Mit numerierten Zetteln durchs Höhlenlabyrinth

Hobby-Höhlenforscher über unechte Siphons, flache Schlufs, aufgewühlten Lehm und ihre Abenteuerlust

Nimm nichts mit, trag nichts hinein, mach nichts kaputt, schlag nichts tot!" Auf die klassischen vier Regeln der Höhlenbefahrung wird jede Klasse eingeschworen, die Dieter Hahn, Mathematik-, Deutsch- und Theaterlehrer, mitnimmt. Seit 15 Jahren gehört die Befahrung einer Höhle zum Einführungsprogramm der Fünftklässler auf seiner Schule, dem Heubacher Rosenstein-Gymnasium an der Ostalb. Das stärke den Klassenzusammenhalt und diene der Naturerfahrung. Jede Höhle ist anders und birgt Gefahren, sagt der grauhaarige 56-Jährige. Das mache die Faszination aus. "Der Gedanke, ich werde etwas sehen, das noch kein Mensch zuvor gesehen hat", schwärmt er. Die bekannten wilden Höhlen werden an einem schönen Wochenende von bis zu einem Dutzend Besuchergruppen befahren. Aus Sicherheitsgründen geht man nie allein.

Die "längsten vier Meter" seines Lebens sind für Hahn in der Falkensteiner Höhle auf der Schwäbischen Alb gewesen. Im unechten Siphon, einer mit Wasser erfüllten Höhlenpassage, bleiben zwischen Wasseroberfläche und Decke gerade mal zehn Zentimeter zum Luftholen. In sitzender Stellung, den Kopf krampfhaft nach oben gereckt, schiebt man sich durch. Bei plötzlichem Regen läuft dieser Siphon zu. Befindet man sich dahinter, wird man eingeschlossen. Eine weitere Gefahr ist das Steckenbleiben. Höhlenforscher müssen oft durch enge Stellen, "bei denen man sogar manchmal den Helm absetzen muss, weil dieser schon zu groß ist", berichtet Hahn, dessen Haare zu einem Zopf gebunden sind. Steckengeblieben sei er noch nie, aber er wurde einmal ohnmächtig und zog sich eine schwere Gehirnerschütterung zu. Es kann auch zum Verlust der Orientierung kommen. Als er mit einem Studienkollegen das Schneckenloch, eine Vorarlberger Großhöhle, befuhr, blieb er vor dem zweiten Windloch, einem geräumigen Schluf, und dem dahinter liegenden Labyrinth stehen. Schluf bezeichnet eine Stelle, die so flach ist, dass nur krabbeln möglich ist. Sein Partner ging in das Labyrinth. Währenddessen saß Hahn im Dunklen, genoss die Ruhe und lauschte dem Tropfen des Wassers, bis er hinter sich aus der Wand eine Stimme hörte: Es war sein Kollege, der den falschen Ausgang genommen und sich verlaufen hatte und von Hahn zum richtigen Ausgang gelotst wurde. Um so etwas zu vermeiden, entwickelte Hahn eine Taktik: Er hängt in Labyrinthen durchnummerierte Zettel auf, die er auf dem Rückweg einsammelt und so sicher hinausgelangt. Aufgrund dieser Gefahren sollte jeder eine "Alarmzeit" angeben, bevor er startet, damit ist eine Zeit nach der erwarteten Rückkehr gemeint. Ist jemand nach dieser Zeit nicht zurückgekehrt, wird ein Notruf abgesetzt und der Rettungsdienst alarmiert.

Manche Vereine erkunden und vermessen unerforschte Höhlen, etwa den Teufelsklingenbröller, eine von vielen Höhlen rund um Heubach und mit 1,2 Kilometern die längste Höhle im Ostalbkreis. Zunächst wurden zwei der insgesamt drei Siphons ausgepumpt, die den Eingang blockierten. Der dritte Siphon befindet sich hinter dem Lehmparadies, einer engen Höhlenstrecke, die von bizarren Lehmformationen erfüllt ist. Das Durchtauchen dieses Siphons schien unlösbar, sobald man versuchte, ihn zu durchtauchen, wurde der Lehm aufgewühlt. "Die Sicht war gleich null", berichtet Karsten Gessert, ein Elektroniker. Nach drei gescheiterten Versuchen ging das Geld aus. Sechs Höhlenvereinen schlossen sich zusammen. Es stellte sich heraus, dass der Siphon keine zwei Meter lang ist. Was als Versturz interpretiert wurde, stellte sich als sein Ende heraus, so dass ihn Mutige ohne Druckluftflasche durchtauchen könnten - was sie aber aus Sicherheitsgründen nicht tun.

Höhlenforscher müssen sich darauf einstellen, dass sie krabbeln, tauchen oder den Weg freigraben müssen. Zur Ausrüstung gehören ein Ganzkörperanzug, genannt Schlatz, Neoprenanzug, Helm, Stirnlampe und Druckluftflaschen, um auch tauchen zu können. Es gibt ein schnurgebundenes Telefon, damit die Forscher über Schlechtwettereinbrüche informiert werden, da enge Stellen mit Wasser zulaufen können. Auch eine Führungsleine muss mit, um im Lehmwasser den Rückweg zu finden.

Eine Höhlenbefahrung kann mehr als zwanzig Stunden dauern. So wird dort auch gegessen und geschlafen bei Temperaturen zwischen acht und neun Grad. Karsten Gessert lacht: "Es gibt nur zwei Temperaturen, entweder ist es zu heiß oder zu kalt". Grund sei der Saunaeffekt durch den Schlatz und den Neoprenanzug. Im technisch anspruchsvollen, weil engen Teufelklingenbröller wurden übrigens Spinnen- und Mückenarten, Höhlenflohkrebse und Siebenschläfer entdeckt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit numerierten Zetteln durchs Höhlenlabyrinth
Autor
Jana Heselich
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.01.2017, Nr. 13, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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