Viel Saft mit wenig Druck

Eine frische Brise im Gesicht, ein schicker Wagen und die wunderschönen Landschaften Südfrankreichs. Kein Urlaub, sondern früher Alltag im Berufsleben von Thomas Fuest. Der gelernte Volkswirt ist heute 50 Jahre alt und wohnt in Hamburg. Über einen Freund und Nachbarn kam er zu seiner Stelle als Vertriebsleiter einer Firma, die Weinpressen produziert und verkauft. Ihr Hauptsitz liegt heute in Lorsch, etwa 30 Kilometer nördlich von Mannheim. Seine Hauptaufgabe bestand darin, sich mit potentiellen Kunden überall in der Welt zu treffen, die Weinpressen zu präsentieren und an den Mann zu bringen. So führte der Beruf Thomas Fuest nach Kalifornien, nach Südafrika und bis nach Argentinien. Sein Lieblingsland und sein größter Markt war Frankreich. Auch wenn der Verkauf von Weinpressen auf den ersten Blick nicht sonderlich interessant erscheinen mag, steckt mehr dahinter, als man erwartet.

Man muss sich einen riesigen, silbergrauen Zylinder vorstellen, der mehrere Tonnen wiegt. Die größten Weinpressen besitzen ein Volumen von 50 000 Litern. Diese Größe entspricht ungefähr der eines Tanklastwagens. Grundsätzlich ist es bei einer guten Weinpresse wichtig, dass diese möglichst viel Saft mit möglichst geringem Druck herauspresst, um die Qualität und Klarheit des Weines nicht zu beeinträchtigen. Das technische Verständnis macht jedoch nur einen Bruchteil des Berufs aus.

Am wichtigsten seien die Beziehungen zu den Kunden. "Hinter jedem unserer Kunden steht letztendlich einfach nur ein Weingutsbesitzer, der den bestmöglichen Wein herstellen und verkaufen möchte", sagt Thomas Fuest. Willmes und die Kunden haben ein Interesse daran, dass die Weinpressen möglichst gut funktionieren. Diese müssen schließlich oft bis zu 40 Jahre halten. Da viele der Kunden sich untereinander gut kennen, tauschen sie ihre Erfahrungen mit den Anbietern aus.

Meistens war es so, dass Thomas Fuest die Pressen im Winter verkaufte. In der Erntezeit, im Hochsommer und im Herbst besuchte er die Güter und kostete den produzierten Wein. Da das Unternehmen auch für die Wartung und Reparatur der Pressen zuständig ist, traf sich Fuest immer wieder mit seinen Kunden. Oft hatte er dann das Glück, mit bester französischer Küche und guten Weinen bewirtet zu werden. Bei einem solchen Kundentreffen machte der Vertriebsleiter eine seltsame Erfahrung. Er besuchte einen Kunden im französischen Corbières, einer Gegend am nordöstlichen Rand der Pyrenäen. Potentielle andere Kunden aus Bordeaux waren auch dort, um die Pressen bei der Arbeit zu beobachten. Nachdem der mehrtägige Besuch glatt gelaufen war, lud Thomas Fuest zum Abschluss alle Kunden in ein Restaurant ein. Seine Einladung wird jedoch schnell und etwas rüde abgelehnt. Stattdessen eilt der Gutsbesitzer davon. Als Fuest irritiert beim Kellermeister nachfragt, ob er ihn gekränkt habe, lacht der Kellermeister. Es stellt sich heraus, dass der Gutsbesitzer einen großen Festschmaus für alle vorbereitet hat und sich beeilen musste, um noch beim Metzger gutes Fleisch besorgen zu können.

Die Tatsache, dass die arbeitsreichste Zeit zwischen Juli und September lag, führte dazu, dass Familienurlaube für Fuest im Sommer eine Seltenheit waren. Und wenn er in Urlaub fuhr, musste er selbst manchmal hektisch über sein Telefon bei der Reparatur der Maschinen nachhelfen, wenn diese ausgerechnet in der Erntezeit ausfielen und die Techniker der Firma woanders im Einsatz waren.

"Aber jeder Beruf, bei dem man viel durch die Welt reist, hat etwas sehr Schönes", sagt der Weinliebhaber. So konnte er über die Jahre immer wieder einige seiner Lieblingsweine wie zum Beispiel den Coastal Cuvée von Delaire Graff aus Stellenbosch in Südafrika genießen. Auch die Weinberge selbst und die exotischen Landschaften werde er vermissen. Außerdem sei es inspirierend, immer wieder neue, interessante Menschen kennenzulernen. Über die Jahre hat er einige echte Freundschaften geschlossen.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Viel Saft mit wenig Druck
Autor
Michael Fuest
Schule
Willhelm-Hausenstein-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.10.2016, Nr. 254, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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