Oase in der Favela

Eine Lehrerin über ihre Zeit in Brasilien

Die deutschen Schüler sind egozentrischer geworden, besonders die Abiturienten." Kerstin Groß muss nicht lange nachdenken, wenn sie gefragt wird, was sich an deutschen Schulen geändert habe. Nach ihrem Informatikstudium in Güstrow begann sie in ihrer Heimatstadt, Schüler am Gymnasium zu unterrichten, und heiratete. Ihr Mann ist ebenfalls Lehrer. Sie haben zwei Söhne. Im September 2004 gingen sie an die Deutsche Schule in São Paulo nach Brasilien. Der jüngere Sohn kam mit, um eine Ausbildung bei der Bayer AG Brasil zu beginnen, deren Abschluss in Deutschland anerkannt wird. Der ältere Sohn war 20 Jahre alt und blieb, um seine Schullaufbahn als Zehnkämpfer im Leistungssport abzuschließen.

Ihr Haus in São Paulo nennt Kerstin Groß einen goldenen Käfig - das Schwimmbecken war von einer hohen Mauer mit Überwachungssystem abgeschirmt. Eine Klimaanlage gab es nicht. Im Winter hat die Familie regelrecht gefroren. An größere Umstellungen und kleinere Kulturschocks gewöhnte sie sich schneller, so genoss Kerstin Groß das Erlernen der Sprache wie das Autofahren im dichten Verkehr und erfreute sich an der entspannten Art der Fahrer und dem Gebrauch des herausgestreckten Arms als Blinker. Sie musste sich daran gewöhnen, dass das Naseschnäuzen in Brasilien verpönt ist und Schüler dafür vor die Tür gehen.

Ständig gab es Unbekanntes zu entdecken. Sie besuchte exotische Märkte, tanzte - aufwendig verkleidet - beim Karneval und bereiste in den Ferien den riesigen Kontinent. Die Rückkehr aus São Paulo nach sieben Jahren war wie "der Umzug in eine neue Stadt, obwohl man alles kennt". Kerstin Groß erzählt von der deutschen Bürokratie und den Freundschaften, die sie sich zurückerkämpfen musste.

Ein besonderes Anliegen der Lehrerin ist das Kinderheim "Girassol", in dem sie und ihr Mann sich ehrenamtlich engagierten. "Eine Oase inmitten einer Favela." Es gebe Favelas mit festen Häusern, Strom- und Wasserversorgung und Märkten, in denen auch Europäer sich frei bewegen könnten, daneben aber auch illegal errichtete Viertel mit Verschlägen, die man besser nicht betrete. Dort herrschen Bandenkriege, Drogen und Gewalt gegen Frauen und Kinder. Im Gegensatz zu Rio de Janeiro liegen die Favelas São Paulos außerhalb der Stadt und wachsen ständig. Ein Großteil der Bewohner verdient den staatlich garantierten Mindestlohn von 220 Euro als Kellner, Hausangestellter, Wächter oder Mechaniker. Andererseits gebe es viele Menschen, die vergeblich Arbeit suchten und morgens nicht wüssten, ob sie genügend zum Überleben verdienen würden, berichtet sie.

Mit dem Verein "Girassol" lernte sie das einfache brasilianische Leben kennen und konnte Kindern helfen. Zum Beispiel hat sie mit ihrem Mann einen Ausflug für die Waisen und Straßenkinder des Heimes organisiert: Die Kinder sahen zum ersten Mal den Strand. Sie spenden und halten Kontakt zu den Deutschen, die dort ehrenamtlich wirken. Kerstin Groß entrüstet es, wenn Touristen in geführten Touren die Favelas besichtigen und die Bewohner anstarren, als wenn sie keine Menschen wären. Ihr Lieblingsausdruck auf Portugiesisch lautet "Tudo bem", zu Deutsch "Alles gut". Für sie schwingt bei dieser Floskel brasilianische Lebensfreude mit, die sie im eher gefühlskalten Norddeutschland vermisst. Staunend stellt sie fest, dass manche ihrer Schüler sie nicht mal auf dem Schulhof grüßen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Oase in der Favela
Autor
Luis Westphal
Schule
CJD Christophorusschule , Rostock
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.06.2017, Nr. 145, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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