Wettrennen mit mehr als einem Pferdefuß

Spannung liegt in der Luft, während die letzten Zuschauer ihre Wettscheine abgeben und zur Tribüne eilen. Gebannt starrt die Menge auf die Startboxen, um keinen Augenblick des Spektakels zu verpassen. Die Damen mit ihren außergewöhnlichen Hüten rutschen hin und her, die Männer stehen am Tribünengitter, um den besten Blick auf die Bahn zu erhaschen. Ein Vollblüter nach dem anderen wird zu seiner Startposition geführt. Plötzlich ertönt der Startschuss, die Topathleten preschen los. In wenigen Sekunden haben die Jockeys ihre Pferde bis an ihr Limit gebracht und liefern sich nun mit 60 Stundenkilometer ein atemberaubendes Rennen. Schon nach kurzer Zeit hat sich Kitaneso an die Spitze der Gruppe gekämpft. Der Vollblüter, geritten von Tommaso Scardino, scheint zu fliegen, bis er kurz vor der Ziellinie von einem anderen Pferd eingeholt wird. Zuschauer springen auf, applaudieren ihren Wettpferden und rufen "Lauf, Baby, lauf!". Scardino und sein Gegner kämpfen um den Sieg. Sein Konkurrent gewinnt und gleitet durch die Ziellinie.

Der 21-jährige Italiener konnte mit Kitaneso das Rennen in Mannheim-Seckenheim auf 1900 Metern nicht für sich entscheiden. Trotzdem gilt Scardino als das Nachwuchstalent und wurde zum Nachwuchschampion gekürt. 40 Siege hat sich der Jockey erarbeitet. Schon von klein auf war für seine Eltern, die beide in der Rennsportbranche tätig sind, klar, dass der Pisaner ebenfalls in diesen Sport einsteigen wird, obwohl in seinem Heimatland Pferderennen nicht besonders großen Anklang finden. So zog der dunkelblonde Sportler kurz vor seinem 18. Geburtstag nach Deutschland, um seine Ausbildung zum Jockey fortzusetzen. Auch hier lief nicht immer alles rund, er wechselte einige Male Stall und Trainer und hat nun im Rennstall Klein den idealen Trainer gefunden.

"Vor allem das harte Training und die ständige Gewichtskontrolle machen die Ausbildung zum Jockey hart", erklärt der 1,75 Meter große Italiener. Er muss auf seine Ernährung und seine Fitness achten, da das Idealgewicht eines Jockeys 56 bis 58 Kilogramm beträgt. Deshalb joggt er regelmäßig. Lächelnd sagt er: "Mein Leben besteht eigentlich nur aus wenig Essen und Schwitzen." Trotzdem seien das harte Training und der strenge Lifestyle kein Grund zum Aufgeben, ebenso wie die Gefahr tödlicher Stürze, denn nicht selten verunglücken Rennreiter tödlich. "Wenn man Angst hat, kann man es auch gleich sein lassen, Angst macht einen schwach." Für ihn wäre Aufgeben niemals eine Option. "Die Leidenschaft für die Tiere und der Spaß am Reiten lässt mich weiter kämpfen. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht." Auch Trainer Marco Klein hat seine Leidenschaft zu seinem Beruf gemacht. Früh entdeckte der Mann mit den kurzen, braunen Haaren den Rennsport für sich und machte den "Besitzer-Trainer-Schein". Es folgten Prüfungen zum Pferdewirtschaftsmeister. Danach durfte Klein auch fremde Pferde trainieren. Er hat einen Rennstall in Mannheim-Seckenheim mit 20 Pferden. "Die Ausbildung zum Jockey und zum Trainer verlangt einem viel ab", sagt der 37-Jährige. Sportlicher Ehrgeiz und die Bereitschaft zur körperlichen Anstrengung seien selbstverständlich, am wichtigsten sei aber die Liebe zum Tier.

Die Berufsreiter besuchen die Jockeyschule an der Rennbahn in Köln. Dort lernen die Auszubildenden unter Anlei-tung erfahrener Jockeys auf Rennpferd-Simulatoren den richtigen Sitz. Sie erfahren, wie sie im Galopp die Balance halten müssen, während ihre Füße in den kurzgeschnallten Bügeln Halt finden. "Nach der Zeit in Köln beginnt erst der richtige Alltag", sagt Klein. "Der Tag fängt zwischen fünf und sechs Uhr morgens mit der Fütterung an. Danach ruhen sich die Tiere aus, kommen in die Führanlage, werden ein weiteres Mal gefüttert. Dann beginnt das richtige Training." Der Tag endet mit der Fütterung und Pflege gegen 20 Uhr.

"Für gewöhnlich beginnen mehr Frauen die Ausbildung zum professionellen Rennreiter als Männer, haben aber häufig nicht das nötige Durchhaltevermögen", erklärt Klein. "Zudem sind Frauen im Endkampf, der ein Rennen häufig entscheidet, etwas zu schwach, um dem Pferd den richtigen Antrieb zu geben." Mit einem Seufzer gesteht er: "Manchmal scheint auch die altbewährte Tradition die Besitzer zu beeinflussen, eher Männern die Chance zu geben, ein Rennen zu reiten, als Frauen, so dass diese sich deshalb nicht beweisen können."

Stefanie Hofer, eine 1,50 Meter große, blonde Frau weiß genau, was er meint: "Wenn man versucht, sich in einem solch männerdominierten Sport zu etablieren, sollte man aus einer Rennsportfamilie kommen, die für die nötige Unterstützung sorgt, und auf jeden Fall einen starken Willen haben." Mario Hofer, ihr Vater, war ebenfalls ein Spitzenreiter und ist nun einer der erfolgreichsten Trainer Deutschlands. Die Krefelderin beginnt gegen fünf Uhr morgens mit dem Training, das meist bis in den frühen Mittag dauert. "Familie und Freunde mit dem Beruf zu verbinden ist schwierig, da die meisten Leute bis nachmittags im Büro sitzen, dann aber noch topfit sind und etwas unternehmen möchten, während ich einen Mittagsschlaf mache und anschließend weiter trainieren muss", sagt die 28-jährige leicht verschwitzte Jockeyfrau nach ihrem Ritt in Seckenheim. Auch das ständige Reisen sei ein Hindernis, da an den meisten Wochenenden Rennen in ganz Europa stattfinden.

Ihr Ansporn? "Die Arbeit mit Pferden und das Feeling, wenn man auf dem Tier sitzt und mit mehr als 60 Stundenkilometer über die Rennbahn galoppiert, ist für mich ein Grund, niemals aufzugeben", sagt sie voller Stolz. "Nichts ist schöner, als aus einem Pferd das Beste herauszuholen, auch wenn ein Renntag anstrengend sein kann." Marco Klein stimmt zu. "Alleine das Aussehen der Pferde beeindruckt mich zutiefst, weil sie unheimlich körperdefiniert sind." Kritikern, die den Sport für Tierquälerei halten, hält er entgegen: "Nicht nur die Reiter setzen ihren natürlichen Ehrgeiz im Rennen ein, sondern auch die Tiere. In ihrer Natur steckt der faire Wettbewerb, der den Rennsport so unverwechselbar macht. Schon die Wildpferde tun nichts anderes, als zu fressen und gegeneinander zu galoppieren."

Informationen zum Beitrag

Titel
Wettrennen mit mehr als einem Pferdefuß
Autor
Laura Magdalena Horn
Schule
Albert-Einstein-Gymnasium , Frankenthal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.06.2016, Nr. 147, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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