Mehr Zeit für Patienten

Eine angehende Krankenschwester in Portugal

Wenn das Team stimmt, dann macht es richtig Spaß, und das ist das Wichtigste bei harter Arbeit und schwierigen Patienten", sagt Simone Sturm (Name geändert), die ihr letztes Studienjahr zur Krankenschwester in Portugal absolviert. Als Krankenschwester in Ausbildung unterliegt sie der ärztlichen Schweigepflicht und gibt aus diesem Grund ihren echten Namen nicht bekannt. "Bei diesem Job brauchst du gute Kollegen, da du nicht allein arbeiten kannst." Die 22-jährige blonde Studentin in weißer Dienstkleidung setzt sich erschöpft an ihr Mittagessen, das sie sich in der Mikrowelle, in dem kleinen Raum, warm macht. Sie ist froh, sich eine halbe Stunde auszuruhen, es ist ihre einzige richtige Pause am Tag. Sie arbeitet gerade im Krankenhaus im portugiesischen Viseu, einer Stadt im Zentrum von Portugal.

Simone hat deutsche Eltern, ist in Portugal geboren und hat die doppelte Staatsbürgerschaft. Den Abschluss zur Krankenschwester und Arzthelferin, licenciada em enfermagem, bekommt man in Portugal nach einem vierjährigen Studium an einer Universität. In Ländern wie Deutschland oder Österreich ist der Beruf der Pflegefachkraft ein Ausbildungsberuf. In südeuropäischen Staaten wie Portugal oder Spanien erlangt man den Berufstitel erst nach einem drei- bis vierjährigen Studium. In diesen vier Jahren hat man, immer abwechselnd, ein Semester lang Unterricht und wendet die gelernte Theorie dann im nächsten Semester praktisch an, ohne dabei etwas zu verdienen. Um in die Universität aufgenommen zu werden, muss man einen Numerus clausus von etwa 2,6 haben. Der benötigte Durchschnitt ist jedoch abhängig von der Universität sowie vom Jahr und der Nachfrage. Von etwa 350 Bewerbern werden 80 in der ersten Phase aufgenommen.

Zusätzlich in den Sommerferien nach ihrem dritten Jahr hat Simone acht Wochen lang in Nordirland in einem Altersheim gearbeitet. Dank eines dreimonatigen Erasmus-Programms konnte sie in Finnland weitere Erfahrung sammeln. So kann sie die verschiedenen Arbeitsweisen und das Verhalten der Kranken vergleichen, Unterschiede erkennen und bewerten. Am besten aber kennt die mittelgroße, schlanke junge Frau die Arbeitssituation als Krankenpflegerin in Portugal.

In Finnland ist die tägliche Arbeitszeit über einen längeren Zeitraum verteilt, verglichen mit Portugal. Dies heißt aber nicht, dass sie im Norden Europas langsamer arbeiten oder, wenn etwas passiert, nicht sofort da wären, um zu helfen, sondern es gibt mehr und längere Pausen, die den Arbeitstag unterbrechen. "Es gibt viele Kaffeepausen, man hat über eine Stunde zum Mittagessen." In Turku machen Krankenschwestern zusätzlich Hausbesuche. Soweit es geht, wohnen die Älteren noch zu Hause in ihrem gewohnten Umfeld. Bei derartigen Hausbesuchen benötigten sie einen Morgen, um drei Patienten zu besuchen, während in Portugal die Route so genau geplant wird, damit man möglichst viele, oft bis sechs Krankenbesuche an einem Morgen schafft, um Zeit einzusparen. In Finnland gibt es prozentual mehr Personal je Patient, deswegen hat es mehr Zeit für seine Tätigkeit.

"In Portugal hast du halt kaum Zeit, um zu atmen, weil es hier so viele Patienten gibt und nicht genügend Geld, um mehr Krankenschwestern einzustellen." Aus denselben Gründen gilt das Gleiche auch für das Krankenhaus. Vier Krankenschwestern in Finnland sind zuständig für 14, in Portugal ist es eine für sechs Patienten. Die Hygiene wird in Turku wichtig genommen. Es gibt viele Vorschriften, an die man sich penibel zu halten hat. Allgemein ist Finnland etwas fortschrittlicher, sowohl in Bezug auf Hilfsmittel als auch bei Schutzmaßnahmen.

Auch Belfast in Nordirland hat Simone als Weiterentwicklung erlebt. "Dort stehen mehr Hilfsmittel zur Verfügung." Ein Beispiel sei ein Patienten-Lifter, der mehr Leichtigkeit in den Pflegealltag bringt. Er hilft, die Patienten aus dem Bett zu heben und in einen Stuhl oder Rollstuhl zu setzen. Dies ist nicht nur gut für die Krankenschwestern und deren Rücken, sondern auch für die Patienten, die den Wechsel und die Bewegung brauchen. Wenn sie schwer sind, könne man dies ohne diese Hilfe nicht oder man brauche bis zu vier Personen, um jemanden aus dem Bett zu heben. Nordirland ähnele aber insofern Portugal mehr als Finnland, da man nur wenig Pausen mache.

Alle Patienten seien nett, offen und immer super glücklich, wenn jemand Neues kommt und sie neue Gesichter sehen. Vielen sei langweilig, sie freuten sich, mit anderen sprechen zu können. Außerdem haben Studenten und Praktikanten oft mehr Zeit als Ortskräfte. Keiner habe damit ein Problem, dass Simone noch studiert. "Manche Patienten haben mir sogar gesagt, es habe viel weniger weh getan, als ich ihnen Blut abgenommen habe, als wenn es ein Ausgebildeter macht", strahlt sie. Als sich die Finnen beschwerten, dass sie zu viel arbeiten müssten, dachte Simone, dass die Arbeit in Portugal doch weit anstrengender ist. Persönlich habe sie lieber etwas mehr zu tun, als nicht zu wissen, was sie machen soll mit den vielen Pausen in Finnland. Obwohl die Portugiesen nicht die besten finanziellen Möglichkeiten hätten, seien sie dafür geschickt, kämen mit schwierigen Situationen gut zurecht und seien Meister im Improvisieren. Krankenschwestern aus Portugal seien weltweit gesucht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mehr Zeit für Patienten
Autor
Rebecca Suhm
Schule
Deutsche Schule zu Porto , Porto
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.04.2018, Nr. 100, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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