Rausgraben nach Sturmtagen

Sturm peitscht gegen das Schiff. Zur Orientierung dient ein Sextant. So stellte man sich das früher vor, wenn der Begriff "Antarktis-Expedition" fiel, doch heutzutage läuft das anders ab. Statt Sternen, Schiff und Kompass heißt es hier: Linienflug, Gravimeter und eine Forschungsstation mit dem Namen "Neumayer III". Geophysiker Matthias Mieth nennt das Ziel: "Wissen über den tektonischen Aufbau und die Entstehungsgeschichte der Antarktis zu erlangen." Mehrere Antarktis-Expeditionen hat der 35-Jährige unter anderem für das Verfassen seiner Doktorarbeit genutzt.

"Natürlich hat man persönliches Interesse, aber was interessiert, ist, was sich unter dem Eis verbirgt", erklärt er über Skype aus der nordnorwegischen Stadt Harstad, während er auf seiner Terrasse sitzt. Bis Mitte April liegt im Garten noch Schnee, während wenig später die Sonne 24 Stunden am Tag scheinen wird. Mit seinen von der frischen Luft geröteten Wangen und den schneebedeckten Bergen im Hintergrund ist es nicht schwer, sich vorzustellen, dass er sich gerne in der Natur aufhält und zu seinen Hobbys Kajakfahren und Wandern zählt. Die Temperaturen Norwegens, die im Sommer durchschnittlich zwischen fünf und 15 Grad liegen, stören den Mann mit den braunen kurzen Haaren und den blaugrauen Augen nicht. Kälteempfindlich sollte man auch nicht sein, wenn man wie er jeweils im antarktischen Sommer der Jahre 2010 bis 2013 an drei Expeditionen in die Antarktis, genauer gesagt im Dronning Maud Land, teilgenommen hat. Dort sei man teilweise Temperaturen von minus 20 Grad tagsüber und minus 30 Grad in der Nacht ausgesetzt, sagt Mieth.

Dronning Maud Land oder Königin-Maud-Land ist der Teil der Antarktis, der Südafrika zugewandt ist und etwa die achtfache Fläche Deutschlands umfasst. Man fliegt zunächst nach Kapstadt, um von dort mit einem Frachtflugzeug in die Antarktis gebracht zu werden. Im vorderen Teil der Maschine befinden sich rund 80 Passagiere, im hinteren Teil Kleidung, Ausrüstung und Nahrungsmittel, "denn es gibt ja keinen Einkaufsladen", lacht Mieth. Dafür gibt es Forschungsstationen unterschiedlicher Länder, unter anderem die deutsche Forschungsstation, den Wohnort von Mieth und dem Forschungsteam während der zwei bis vier Monate dauernden Sommerexpeditionen. Benannt wurde sie nach dem deutschen Polarforscher Georg von Neumayer und wird vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) betrieben. Sie ist auf sogenanntem Schelfeis errichtet, unter dem Eis befindet sich also Wasser. Die Zahl steht dafür, dass diese Station die dritte Station ist. Die Vorgänger wurden infolge des Schneefalls und des Schneedrifts unter dem Eis begraben und verformt, weshalb sie nun keinen sicheren Arbeitsplatz mehr für die Forscher darstellten. Damit Neumayer III länger nutzbar ist, wurde sie so konstruiert, dass sie mit Hilfe einer hydraulischen Hebevorrichtung angehoben werden kann und sich so immer über dem Schnee befindet. In der 29,20 Meter hohen Forschungsstation befinden sich unter anderem Zimmer mit Betten sowie eine Kantine. "Da muss man sich als Wissenschaftler dann nicht drum kümmern", sagt der gebürtige Rostocker, der sich stattdessen der Lösung von geowissenschaftlichen Fragestellungen widmet, wie der nach der Entstehungsgeschichte der Antarktis.

Dass es seine Lebensaufgabe sein würde, sich mit solchen Themen zu beschäftigen, wurde ihm zwei Monate nach seinem Abitur in den Bergen Islands klar. "Da bin ich über interessante geophysikalische Fragestellungen quasi gestolpert und habe mich dann dazu entschieden, Geophysik zu studieren, weil es mich einfach interessiert, welche Prozesse zum Beispiel bei der Gebirgsentstehung eine Rolle spielen." Die Forschungsarbeiten finden nicht nur auf dem Boden, sondern auch in der Luft statt. Die Flugzeugmessungen dienen dazu, die Messdaten einer größeren Fläche zu erhalten und interpretieren zu können. Zur Ermittlung solcher Daten nutzt man Geräte wie das Magnetometer oder das Gravimeter, mit denen man die Eigenschaften des Gesteins unter der zwei bis drei Kilometer dicken Eisschicht untersucht. Nach dem Flug werden die Messdaten auf Festplatten gesichert, "denn es wäre ja nichts schlimmer, als wenn man seine Messdaten durch einen Computerfehler wieder verliert". Auch für die Forscher müssen Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, "es kann jederzeit ein Unwetter, Schneesturm oder Nebel aufziehen, da reicht es dann, wenn man zehn Meter an der Station vorbeiläuft, wenn man sie nicht sieht, und dann ist es ganz schnell vorbei", warnt Matthias Mieth.

Aus diesem Grund müssen immer ein Funkgerät und ein Kollege dabei sein, wenn einer die Forschungsstation verlässt. Diese Sicherheitsmaßnahme stellt für den Wissenschaftler eine der psychischen Schwierigkeiten einer Expedition dar, da man sich so immer in Gesellschaft von Kollegen befinde und nie allein sei. Wie abhängig die Forschungsarbeiten von diesen Wetterbedingungen sind, hat er miterlebt. Für eine Forschungskampagne im östlichen Dronning Maud Land wurde ein temporäres Außencamp in etwa 600 Kilometer Entfernung von der belgischen Forschungsstation "Princess Elisabeth" errichtet, das Mieth mit einem insgesamt siebenköpfigen Expeditionsteam, bestehend aus Wissenschaftlern, Piloten und Flugzeugmechanikern, für zwei Wochen als Basisstation nutzte. In den ersten paar Tagen lief alles ganz gut, klarer Himmel, keine Probleme. Nach vier Tagen kam Wind auf, der Himmel wurde von grauweißen Wolken überzogen. Ein Schneesturm zog auf. Die Forschungsgruppe war gezwungen, in ihrem Camp, das aus drei Containern besteht, zu warten, bis der Sturm vorübergezogen war.

"Man ist quasi zwischen Küche und Schlafraum so ein bisschen hin und her gegangen." Es dauerte fünf Tage, bis das Wetter besser wurde und sich das Team wieder ins Freie begeben konnte. Dann musste das zur Hälfte von Schnee bedeckte Flugzeug ausgegraben werden, um die Messungen fortsetzen zu können.

Durch einen zweiten Schneesturm gingen insgesamt zehn Tage verloren, als verschwendet sieht Mieth diese Zeit trotzdem nicht an: "Es ist natürlich auch eine Erfahrung, wenn man zehn Tage lang nichts machen kann, mit sieben Leuten knistert da auch irgendwann die Stimmung. In begrenztem Rahmen konnte ich die erzwungene Messpause aber auch zur Aufbereitung der bereits akquirierten Daten nutzen." Nicht nur das Flugzeug wurde beim zweiten Mal wieder mit Schnee zugedeckt, auch die Containereingänge blieben diesmal nicht verschont. "Als wir am Camp ankamen, brauchte man eine Leiter, um in die Container reinzukommen, nach den zehn Tagen Schneesturm mussten wir uns einen Weg rausgraben, um wieder an die Oberfläche zu kommen." Die Messkampagne wurde in der folgenden Saison erfolgreich abgeschlossen. Eine Sache hat der Wissenschaftler daraus gelernt, nämlich, "wie lebensfeindlich die Antarktis tatsächlich ist". Zurzeit arbeitet er im Bereich der geophysikalischen Reservoirüberwachung und befasst sich mit der umweltfreundlicheren Durchführung von Rohstoffproduktionen. Seine Doktorarbeit hat er an der Universität Bremen erfolgreich abgeschlossen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Rausgraben nach Sturmtagen
Autor
Elena Motel
Schule
Lilienthal-Gymnasium , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2016, Nr. 236, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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