Fürchterlich dumme Roboter

Im Hörsaal der Kinderuni haben Roboter ihren großen Auftritt. Sie seien nicht so süß wie im Film, erklärt der Dozent und führt Roboter Gerhard vor. Der malt im Akkord und macht nie Pause.

Roboter sind ein bisschen wie Einhörner. So gibt es sie nicht wie im Film, und sie sehen auch nicht so toll und süß aus wie im Film", erklärt Dozent Armin Ruch seinen 150 aufmerksamen kleinen Gästen in der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. Im großen Hörsaal sind die Sitzbänke im Halbrund angeordnet, so dass alle eine gute Sicht auf die große Leinwand haben. Neben zwei Computerbildschirmen greift ein gelber Roboterarm ins Leere. Eine Handvoll Mütter und Väter befindet sich unter den Zuhörern. In Sneakers, Hemd und Jeans ist Lars Windelband, der seit drei Jahren an der PH die Fächer Technik und ihre Didaktik unterrichtet, zusammen mit dem Dozenten für Technik Armin Ruch für die heutige Vorlesung der Kinderuni verantwortlich. Dreimal im Semester, jeweils samstagvormittags gibt es eine Vorlesung für Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren. Ziel sei es, die Kinder für Themen rund um die Technik, Kunst und Politik zu begeistern und sie an das Hochschulleben heranzuführen, erklärt Windelband.

Der Professor für Sprachwissenschaft und -didaktik Manfred Wespel gründete vor sieben Jahren die Kinderuniversität an der PH. Damit seien sie "dem damaligen Trend" gefolgt, sagt Wespel. Die Eberhard-Karls-Universität Tübingen veranstaltete 2002 gemeinsam mit dem "Schwäbischen Tagblatt" die erste Kindervorlesung, um Kinder für wissenschaftliche Themen zu begeistern. Viele Hochschulen gründeten danach eigene Kinderunis.

Daniela Simm, Mutter von drei Kindern, berichtet, dass sie ihren ältesten Sohn Dominik allein zu den ersten Veranstaltungen geschickt hat. Wenn sie einmal mitkommen konnte, sei sie jedes Mal fasziniert gewesen, wie selbständig Dominik nach der Vorlesung zur Mensa ging, um dort mit den anderen zu essen. Heute ist sie mit ihrer Tochter Tamara, deren Freundin und ihrem zehnjährigen Sohn hier.

"Wie stellt ihr euch einen Roboter vor?", fragt Windelband die Kindermeute und fordert sie dazu auf, einen Roboter zu malen. "Wie in der Schule, nicht abgucken!", fügt der Dozent mit der kleinen, runden Brille lächelnd hinzu. Alle Kinder, konzentriert über ihr weißes Blatt Papier gelehnt, befolgen brav die Anweisung des Professors. "Es gibt auch kein Richtig oder Falsch. Wir geben hier keine Noten, wir sind die Uni und nicht die Schule", scherzt Ruch. Anfangs sind die Kleinen noch zurückhaltend, und nur ein Mädchen zeigt auf, als der Professor fragt, wer denn sein Bild vorne an der Leinwand zeigen möchte. Die mutige Achtjährige in rosa Kleid und mit braunem Zopf stellt sich neben die Dozenten und präsentiert stolz ihren selbstgemalten Roboter. Von den zu Beginn schüchternen Kindern fliegen immer mehr Hände in die Luft. Als Nächstes kommt ein rothaariger Neunjähriger und präsentiert einen ähnlichen Roboter. Alle applaudieren. Es folgt eine Elfjährige. Ihr Roboter unterscheidet sich deutlich von den Zeichnungen, es ist ein runder, flacher Kasten. "Habt ihr so einen Zu Hause?", fragt Ruch neugierig. Darauf ein Nicken.

Windelband übergibt das Wort an seinen akademischen Mitarbeiter: "Wisst ihr, Kinder, ich kann zaubern, ich weiß nämlich, was ihr für Roboter gemalt habt." Er fragt die Kinder, was ihnen auffalle, wenn sie sich ihre Zeichnungen genauer anschauen. "Sie sehen alle aus wie Menschen und haben alle einen Kopf", sagt ein Kind. "Einen viereckigen Kopf", ergänzt Ruch. "Aber so sehen höchstens eure Augen aus, wenn ihr zu viel fern- seht." Lautes Lachen. "Sie haben auch alle Arme", schreit einer aus der ersten Reihe. Ruch gibt den Kindern recht und zeigt einen uralten Film: eine vor 100 Jahren entstandene Zukunftsvision, wie sich die Menschen damals Roboter vorstellten. Genau die gleiche Vorstellung, die Kinder haben, wenn sie an Roboter denken. Ruch ist der festen Überzeugung, das sei eindeutig den Kinderfilmen zu verdanken, aus denen er anschließend den Kindern auf der großen Leinwand kurze Ausschnitte zeigt.

"O Wall-E", hört man die Kinder begeistert aufschreien, und sie zeigen mit dem Finger auf den kleinen süßen Roboter mit den großen Glupschaugen. Auch die Star-Wars-Szene, bei der ein furchteinflößender Roboter auf der Leinwand erscheint, lässt die Kinder nicht kalt. Dann führt Ruch ein Video von Industrierobotern vor: Es erscheinen Roboterarme, die fleißig Bauteile zusammenzufügen, aber auch tanzende Industrieroboter, die die Belegschaft zum Lachen bringen.

"So, Kinder, und das hier ist der fleißige Gerhard." Armin Ruch schiebt den unbeachtet etwas abseits stehenden gelben Roboterarm direkt vor die Leinwand. "Damit er freundlicher aussieht, habe ich ihm einen Kopf aufgesetzt, dass auch alle Kinder schön lachen." Der fleißige Gerhard ist ein gelber Roboterarm mit hellbraunem Holzkasten, von dem ein freundliches Smiley herüberlacht. Er hält einen roten Filzstift in seinem Greifarm und beginnt zu malen, sobald Ruch ihn von seinem Board aus steuert. Auf ein weißes Blatt Papier zeichnet Gerhard einen roten Roboter mit Kopf, Armen und Beinen. Windelband erklärt: "Er kann tagelang arbeiten, ohne dass er essen oder schlafen muss." Glück gehabt, das heißt nämlich, dass jedes Kind nachher auch ein solches Roboterbild bekommt.

Auf der Leinwand erscheinen nun Bilder von alten Fabriken, die die Arbeitsbedingungen vor hundert Jahren zeigen. Schwere Arbeiten hätten die Menschen damals in Handarbeit oder nur mit geringer Unterstützung von Maschinen verrichten müssen, erklärt er. "Heute gibt es überall Roboter, wo es gefährlich ist", erklärt Ruch und zeigt ein Bild, auf dem ein Roboter zu sehen ist, der Wartungsarbeiten an einer Raumstation verrichtet.

"Roboter gibt es auch überall dort, wo es schmutzig ist, dort, wo man schwer arbeiten muss, und dort, wo es echt langweilig ist." Er zeigt ein Bild, auf dem ein Roboter am Laufband ständig dieselbe Bewegung macht, ein Werkstück greift, anhebt und es auf einem anderen Laufband wieder ablegt. Dem Roboter aber sei das egal, wie lange er dasselbe machen müsse. Als Nächstes erscheint ein Bild von Adam und Eva. "Was haben wohl Adam und Eva in der Technik zu suchen, wir sind ja nicht bei Kunst oder Religion?" Das E stehe für Eingabe, das V für Verarbeitung und das A für Ausgabe. "Roboter sind eigentlich furchtbar dumm, sie sind nicht ganz so, wie sie in den Filmen immer dargestellt werden. Einhörner gibt es schließlich auch nicht wirklich." Um zu verdeutlichen, wie Roboter auf Befehle reagieren und diese verarbeiten, spielt er ein Spiel: Wenn ein blaues Feld auf der Leinwand erscheint, müssen alle im Hörsaal eine Hand in die Luft strecken, sobald ein rotes Feld erscheint, bedeutet das für alle, beide Hände in die Höhe zu heben. Es wird still. Rot - alle Kinderhände im Saal fliegen hoch.

Gegen Ende bringt Ruch die Kinder nochmals richtig zum Lachen. Er zeigt ihnen, wie dumm Roboter auch sein können. Auf der Leinwand erscheinen Videos von torkelnden Robotern, Roboter, denen es nicht gelingt, durch "eine blöde Tür zu laufen", bis hin zu Robotern, die einfach umfallen, auf Eis ausrutschen, nicht Fußball spielen können oder einfach explodieren. Zur Krönung erscheint ein Roboter, der über einen Tisch flitzt und den Ketchup quer über den Tisch verteilt, anstatt den Burger, der in der Mitte des Tisches steht, zu treffen. Die Kinder toben vor Lachen.

Vor allem das Mittagessen nach der einstündigen Vorlesung sei für ihre Kinder jedes Mal ein Highlight, sagt Daniela Simm. Besonders für ihre achtjährige Tamara, der in der Stunde im Hörsaal oft zu lange geredet wird. Ihrer Tochter sei es die ersten Male schwergefallen, sich längere Zeit zu konzentrieren. Während Tamara und ihre Freundin darauf warten, ein Bild von dem fleißigen Gerhard gemalt zu bekommen, und Patrick ungeduldig seine Mama mit in die Mensa schleppen will, erzählt Daniela Simm von den bisherigen Themen der Kinderuni: Es reicht von "Hat Mozart auch Fußball gespielt?" über "Schriften der Welt" bis hin zu Vorlesungen über Zaubertricks. Besonders toll fand sie die Vorlesung über Wahlen und Parteien, bei der jedes Kind zum Schluss eine Stimme für seinen Parteifavoriten abgeben durfte. Und an die Vorlesung über gesunde Ernährung werde sie jedes Mal erinnert, wenn sie am Kühlschrank die magnetische Ernährungspyramide kleben sieht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Fürchterlich dumme Roboter
Autor
Aileen Heselich
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.04.2016, Nr. 84, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

  • 54359734

    Zahl ausländischer Wissenschaftler und Studierender gestiegen

    › Zum Artikel

  • 54360031

    Mütter kehren schneller in familienfreundliche Betriebe zurück

    › Zum Artikel

  • 54358221

    Neuseeländisches Unternehmen führt die Vier-Tage-Woche ein

    › Zum Artikel

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180