Stoß in die ungepanzerte Brust

Die Römerzeit erwacht im historischen Amphitheater in Trier im Sommer zum Leben. Jan Krüger betreibt dort eine Gladiatorenschule, die einzige in Rheinland Pfalz und das einzigartige Privileg, in einer der letzten noch intakten römischen Arenen zu trainieren. Wenn Krüger seine Prunkrüstung anlegt, den Helm über den Kopf zieht und das Amphitheater betritt, blüht er in seiner Rolle als furchteinflößender Gladiator auf.

Der mittelgroße, 40-jährige, aus Brandenburg an der Havel stammende Mann hat einen langen Weg vom Hotelfachmann bis zum Gladiatorenlehrer zurückgelegt. Er absolvierte erst eine Ausbildung zum Hotelfachmann in der Eifel. In dieser Zeit lernte er seine Ehefrau kennen. Sie motivierte ihn zur Schauspielerei. Durch die Trierer Veranstaltung "Brot und Spiele" gelangte er in Kontakt mit Gladiatorendarstellern aus Italien. So wurde die Idee zur Gladiatorenschule geboren. Der sportliche Mann ging aufs Ganze und beschloss, die Schule hauptberuflich zu betreiben. Er bietet Seminare, Workshops und Kämpfe für Veranstaltungen an. Der Weg dahin war hürdenreich, etwa, als er das Gladiatorengewerbe anmelden wollte. Ferner musste er ein Darlehen aufnehmen. "Das waren schon hohe finanzielle Hürden und schwere Zeiten, die ich auch nur dank der Familie geschafft habe."

Die Chance zum Durchbruch ergab sich durch einen Artikel der Deutschen Presseagentur, der großes Medieninteresse weckte. Da Trier über viele römische Bauten und Artefakte verfügt, ist das Projekt eine ideale Ergänzung. Zu Krügers Kunden gehören vor allem Schulklassen, Ausstellungen und Festorganisatoren, die seine Auftritte buchen.

Ein Gladiatorenkampf läuft in der Regel folgendermaßen ab: In der Mitte der Arena stellt der Schiedsrichter, auch ein Gladiator, die Kämpfer mit ihren Kampfnamen dem Publikum vor. Die Gattungen der Kämpfer sind aufeinander abgestimmt. Dabei haben jede Bewaffnung und Kampfweise Vorund Nachteile. Die bekannteste Kampfgattung sind der Retiarius oder Netzkämpfer und der Secutor oder Verfolger. Dieser trägt ein Scutum, das ist ein großer, gebogener Schild, eine Beinschiene, einen gepanzerten Waffenarm, ein Kurzschwert und einen massiven Helm, der nur wenig Atemluft durch die Augenlöcher in das Innere lässt. Zudem ist das Blickfeld stark begrenzt.

Jan Krüger kämpft als Retiarius gegen ein Mitglied seiner Gladiatorenschule, das die Rolle des Secutors übernimmt. Als Retiarius hat Krüger nur einen gepanzerten Arm, einen Dreizack, einen Dolch und das berühmte Wurfnetz.

Die Kämpfer stellen sich in Kampfposition auf. Der Schiedsrichter hält seinen Stab zwischen beide. Mit dem Ausruf ,,Pugnate" und dem Wegziehen des Stabes gibt er den Kampf frei. Der Retiarius muss schnell vor dem Secutor zurückweichen oder bei einer günstigen Kampfsituation nach vorne stürmen, um diesen entweder auf lange Distanz mit seinem Dreizack zu treffen oder ihn mit seinem Dolch im Nahkampf zu erstechen. Wird einer der Kämpfer getroffen, muss er das durch Heben des Waffenarms und ein angedeutetes Zubodengehen andeuten.

Der Schiedsrichter beobachtet den Kampf und beurteilt, wie schwer der Betroffene verletzt ist oder ob dieser überhaupt getroffen wurde. Er vergibt anhand seiner Beurteilung und der Geste des Gladiators die Punkte. Die meisten Kämpfe gehen bis zum Fünf-Punkte-Sieg.

Krüger und sein Gegner müssen oft zwischen offensiven und defensiven Kampfstellungen wechseln. Dabei landet jeder vier schwere Treffer. Jan Krüger setzt zum finalen Angriff an und schafft es, mit der Kante des Dreizacks das Scutum des Gegners aufzuhacken und mit einem rasch folgenden Stoß die ungepanzerte Brust des Gegners zu treffen und zu triumphieren.

"Gladiatur, so wie wir sie praktizieren oder wie wir sie trainieren und auch weitergeben, ist vergleichbar mit einem Vollkontaktkampf im Kampfsport", erklärt Krüger. "Man trainiert auf ganz klassische Weise den Körper, natürlich auch Techniken, Präzisionsarbeit und Waffenführung, damit man auch mit den Materialien umgehen kann und Verletzungen minimiert. Wir trainieren auch Spezialtaktiken, die für Gladiatorenspiele typisch sind und die man im Kampf anwenden kann." Wichtig ist ihm: "Wir machen keine Choreographiearbeit oder wir bauen keine Abläufe oder so, es bleibt einfach ein freier Kampf."

Wie bei jeder Kampfsportart besteht auch hier ein Verletzungsrisiko. Typische Verletzungen sind Prellungen und Platzwunden. Zum Glück kommen Verletzungen jedoch selten vor. "Aber wir kalkulieren sie mit ein, sie sind wichtig, denn: Wer nicht verletzt wird, hat keine Angst vor einer Waffe, auch wenn die meisten ungeschliffen sind, sollte man Angst haben, sollte sie mit Respekt behandeln." Die Schüler lernten, so sagt Krüger, dass die Gladiatur der Antike alles andere als witzig war. "Auch wenn das jetzt komisch klingt, in meinen Seminaren lernt man, dass Gewalt nichts Schönes ist. Wir zeigen Kampfgewaltprävention, das ist die große Herausforderung an unserer Arbeit."

Informationen zum Beitrag

Titel
Stoß in die ungepanzerte Brust
Autor
Alex Litzenburger, Niklas Eppers
Schule
BBS EHS Trier , Trier
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.02.2017, Nr. 37, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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