Zurück bleibt eine Betonwüste

Es ist um die 20 Grad warm, ein leichter Wind liegt in der Luft. Die Wetterbedingungen könnten kaum besser sein für den wöchentlichen Montagsmarkt in Vieira do Minho, einer kleinen Stadt im Norden Portugals, doch der zentrale Marktplatz ist fast leer. Nur die Verkäufer sind zu sehen, die sich an ihren Ständen langweilen. Kunden sind rar. Wenige Wochen zuvor sah die Situation noch ganz anders aus. Schon zu früher Stunde war der Markt voller Menschen. Auch die Cafés und Bäckereien konnten über mangelnde Kundschaft nicht klagen. Um mehr Platz für die Marktstände zu gewähren, wurde der Markt in den Stadtpark verlagert. Obwohl der Montagsmarkt nicht über das breite Angebot an Waren verfügt wie ein modernes Einkaufszentrum, ist er beliebt dank heißbegehrten Produkten vom traditionellen Serra-da-Estrela-Käse bis zu den neuesten Fußballtrikots der portugiesischen Topklubs. Trotz der Preisschilder verhandelten die Kunden über einen günstigeren Preis. Junge und Alte schlenderten von Stand zu Stand, diskutierten mit alten Bekannten oder knüpften neue Bekanntschaften. Der Markt blühte, die Stadt war lebendig.

Doch warum ist nun kaum jemand auf dem Marktplatz oder in den zahlreichen Cafés zu sehen? "Die meisten Leute sind schon wieder abgereist", sagt Maria Ferreira. Die 68-jährige Portugiesin ist eine der wenigen Menschen auf dem Markt. Die kleine Dame lebt im Vorort Guilhofrei und besucht einmal im Monat den Markt in der Stadt. "Als die Emigranten noch hier in den Ferien waren, konnte man sich montags auf den Straßen kaum frei bewegen. Jetzt im Spätsommer sind die meisten von ihnen wieder zurück in ihrem jeweiligen Auswanderungsland."

Seit den frühen neunziger Jahren suchten bedingt durch die Finanzkrise Portugals hauptsächlich junge Erwachsene bessere Arbeitsmöglichkeiten in reicheren Ländern. So auch der Bauarbeiter Albertino Gonçalves. Der mittelgroße Portugiese kam 1990 als 23-Jähriger auf Empfehlung eines Freundes in die Schweiz. "Damals waren die Arbeitsbedingungen hier in Vieira hart, und man wurde obendrein noch schlecht bezahlt. Die Möglichkeit, viel mehr Geld in der Schweiz zu verdienen, war und ist für viele Leute sehr verlockend, auch wenn es sich um einen Sprung ins Ungewisse handelt."

Wie Gonçalves folgten in den letzten 25 Jahren viele Menschen in Vieira dem Abwanderungstrend. Am Anfang waren es hauptsächlich junge Männer, die sich auf die Reise in ein völlig fremdes Land machten. Nachdem sie sich in ihrer neuen Heimat eingelebt hatten, ließen die meisten ihre Familie oder die Freundin nachziehen. Gonçalves selbst brachte seine Frau fünf Jahre nach seiner Abwanderung in die Schweiz und gründete da mit ihr eine Familie. Auch durch Freunde wurden häufig viele von der Auswanderung überzeugt, so dass ganze Freundeskreise in das gleiche Land zogen und dort erhalten blieben. In der Folge kam es zu einer enormen Abnahme an jungen Menschen in Vieira do Minho.

Wie viele Auswanderer aus dem Umkreis von Vieira stammen, wird im Sommer, zu Weihnachten und zu Ostern deutlich, denn diese Ferienzeiten sind die beliebtesten. Zu diesen Zeiten kehren die Emigranten zurück in ihre Heimat, um ihr Heimweh zu stillen und Verwandte zu besuchen. Sobald die Ferien jedoch vorbei sind, wird die Stadt zur Betonwüste. Ohne die Auswanderer ist kaum einer auf den Straßen oder in den Läden zu sehen.

Um über die Runden zu kommen, setzen die Geschäfte daher ihren Fokus auf die vorhersehbar guten Zeiten. In diesen Perioden werden die Preise erhöht und Aushilfen eingestellt, um möglichst viel Profit zu machen. Ebenso steigen nach den Stimmen der Einwohner die Preise in den Supermärkten um etwa fünf bis zehn Prozent. Der gesamte Handel in Vieira passt sich so der schwankenden Einwohnerzahl an, denn er ist auf das frische Geld der Emigranten angewiesen.

Wegen der Auswanderung nimmt zwar die Anzahl der Menschen jungen und mittleren Alters ab, die Menge an Rentnern und älteren Erwachsenen jedoch immer weiter zu. Nach der Pensionierung kehren viele Emigranten nach Vieira zurück. Sie wollen das Ende ihres Lebens in dem Land verbringen, in dem sie groß geworden sind. Ihre Wurzeln und Kultur haben sie nie vergessen, und ihre Identität als Portugiesen und "Vieirenses" wurde von ihnen stets gepflegt. Sehnend wird der Tag der endgültigen Rückkehr in die Heimat erwartet wie kein anderer. "Ich mag die Schweiz sehr. Doch es gibt nur ein Land in meinem Herzen, nämlich das Land, in dem ich geboren wurde", sagt auch Albertino Gonçalves.

Informationen zum Beitrag

Titel
Zurück bleibt eine Betonwüste
Autor
Jorge Gonçalves
Schule
Urdorf , Kantonsschule Limmattal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.02.2016, Nr. 38, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

  • 54366088

    Jedes dritte Unternehmen findet nicht genügend Auszubildende

    › Zum Artikel

  • 54359734

    Zahl ausländischer Wissenschaftler und Studierender gestiegen

    › Zum Artikel

  • 54360031

    Mütter kehren schneller in familienfreundliche Betriebe zurück

    › Zum Artikel

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180