeit in Anspruch, dass sie ihre Opernkarriere nicht mehr weiterführen konnte. Ihre Stimme litt unter der Belastung. "Früher war das anders als heute", seufzt sie. "Damals hat der Mann gearbeitet. Die Frau musste zu Hause bleiben und die Kinder versorgen. Ich hatte eine tolle Karriere, hätte aber eine bessere haben können." Ihre Schüler warnt sie vor der Ehe, lehnt sich vor und flüstert: "Lebt mit den Männern, liebt sie und lasst sie dann ziehen. Die Liebe verwelkt. Am Ende kommt es aber aufs Geschäft an." In Freiheit lasse es sich nun mal besser Karriere machen. Aber heute ist sie leidenschaftliche Oma und entspannt abends bei Sudokos.

Wie wurde sie Lehrerin? Als man sie einige Jahre nach ihrer Hochzeit bat, an Dublins Musikhochschule zu lehren, war sie überrascht. Ihre erste Studentin wurde gut, Dunne genoss das Lehren. Es sei nicht einfach, Opernsänger zu werden: "Alle Studenten haben Sprachlehrer und Schauspiellehrer. Die Stimme ist nur eine Sache. Man muss Noten lesen, schauspielern und improvisieren können, auf die Kalorien achten, ein gepflegtes Äußeres haben und immer pünktlich sein." Ist es nicht anstrengend, fast jeden Tag zu unterrichten? "I wo! Ich schätze die jungen Leute. Es macht mir Freude, meine Studenten erfolgreich zu sehen", ruft sie aus. Schüler reißen sich um Plätze bei ihr. Sie hat viele Talente entdeckt. "Es ist einfach so. Ich weiß schon beim allerersten Vorsingen, ob jemand Talent hat oder nicht", erklärt sie. Ihre Großzügigkeit ist legendär. Dunne hat viele Schüler bei sich beherbergt und Flugtickets zu Vorsingorten bezahlt. Mit dem Geld, das sie für ihren Ehrendoktor bekam, hat sie die "Veronica Dunne International Singing Competition" gegründet, einen internationalen Gesangswettbewerb.

Sie hat oft gesagt, dass, wenn sie aufhören würde, zu unterrichten, sie beginnen könnte, ihr Grab zu schaufeln. Belustigt erzählt sie von dem Mann, der einmal an ihrer Tür klingelte. Sie schob ihn in einen Raum: "Haben Sie ein Lied vorbereitet? Singen Sie doch mal die Tonleiter!" Es dauerte fünf Minuten, bis der Mann sein Anliegen vorbringen konnte: Er sei hier, um das Telefon zu reparieren.

Informationen zum Beitrag

Titel
Italienisch ist die schönste Gesangssprache
Autor
Freya Tacke, Emma Prehn
Schule
St. Kilian's Deutsche Schule , Dublin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.11.2015, Nr. 266, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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