Höre auf zu trinken, und hole mich heim

Das gedämpfte Rattern der Waschmaschine unterbricht die gleichmäßigen Atemzüge der Kinder. Es ist vier Uhr morgens. Igor (alle Namen geändert) und die 17 anderen Jungen schlafen. Diese Ruhe nutzt die Erzieherin, um zu waschen und zu bügeln. Igor wird durch das Weinen des Kleinsten geweckt. Igor hört das Flüstern von Tante Sweta, der Erzieherin, während sie den Kleinen beruhigt. Zweieinhalb Stunden später ertönt das laute "Aufstehen" der Erzieherin. Drei Jungen teilen sich mit Igor das Zimmer. Im Bad weiß jeder, welche Zahnbürste, welches Handtuch und welcher Kamm ihm gehören: Alles ist mit Namen versehen. Nachdem Igor sich frisch gemacht hat, schlendert er in sein Zimmer. Die schwarze Hose, das weiße Hemd und die graue Weste mit dem Schullogo hängen im Schrank. Je nach Stundenplan gehen einige Kinder morgens und die andern nachmittags zur Schule. Deshalb wiederholt sich dieses Ritual zweimal am Tag. Zum Frühstück sammeln sich alle 18 Jungen, je zwei und zwei, vor der Tür. Bevor sie sich auf den Weg in den Speisesaal machen dürfen, werden die Hände kontrolliert und wenn nötig erneut gewaschen.

Die 61 Kinder, die im Kinderheim Preobrashenije in Saran, im Norden Kasachstans wohnen, sind in drei Gruppen eingeteilt: die kleinen Jungen, die großen Jungen und die Mädchen. Je eine Gruppe lebt wohngruppenähnlich auf einer Etage zusammen und wird jeweils von einer Erzieherin beaufsichtigt. Im Speisesaal stehen neun helle Ahornholztische mit Eisenfüßen im Halbkreis. Drei haben die Mädchen schon beschlagnahmt. Die Jungen verteilen sich auf die Holzbänke der anderen Tische. Stehend muss Igor ein Dankgebet für das Essen sprechen. Nachdem aus allen Mündern ein "Amen" erschallt ist, setzen sie sich.

Daraufhin bringt Tante Sweta dampfenden, weißen Grießbrei in einer Edelstahlschale. Gleichmäßig verteilt sie diesen in die Teller. Die Erzieherin nimmt am Kopfende eines Tisches Platz. Am Tisch darf nur geflüstert werden. Während sie ihren Grieß isst, füttert sie zwischendurch den Kleinsten mit einem Löffel. Dennoch schweift ihr ermahnender Blick von einem zum anderen. Aufforderungen wie "Nimm die Ellenbogen vom Tisch!", "Sitz gerade!" und "Trödel nicht so herum!", hört Igor nicht selten. Der schmächtige Junge mit den braunen Augen ist erst seit drei Wochen im Kinderheim. Seine Mutter hat seinen Vater vor den Augen des Neunjährigen mit einem Messer erstochen und ist im Gefängnis. Immer wieder füllen sich seine Augen mit Tränen, wenn er daran denkt. Er kann nicht verstehen, warum dies geschehen ist, "weil er Papa und Mama doch gleich lieb hat". Da Igor heute später aus der Schule zurückkommt, muss er sein Mittagessen allein zu sich nehmen. Von 13 bis 15 Uhr machen die Kleinsten Mittagsschlaf. Deshalb schleicht Igor auf Zehenspitzen in das Zimmer der Erzieherin. Diese notiert, wann er zurückgekommen ist. Durch diese Protokolle weiß die ablösende Erzieherin, was sich am Tag zugetragen hat. Die Erzieherinnen arbeiten in zwei Schichten, eine von sechs bis 18 Uhr, dann kommt eine andere und übernimmt die Nachtschicht. Alle Erzieherinnen tragen blaue Kittel und weiße Kopftücher. Während Tante Sweta Igor für seine gute Note lobt, stürmt Alexej herein. "Auf das Gedicht habe ich eine Fünf bekommen", ruft er freudestrahlend. Tante Sweta und Igor gratulieren ihm, im Notensystem in Kasachstan gilt die Fünf als beste und die Eins als schlechteste Note. Igor geht in den Hausaufgabenraum. Dort beugen sich schon sechs Köpfe über ihre Hefte. Igor sucht sich einen Tisch in der zweiten Reihe aus und beginnt mit den Multiplikationsaufgaben. Ein Regal nimmt die ganze Wand ein, dort türmen sich Bücher, Puzzle und Lernspiele. Vor einer Tafel sitzt die Lehrerin an ihrem Pult und kontrolliert ein Diktat. Dennoch erwischt sie Igor, als er die vor ihm sitzende Mascha an einem der blonden Zöpfe ziehen will. Igor wird in die letzte Reihe geschickt.

Mit verschwitzten Haaren und roten Köpfen sitzen die kleinen Jungen nach dem Mittagsschlaf erneut im Speiseraum. Igor ist mit den Hausaufgaben fertig und gesellt sich zu ihnen - gerade noch rechtzeitig, um ein Schälchen Pfirsichjoghurt zu bekommen.

Das Kinderheim wurde 1998 gegründet. Seit dieser Zeit fanden 250 Kinder hier vorübergehend ein neues Zuhause. Zehn Prozent sind Vollwaisen. Die anderen haben meist nur noch ein Elternteil, etliche der Eltern sind Alkoholiker oder sitzen im Gefängnis. Da das Heim christlich geprägt ist, wird in jeder Gruppe eine Abendandacht gefeiert. Gleb liest ein Kapitel aus dem Epheserbrief vor, während die anderen mit der Erzieherin, die nach der Spielzeit übernommen hat, im Kreis sitzen. Anschließend werden drei auswendig gelernte Lieder gesungen, Tante Galina lässt einen nach dem anderen den am vorigen Tag gelernten Vers aufsagen. Daraufhin knien alle nieder. Jedes Kind spricht ein Abendgebet. Igor dankt mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen für den schönen Tag und das gute Essen. Der sechsjährige Maxim bittet Gott darum, dass seine Mutter aufhört zu trinken und ihn wieder nach Hause holt. Das Gebet spielt eine wichtige Rolle, in Notsituationen denkt jeder sogleich ans Beten. Der Leiter des Waisenhauses, Dima A. Wischnjakow, kann schon von so manch erhörtem Gebet berichten.

Nach der Gebetsrunde gehen alle erneut in den Speiseraum. Nach der Nudelsuppe gibt es Fisch mit Kartoffeln, zum Nachtisch Weintrauben. Gerecht teilt die Erzieherin diese unter die Jungen auf. Das Heim, einschließlich des Gehaltes der Mitarbeiter, basiert auf Spenden. Die Kinder bemerken immer am Essen, wenn das Geld knapp ist. "Aber Gott hat noch immer für uns gesorgt und wird es auch weiterhin tun", erklärt Dima zuversichtlich. Heute können die Köche nicht klagen. Ein Unbekannter hat ein Lebensmittelpaket gespendet. Daher gibt es auch die Weintrauben.

Während die kleinen Jungen Zähne putzen und sich bettfertig machen, müssen die älteren die Etage putzen. Vom Boden bis zu den Bilderrahmen muss jeder kleinste Winkel gesäubert werden. Jeden Tag, weil jederzeit eine unerwartete Kontrolle vom Amt für Hygiene erfolgen kann. Igor muss mit dem alten Staubsauger die abgenutzten Teppiche saugen. Einmal im Monat erfolgt die Grundreinigung: Alle Möbel werden eingeseift, die Tapeten mit Seife geschrubbt. Um 22.30 Uhr kuschelt sich Igor in die Decke. Wieder ist es still.

Informationen zum Beitrag

Titel
Höre auf zu trinken, und hole mich heim
Autor
Melina Lange
Schule
Marienschule , Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2016, Nr. 231, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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