Schweizerdeutsch nur mit dem Schiedsrichter

Ein schriller Pfiff ertönt. "Foi nada!", rufen einige Männer in roten Leibchen dem Schiedsrichter zu. Dies bedeutet so viel wie "Es war nichts", und damit wollen sie den Unparteiischen davon überzeugen, dass keinerlei Foulspiel begangen wurde. Dieser lässt sich aber nicht umstimmen und zeigt auf den weißen Punkt im Sechzehner, was einen Elfmeter zur Folge hat. Der glatzköpfige Schweizer Schiedsrichter hat die Einwände der Spieler wahrscheinlich ohnehin nicht verstanden, da sie auf Portugiesisch reklamierten.

"Benfica Clube de Zurique" (BCZ) gehört seit 2011 offiziell zum portugiesischen Topverein Benfica Lissabon und trägt seine Heimspiele in Schlieren, einer kleinen Stadt im Westen Zürichs, aus. Der "Juchhof", wie die Sportanlage auch genannt wird, besteht aus 13 Fußballfeldern und ist für mehrere Vereine da. Die Plätze werden vor allem von ausländischen Vereinen wie dem AC Palermo, Centro Lusitano und weiteren Mannschaften benutzt.

Nach dem Pfiff bereitet sich der Stürmer der "Red Stars Zürich" Senioren, ein braunhaariger und stämmiger Mann, auf den Elfmeter vor. Wie alle anderen Spieler ist er Mitte 30. Der Mann im grün-weißen Trikot nimmt Anlauf und zieht mit voller Wucht ab, aber der Torwart der Südländer pariert erfolgreich den ersten Schuss. Die Bank der Portugiesen springt auf, und die Auswechselspieler jubeln über die gelungene Parade. Aber die Freude hält nicht lange an. Der Nachschuss sitzt nämlich schon im Kasten, und die Zürcher jauchzen und gratulieren ihrem Torschützen. Die 20 Zuschauer applaudieren.

Internationale Klubs liegen in der Schweiz im Trend. So sind italienische, türkische und portugiesische Vereine in der ganzen Schweiz zu finden, wie zum Beispiel Benfica Neuchâtel in Neuenburg und der FC Bosna im Kanton Aargau. Fremdländische Vereine gibt es aber hauptsächlich in Zürich, das einen Ausländeranteil von etwa 25 Prozent aufweist. Von den 370 000 Ausländern im Kanton Zürich sind rund sieben Prozent, umgerechnet knapp 26 000 Personen, Staatsbürger Portugals. Zudem gibt es noch die portugiesisch-schweizerischen Doppelbürger, die nicht zu den Ausländern gezählt werden.

Aus Geldnot wanderten viele Portugiesen in Gruppen während der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts aus. In jüngster Zeit nahm die Auswanderung wegen der Finanzkrise erneut zu. Die Gruppen bestehen hauptsächlich aus jungen Männern, die in der Schweiz eine zweite Heimat finden. Nachdem sie sich in der neuen Umgebung zurechtgefunden haben, lassen sie ihre Familie und Freunde nachkommen, so dass ganze Freundeskreise erhalten bleiben. In Zürich haben portugiesische Vereinigungen somit viele potentielle Mitglieder und können unter diesen Bedingungen gut wachsen. "Hauptsächlich in der Jugend gibt es immer mehr Spieler", sagt der 16 Jahre alte André Costa. Der mittelgroße Mechanikerlehrling ist B-Jugendspieler von Benfica Zürich und hat seine Wurzeln in Braga, einer Stadt im Norden Portugals. Seine Großeltern wanderten in den siebziger Jahren in die Schweiz aus, um Arbeit zu finden. "2009 hatte der gesamte Verein lediglich 30 Sportler. In den letzten Jahren hat die Mannschaft massiv an Beliebtheit dazugewonnen und kann nun schon über 130 Spieler vorweisen." Zurzeit spielt die erste Mannschaft in der 3. Liga der Region Zürich, die Senioren spielen dagegen bereits in der 2. Liga der Region. Die meisten Gegner sind eidgenössische Mannschaften, aber häufig treffen auch ausländische Teams aufeinander. Es kommt öfters auch zu Begegnungen zwischen Mannschaften aus dem gleichen Land. Benfica ist beispielsweise nicht der einzige portugiesische Verein in Zürich. Sie teilen sich die Sportanlage Juchhof unter anderem mit ihren Landsleuten des Clubs "Centro Lusitano". Auch internationale Freundschaftsspiele gibt es ab und zu, und die Klubs reisen gerne in ein anderes Land für die Trainingslager.

Auf einmal brechen die Spieler der Red Stars in Jubel aus. "Was füres unglaublichs Goal", bemerkt ein kurzbärtiger Spieler auf der Bank der Red Stars, natürlich auf Schweizerdeutsch. Einer seiner Mitspieler hat gerade nach einem Freistoß per Direktabnahme ein sehenswertes Volleytor geschossen. Auf dem Feld reklamieren jedoch einige Spieler Benficas wegen einer vermeintlichen Abseitsstellung des Torschützen. Auch hier lässt sich der Schiedsrichter nicht beirren. Sobald die Portugiesen mit dem Schiedsrichter diskutieren, tun sie das meistens auf Schweizerdeutsch. Das Gleiche gilt auch für Gespräche mit dem Gegner. Unter sich sprechen sie Portugiesisch - nicht zuletzt aus taktischen Gründen. Denn die Seniorenmannschaft besteht ausschließlich aus Portugiesen. Einige kennen sich auch von der Arbeit. Viele Portugiesen sind im Bau tätig und arbeiten oft in Gruppen zusammen.

In den Jugendmannschaften sieht das Ganze anders aus. "Bei uns in der Jugend gibt es nicht nur Portugiesen", merkt Costa an, "da befinden sich auch Schweizer und andere Ausländer, daher spricht man da hauptsächlich Schweizerdeutsch. Es ist immer gut, wenn sich auch andere Leute für den Klub interessieren." Ein letztes Mal hört man die Trillerpfeife. Das Spiel ist beendet. Nach jedem Spiel treffen sich die meisten Portugiesen auf ein Bier in der Benfica-Bar, die gesellschaftlich und wirtschaftlich mit dem Fußballverein verknüpft ist. Denn manchmal braucht auch ein Fußballer mal ein Bier oder eine Cola, damit er später seine Leistung bringen kann.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Schweizerdeutsch nur mit dem Schiedsrichter
Autor
Jorge Gonçalves
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.02.2016, Nr. 26, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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