Schwere Geburt

Gerade als der Bauer die rund neunzig Kühe zum zweiten Mal melken will, geschieht es. Eine der Kühe bekommt ein Junges. Die Nachricht verbreitet sich in Minutenschnelle auf dem Bauernhof. Um 17 Uhr sind fast alle vor dem Liegebett der Kuh versammelt. Vor allem die Kinder schauen gebannt zu. Sie wissen nur zu gut, dass eine Totgeburt nicht selten ist. Die Kuh gibt zwar laute Geräusche von sich, aber es zeigen sich nur langsam Fortschritte, anscheinend will das Kalb nicht von selbst raus. Erst ein Teil der Hinterbeine ist zu erkennen.

Jetzt ist es an der Zeit einzugreifen. Heinz Rütschis Bruder übernimmt den verantwortungsvollen Job der Geburtshilfe. Besonders schön ist diese Arbeit nicht, da so eine Geburt eine schleimige und blutige Angelegenheit ist, aber das gehört dazu. Er befestigt eine Kette an den beiden Hufen des Kalbes, an der er nachher ziehen kann. Und so ist es schließlich möglich, ein gesundes Stierkalb auf die Welt zu holen. Mit seinen feuchten, dunkelbraunen Augen schaut es in die Runde. Nur rund zehn Minuten später steht seine Mutter wieder auf den Beinen und leckt sein Fell trocken. Alle sind sichtlich erleichtert.

"Reiten!" Manuelas Antwort auf die Frage, was sie auf dem Bauernhof am liebsten macht, kommt wie aus der Pistole geschossen. Die elfjährige, dunkelhaarige Tochter des Bauern Heinz Rütschi hilft mit ihren drei Schwestern tatkräftig mit. Das freut ihren Vater natürlich. Da er sich von seiner Frau getrennt hat, sind die Kinder nicht mehr ständig auf dem Hof. Sie leben nun bei ihrer Mutter.

"Morgens um 5.15 Uhr beginnen wir den Tag im Melkstand", berichtet der Bauer. Ohne die Hilfe seiner Eltern und seines Bruders, die auf dem Hof leben, würde dieser zugrunde gehen. Der Bauernhof ist seit 125 Jahren im Besitz der Rütschis. Er ist einer der wenigen übriggebliebenen Höfe in Schlieren, einem ehemaligen Bauerndorf an der Peripherie von Zürich.

Um halb zehn am nächsten Tag bekommt die Familie Besuch vom Besamer. "Unsere Rinder sollten mit zwei bis zweieinhalb Jahren ihr erstes Kalb gebären, damit sie nachher Milch geben", erläutert Heinz Rütschi. Währenddessen sind alle anderen Kühe bereits auf der Weide. Am Nachmittag werden sie zurück in den Stall geführt.

Im Kuhstall hat jedes Tier sein eigenes Liegebett, wo gegessen und geschlafen wird. Dieses wird jeweils morgens und abends gesäubert. Der Geruch nach Heu steigt einem in die Nase, und natürlich macht sich auch der Mist bemerkbar. Doch nach einiger Zeit fällt es kaum mehr auf. Etwa sechsmal täglich muss das Futter wieder ordentlich hingelegt werden, da die Kühe beim Essen immer einen Teil von sich wegstoßen und dann nicht mehr rankommen.

Familie Rütschi hält auch 20 Hühner und drei Ziegen. Eine davon wird im nächsten Monat Junge kriegen. Manuela ist überzeugt davon, dass es auch dieses Mal wieder Zwillinge geben wird. Die Ziegen besitzen sie aber nur, um sie bei Gelegenheit zu verkaufen. Zudem gibt es drei Pferde und ein Pony, damit Manuela ihrer Leidenschaft nachgehen kann. "Charlie ist mein Lieblingspferd", sagt sie und kitzelt ihn an seinem schwarzen Punkt zwischen den Nüstern. In der Zeit bis zum Mittagessen sät der Bauer Karotten und Mais und beseitigt Unkraut. Die Kinder sind voller Energie und spielen in der Zwischenzeit Tischtennis in einem ehemaligen Pferdestall. Von 12 bis 13.30 Uhr macht die Familie Mittagspause. Als Rütschi die Kühe nachmittags zurück in den Kuhstall führt, muss die Straße abgesperrt werden. Es ist ein richtiges Spektakel, da die Kühe manchmal einen starken Eigenwillen zeigen. Teilweise wollen sie plötzlich nicht mehr weiterlaufen und blockieren alles, oder sie tanzen aus der Reihe. Die Spaziergänger schauen amüsiert zu. Am Abend wird es langsam ruhiger. Die Erwachsenen verrichten noch letzte, kleine Arbeiten und die Kinder spielen Verstecken. Nach dem Abendessen wird bald geschlafen, denn morgen früh beginnt ein neuer, anstrengender Tag.

Informationen zum Beitrag

Titel
Schwere Geburt
Autor
Elena Orsi
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.02.2016, Nr. 44, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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