Hier singt der Koch persönlich

Opernsänger Christoph Homberger hat die Bühne gegen einen Kochsalon getauscht

Die Leute mit Essen zu verwöhnen, finde ich sehr schön. Sie aber mit Musik im Kontext mit Essen zu verwöhnen, finde ich noch viel schöner", sagt der ehemalige Opernsänger im schwarzen Shirt und der roten Hose und ist ganz glücklich. Früher reiste Christoph Homberger viel umher, heute wohnt er mit seiner Frau und seiner Tochter im Züricher Oberländer Dorf Rüti. "Ich wohne in einen riesigen Loft. Es ist ein Leben wie in New York, halt einfach in Rüti", meint der etwas korpulente Tenor grinsend. "Zeit mit meiner Familie zu verbringen, war für mich als Opernsänger nicht einfach und ist es heute, da ich als Gastronom tätig bin, aber auch nicht", seufzt er.

Seinen Traum vom eigenen Salon musste er 15 Jahre lang träumen, ehe er ihn vor einem Jahr verwirklichen konnte. Seither verwöhnt der 54-Jährige viermal die Woche seine Gäste kulinarisch wie auch musikalisch. "Die Gäste sollten sich vorher telefonisch oder per Mail bei mir anmelden, denn der Salon ist meistens voll besetzt", sagt Homberger.

Seinen Platz gefunden hat der gemütliche Kultursalon im Hunziker Areal, im ehemaligen Züricher Industriequartier Oerlikon. Im Untergeschoss des Betonhauses hat Homberger einen Raum gemietet. "Es ist wohl der unsexyest Place in Zürich, aber in der Innenstadt kann ich mir so einen Raum nicht leisten", gibt er mit Bedauern zu verstehen. Im vorderen Teil des Raumes stehen drei alte Holztische und Holzstühle, die alle verschieden aussehen, aber trotzdem gut zusammenpassen. Auf den Tischen flackern kleine Kerzen, die den Raum mit dem weinroten Boden und der rosa Decke gemütlich und ein bisschen romantisch wirken lassen. Mit der großen Kommode, dem Flügel und dem Regal mit alten Notenbüchern von Brahms und Mozart erinnert der Raum an ein großes Wohnzimmer. Alles hat einen Hauch von Vintage, mit Ausnahme der geräumigen, freistehenden, silberglänzenden Küche in der Ecke.

In dieser Küche kocht Christoph Homberger an vier Tagen allein Drei-Gänge-Menüs für seine Gäste. Strahlend sagt er: "Ich stehe jeden Morgen um sechs Uhr auf und gehe auf den wunderbaren Oerlikon Markt." Hier kauft er frische, hochwertige Produkte für das Abendessen ein, das er dann ab neun Uhr morgens vorbereitet. "Wenn viele Leute hier sind, kann ich nicht noch anfangen zu kochen", erklärt Homberger. Am liebsten kocht er italienisches Essen, wie zum Beispiel Penne mit einer geschärften Sauce oder Basilikum in gebackene Paprika eingewickelt.

Wenn die Gäste eingetroffen sind, muss das Essen schnell zubereitet sein. Darum schiebt er zum Beispiel die roten Paprikas in den Heissdampfhofen und wartet, bis die Schale schwarz ist. "Nachher kann man die Schale ganz einfach abziehen", erklärt Homberger. "Als Opernsänger bin ich in andere Welten eingetaucht, habe Länder bereist und zum Beispiel auf den Bühnen von Wien, Amsterdam und London Lieder von Mozart gesungen. Dafür musste ich immer die gewünschte Leistung bringen. Bringst du diese zweimal nicht, dann bist du weg. Es ist gnadenlos", sagt der Mann mit der schwarzen runden Brille ernst.

Irgendwann hatte er genug von dem ständigen Reisen und dem immer anhaltenden Druck. Somit entschloss er sich, im September vor drei Jahren beim Ruhrtriennale-Festival ein letztes Mal als Solosänger aufzutreten. Hier verkörperte er sich selbst in dem Musiktheater "Sänger ohne Schatten". "Es war sehr schön, und ich habe es das letzte Mal genossen", sagt er lächelnd. Singend steht er von dem roten Stuhl auf, auf dem er seine Zigarette geraucht hat, und geht durch die Glastür in seinen Salon.

Die Leidenschaft für die Musik hat Christoph Homberger nicht aufgegeben. Nach jedem Nachtessen im Salon gibt es ein Konzert, das aber höchstens 50 Minuten dauert. "Diese Konzerte sind auf einem hohen Niveau. Das schätzen meine Gäste sehr", erklärt er stolz. Manchmal singt er selbst einige Lieder von Brahms oder Schubert. "Ich liebe diese Lieder", sagt Homberger strahlend. Oder aber junge Studenten oder alte Freunde geben ihr Talent zum Besten. Homberger ist froh, seinen Traum verwirklicht zu haben und die große Bühne in seinen eigenen kleinen Salon umgetauscht zu haben.

Informationen zum Beitrag

Titel
Hier singt der Koch persönlich
Autor
Jael Meier
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.02.2017, Nr. 31, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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