Schweigend betreten sie das Schulgebäude

Wenige Schüler trauen sich, Fragen zu stellen, Referate gibt es nicht, aber Ohrfeigen. Ein Schultag in Peking folgt einer strengen Ordnung.

Montag, kurz nach 7 Uhr in Peking zwischen der 3. und 4. Ringstraße vor einem mit hohen Mauern gesicherten Schulgebäude: Pausenlos fahren Autos vor die Schule, halten kurz, und schnell springen die Kinder aus den Fahrzeugen. Alle 3000 Schüler tragen ihre Schuluniform: eine grüne Jogginghose, ein weißes Poloshirt mit grünem Kragen und grünen Ärmeln. Auf der Vorderseite des Shirts befindet sich das Schulemblem, auf der Rückseite steht der Schulname. Die Kinder verabschieden sich schnell von ihren Eltern. Das Gebäude selbst dürfen die Eltern nicht betreten. Es finden strenge Einlasskontrollen statt. Zunächst müssen sich alle Schüler auf dem Gehweg vor der Schule aufstellen. Dieser ist durch die jeweiligen Klassennamen auf dem Asphalt gekennzeichnet. Hier werden sie von ihren Lehrern jeden Morgen abgeholt. Schweigend betreten die einzelnen Klassen als Gruppe das Schulgebäude. Die erste Stunde beginnt um 7.30 Uhr. Unter den Schülern ist auch Tang Hanzhang (Name geändert). Er ist relativ klein, hat kurze, dunkle Haare und ist gerade zwölf Jahre alt geworden. Hanzhang ist Schüler der sechsten Klasse und damit noch in der Grundschule. Denn in China dauert die Grundschule sechs Jahre. Darauf folgt die Mittelschule, die in die drei Jahre dauernde untere Stufe und die zusätzlich zwei Jahre dauernde obere Stufe aufgeteilt ist. Heute trägt Hanzhang wie jeder Schüler ein rotes Tuch um den Hals, denn es ist Montag. Zu Wochenbeginn findet nach der zweiten Stunde eine Zeremonie auf dem Sportplatz statt. Doch zunächst wird er von seiner Lehrerin zum Unterricht in seinen Klassenraum geführt.

Hanzhang hat in der ersten Stunde Mathematik bei seiner Lieblingslehrerin. "Ich finde sie sehr gut als Lehrerin. Sie ist sehr verantwortungsbewusst, aber sie gibt Schülern manchmal sogar eine Ohrfeige", sagt Hanzhang. Körperliche Maßnahmen wie Ohrfeigen sind nicht allzu unüblich in China. "Im Unterricht geht alles sehr geordnet zu", ergänzt Hanzhang, "Alle Schüler sitzen da und hören der Lehrerin zu. Wir haben fast ausschließlich Frontalunterricht. Bei Fragen und Antworten müssen wir erst aufstehen, dann reden und uns anschließend wieder setzen." Nur wenige Schüler trauen sich überhaupt, Fragen zu stellen, da fast alle Lehrer streng sind. Referate oder Gruppenarbeiten gibt es nicht.

"Unser Schulsystem ist ausschließlich auf die jeweilige Abschlussprüfung ausgerichtet. Leistung ist das wichtigste Ziel in den Schulen, und die Noten sind der einzige Maßstab, um einen Schüler zu beurteilen", erklärt Hanzhangs Vater, der als Abteilungsleiter in einer privaten Firma arbeitet. Bundespräsident Joachim Gauck und Chinas Staatspräsident Xi Jinping haben das Deutsch-Chinesische Jahr für Schüler- und Jugendaustausch eröffnet. "Im Unterricht ist es bei uns immer sehr angespannt und leise", erläutert Hanzhang, "aber dafür ist es nach dem Unterricht immer umso lauter." Alle Kinder haben viel Energie, aber sie dürfen das Gebäude nicht verlassen und auf dem Schulhof spielen, sondern sind gezwungen, drinnen zu bleiben. Man darf das Schulgelände nur mit einem Lehrer als Aufsichtsperson verlassen. In allen Klassenräumen hängen Überwachungskameras, um die Schüler zu kontrollieren. "Das finde ich nicht akzeptabel", sagt Hanzhangs Vater. "Es wird in unseren Schulen viel zu viel kontrolliert. Das chinesische Schulsystem ist einfach zu streng."

Für Hanzhang folgt am Montagmorgen eine weitere Unterrichtsstunde im Fach Chinesisch. "Dieses Fach mag ich nicht so gerne, denn hier bekommen wir sehr viele Hausaufgaben auf", gibt er unumwunden zu. Im Anschluss folgt die dreißigminütige Zeremonie auf dem Sportplatz. Vor allen Schülern, die sich geordnet in Reih und Glied auf der Rasenfläche aufgestellt haben, wird die Nationalflagge gehisst. Alle singen die Nationalhymne.

Darauf folgt eine Gymnastikroutine, die jeder Schüler beherrschen muss. Die Schüler bewegen Arme und Beine zum Rhythmus von Musik und sprechen dabei einen Text, der ihnen hilft, im Takt zu bleiben. Danach marschieren alle wieder in ihre Unterrichtsräume zurück.

Englisch und Naturwissenschaften folgen als Nächstes. Nach den jeweils 45-minütigen Schulstunden kommt die Mittagspause. Das Mittagessen der Schüler ist jedoch immer kalt. "Eigentlich braucht man mindestens zwei Portionen, um satt zu werden", meint Hanzhang. Nach dem Essen werden sie direkt von den Lehrern wieder in ihre Klassenräume gebracht. Auch jetzt dürfen die Kinder nicht nach draußen gehen. Schließlich folgt noch eine Stunde Informatik, und dann steht der Sportunterricht auf dem Programm.

"Sport mag ich überhaupt nicht. Wenn ich ein Schulfach streichen könnte, dann wäre das der Sportunterricht." Das Problem besteht für Hanzhang darin, dass man so viel laufen muss. Bei strahlender Sonne ist der Kreislauf schnell überanstrengt. Es haben sich schon Schüler wegen Überanstrengung erbrochen. Das ist eine Sache, die er gerne ändern würde: weniger laufen, vor allem im Sommer.

Die letzte Stunde ist wieder Chinesisch. Angespannt hören alle zu, um endlich Schulschluss zu haben. Es ist 16.30 Uhr. Wieder begleitet jeder Lehrer seine Klasse zu den markierten Flächen. Hier werden dann die Schüler von ihren Eltern abgeholt und nach Hause gebracht. Als Hanzhang sich in das Auto seines Vaters gesetzt hat, freut er sich auf ein ausgiebiges Abendessen zu Hause. Aber sein Tag ist noch nicht zu Ende. Die Hausaufgaben werden ihn noch einige Stunden bis etwa 20 Uhr in Anspruch nehmen, bevor er schließlich ins Bett gehen kann. Dies vor Augen, seufzt Hanzhang, streckt sich auf dem Rücksitz des Fahrzeugs und nimmt gedankenverloren sein rotes Halstuch ab.

Informationen zum Beitrag

Titel
Schweigend betreten sie das Schulgebäude
Autor
Nele Schade
Schule
Stormarnschule , Ahrensburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.12.2016, Nr. 302, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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