Kommen Kinder durch Gewalt zu Tode, vergisst man das nie

Manche Fälle bringen sogar Rechtsmediziner Michael Tsokos an seine Grenzen. Das passiert unter anderem, wenn Eltern ihre Kinder zu Tode schütteln. Ortstermin in der Berliner Charité.

Der süßlich beißende Geruch zieht vom Keller die Wendeltreppe hinauf, so dass er einem noch etliche Stunden in der Nase bleibt. Grelles Licht scheint auf die erbarmungslos zugerichtete, kalte, blasse Kinderleiche, die auf dem großen Sektionstisch noch viel kleiner und jünger erscheint - für Michael Tsokos, Leiter des traditionsreichen Instituts für Rechtsmedizin der Charité und des Landesinstituts für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin, etwas Alltägliches, an das er sich trotzdem nur schwer gewöhnen kann. Was war diesmal der Grund, dass ein so kleines und unschuldiges Wesen den Tod erleiden musste? Ein Versehen, eine Misshandlung oder doch kaltblütiger Mord? Die folgende Obduktion wird sowohl die Todesart als auch den Todeszeitpunkt und die Identität des Opfers klären.

Der zum Teil unter Denkmalschutz stehende, historische Gebäudekomplex der Gerichtsmedizin liegt zentral im Bezirk Mitte und stellt im Gegensatz zu der angrenzenden hektischen Turmstraße mit seinen preußisch roten Klinkerbauten einen Ruhepol dar. Die Aufteilung des Landesinstituts gliedert sich in mehrere Bereiche: Die forensische Pathologie führt gerichtliche Obduktionen bei Verdacht auf ein Kapitaldelikt durch, die forensische Toxikologie bestimmt unterschiedliche Substanzen, die den Menschen vergiften oder sogar töten können, und die Abteilung Psychiatrie/Psychologie untersucht gegebenenfalls Angeklagte, Verurteilte oder Zeugen und erstellt Prognosen zu ihrer individuellen Entwicklung. Darüber hinaus sind zusätzlich eine Bibliothek, ein Archiv und eine Fachverwaltung vorhanden.

"Die Rechtsmedizin ist ein Sammelsurium aus allen medizinischen Fächern, das mich stark fasziniert", sagt Professor Tsokos. "Da ich während meines Studiums an vielen Fächern interessiert war, wie Chirurgie, Anatomie, innere Medizin, Neurologie und Pharmakologie, stellte schließlich eine Famulatur die Weichen für meine berufliche Zukunft. Dabei habe ich gemerkt, dass in diesem Fach alle interessanten Bereiche zusammenlaufen." Obwohl einem Laien die Arbeit eines Rechtsmediziners sicherlich belastend und erschreckend vorkomme, habe er sich dennoch darauf spezialisiert. Auf der Ledercouch seines Büros sitzend, erklärt er: "Ich habe eine stabile Konstitution und bin ein positiv denkender Mensch." Darüber hinaus konkretisiert der fünffache Vater: "Die bei der Obduktion gewonnenen Eindrücke muss man insbesondere bei Kinderleichen in Schubladen abspeichern, so dass man die Fakten zwar nicht vergisst, aber privat nicht belastet wird. Im Gegensatz dazu wäre es für mich weitaus schlimmer, auf einer Kinderkrebsstation die Leiden und das Schicksal unmittelbar mitzubekommen."

Das geräumige Büro des Fünfzigjährigen ist mit der großen Couch, dem Sessel und einem Vitrinenschrank, in dem sich Schädel befinden, rustikal ausgestattet. Der Schreibtisch, auf dem sich Akten stapeln, weist darauf hin, dass Tsokos nicht nur jeden zweiten bis dritten Tag im Sektionssaal tätig ist, sondern sich als Leiter um viele administrative Angelegenheiten kümmern muss. Dazu zählen das Gegenlesen und die Unterzeichnung von Akten, wenn zum Beispiel ein Kunstfehler vorliegt. Mit Politikern bespricht er den Haushalt oder Gesetzesänderungen im Bereich der Gerichtsmedizin, mit Geschäftsleuten berät er sich über Gelder für neue Geräte. Da Tsokos ein international anerkannter Experte auf dem Gebiet der Forensik ist, ist sein Einsatz stark gefragt. So hat er die Opfer des Serienmörders Silvio S. obduziert, die Jungen Mohamed und Elias, die entführt, missbraucht und ermordet wurden. "Dabei bin ich auch schon an meine Grenzen gekommen, obwohl ich sonst auch Leid, Elend und Mord und Totschlag sehe, aber kindliche Todesfälle, wo Kinder durch Gewalt zu Tode kommen, die vergisst man nie", gibt er zu.

Darüber hinaus sei die Identifizierung von Opfern ein wichtiger Teil seiner Arbeit, da sie den Angehörigen Klarheit verschaffe, um in Ruhe trauern zu können. So wie die Identifizierung der Opfer vom Breitscheidplatz nach dem Terroranschlag in Berlin, bei dem der islamistische Attentäter Anis Amri mit einem geraubten Lkw in die Menschenmenge an der Gedächtniskirche steuerte, so dass neben dem Speditionsfahrer elf Menschen starben. Die Identifizierung ergab, dass sieben Menschen aus Deutschland und die übrigen aus Israel, Italien, Tschechien, Ukraine und Polen stammten.

"Außerdem habe ich die deutschen Tsunami-Opfer in Thailand zwischen 2004 und 2005 identifiziert", berichtet Tsokos. Im Auftrag des Bundeskriminalamtes ist er damals nach Phuket geflogen. Bei dieser Naturkatastrophe haben am Ya-Nui-Beach 300 000 Menschen ihr Leben gelassen. Die Rechtsmediziner hätten harte Arbeit geleistet, da von den vielen Leichen ein bestialischer Gestank ausgegangen sei.

Er spricht über den Fall Jessica aus Hamburg, an dessen Bearbeitung er beteiligt war. Die unterernährte Siebenjährige ist auf 9,6 Kilogramm abgemagert gewesen und an ihrem Erbrochenen gestorben. Ihre Eltern hätten sie jahrelang gnadenlos in ihrem völlig verwahrlosten Zimmer eingesperrt und vernachlässigt, indem sie ihr die Toilettengänge verweigert, die Fenster zugeschraubt und mit undurchlässiger Folie beklebt, das Licht ausgeschaltet und den Thermostaten auf niedrigste Stufe gestellt hätten. Ihr gewissenloser Vater habe den Lichtschalter zu einer Stromfalle ausgebaut.

Tsokos hat neun Bücher geschrieben. "Die Sachbücher und True-Crime-Thriller basieren zwar immer auf realen Fällen, aber sie entsprechen nur zu etwa 70 bis 80 Prozent der Wahrheit, da die Realität viel grausamer ist als die Fiktion." Daher müsse sich der Autor an manchen Stellen, die nicht unbedingt an die Öffentlichkeit gelangen sollten, zurückhalten. Im Sachbuch "Sind Tote immer leichenblass? - Die größten Irrtümer über die Rechtsmedizin" greift er die Tatsache auf, dass die Gerichtsmedizin in vielen Krimis nicht realistisch dargestellt wird. Dies störe ihn aber nicht, da er sich bei Krimis auch nur unterhalten lassen möchte.

Nach der Entspannung kommt wieder die grausame Realität. "Es ist fast immer dieselbe Geschichte eines zu Tode geschüttelten Kindes, die mir bis oben hin steht", klagt Tsokos. In den meisten Fällen seien die Familien dem Jugendamt sogar bekannt. Oft führe eine verantwortungslose Überreaktion der häufig zu jungen Eltern in Form von andauerndem, starkem Schütteln zu Lähmungen oder sogar zum Tod von Kindern. Und schon eilt er durch den langen Gang zum Sektionssaal, um erneut die Todesursache eines Kindes zu ermitteln.

Informationen zum Beitrag

Titel
Kommen Kinder durch Gewalt zu Tode, vergisst man das nie
Autor
Antonia Selina Breer
Schule
Katholische Schule Liebfrauen , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.06.2017, Nr. 129, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

  • 54366088

    Jedes dritte Unternehmen findet nicht genügend Auszubildende

    › Zum Artikel

  • 54359734

    Zahl ausländischer Wissenschaftler und Studierender gestiegen

    › Zum Artikel

  • 54360031

    Mütter kehren schneller in familienfreundliche Betriebe zurück

    › Zum Artikel

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180