Mit dem Pizzabacken wird es vorerst nichts

Muffiger Gestank hängt in dem alten Gemäuer und eine Toilette fehlt auch / Ortstermin mit Lebensmittelkontrolleuren
 
Da stinkt es! Da geht nichts hier drin!", klingt es aus dem Kühlhaus. Ein Mann kommt naserümpfend heraus. "Soll das überhaupt kühlen? Der Kühler geht ja, aber irgendwie ist es hier drin nicht kühl", ruft ein Zweiter aus demselben Raum. Ortstermin der Lebensmittelkontrolleure. "Bevor ein Betrieb die Konzession erhalten kann und öffnen darf, ist eine Begutachtung der baulichen Gegebenheiten durch einen Lebensmittelkontrolleur erforderlich", sagt Lebensmittelkontrolleur Ralf Rummel. Zusammen mit seinem Kollegen Norbert Hoff arbeitet er in der Abteilung Veterinärwesen und Landwirtschaft des Landkreises Südliche Weinstraße.

"Heute Morgen haben wir einen Anruf von einem Mann erhalten, der uns gebeten hat, schnellstmöglich seinen Betrieb, einen Pizzaservice, zu begutachten, damit er öffnen kann", sagt der sportliche, 1,80 Meter große Rummel. Der Eigentümer hat das Geschäft von seiner Frau übernommen und möchte es nun weiterführen. "Wann möchten Sie öffnen?", fragt Rummel. "Noch heute", ist die Antwort. "Oh!", erwidert der Kontrolleur skeptisch.

Die Kontrolle beginnt in der Küche, die eher einer privaten Küche ähnelt als der eines Pizzaservices. Aus dieser dringt zwar ein leichter Fettgeruch, trotzdem finden die beiden Kontrolleure nur geringfügige Mängel der baulichen Gegebenheiten. "Nur die Fliegengitter und die Deckenfarbe müssen erneuert werden. Außerdem fehlt die Abdeckung der Lampe über der Dunstabzugshaube", stellt Hoff, der ebenfalls 1,80 Meter groß ist und kurze Haare sowie einen Schnurrbart trägt, mit geübtem Blick fest. Bisher spricht nichts gegen die Erteilung der Konzession. Die Kontrolle geht schnell voran. Als nächstes geht es in das besagte Kühlhaus in den Keller. Schon auf dem Weg dorthin sieht es unordentlich aus. Krempel, alte Reifen, Holzteile und sogar ein Feuerlöscher liegen in dem dunklen Vorraum. Ein muffiger Gestank hängt in dem alten Gemäuer. Das Kühlhaus selbst gefällt den Kontrolleuren gar nicht. "Der Geruch hier drin ist ja unerträglich. So können Sie es unmöglich benutzen. Sie müssen hier aufräumen und gründlich reinigen", sagt Rummel. "Das Kühlhaus ist zwar so nicht zu gebrauchen, jedoch hatten wir schon weitaus schlimmere Fälle", erklären sie. Rummel gibt ein Beispiel: "Vor einigen Jahren war es richtig heftig, da hatten wir eine Bäckerei mit massivem Nagerbefall. Außerdem fanden wir noch an die 30 Säcke mit verschimmeltem Altbrot und weitere verheerende hygienische Missstände." Hoff nickt, auch er hat schon einige Probleme aufgedeckt, die zu Betriebsschließungen führten.

Die Kontrolle wird danach im Erdgeschoss fortgesetzt. "Wo finden wir die Personaltoilette?", fragt Hoff. "Da ist nichts!", lautet die verwirrende Antwort des zukünftigen Gaststättenbetreibers. "Wie? Da ist nichts? Da muss aber was sein! Die Personaltoilette ist wichtig, damit sich Ihr Personal nicht bei Ihren Gästen mit irgendwelchen Infektionen anstecken kann", klärt der verdutzte Rummel auf. "Schließlich haben sie ja auch Gäste, die hier drinnen auf eine Pizza warten und dann eventuell auf die Toilette müssen." Die Situation ist schnell geklärt. "Der Mann hat offenbar Bestandteile der Konzession, in diesem Fall Räumlichkeiten, die wichtig sind, um den Gastronomiebetrieb zu betreiben, eigenmächtig an einen seiner Kollegen vermietet", stellen die Kontrolleure fest. "Generell ist es eher ungewöhnlich, dass schon bei der Kontrolle der Räumlichkeiten Probleme auftreten. Aber wir hatten auch schon, dass der Vorratsraum gleichzeitig als Schlafplatz genutzt wurde", erklärt Ralf Rummel.

Während er zunächst als Bäckermeister arbeitete, war sein Kollege Hoff Metzgermeister. "Ich bin in meinen jetzigen Arbeitsbereich gewechselt, nachdem ich die eigentliche Ausbildung zum Lebensmittelprüfer gemacht habe", erklärt Rummel. Die Ausbildungsanforderungen sind im jeweiligen Bundesland festgelegt. Voraussetzung ist meist die Meisterprüfung in einem Lebensmittelhandwerk. "Das ist auch richtig und wichtig, da wir Kontrolleure ja wissen müssen, worauf wir dann auch zu achten haben", sagt Hoff. Lebensmittelkontrolleure übernehmen zum Beispiel Hygienekontrollen, Überprüfungen der Kennzeichnung von Lebensmitteln und die Überprüfung der verwendeten Lebensmittel. Eine Lebensmittelkontrolle kann unangekündigt erfolgen. "Je nach Art der Risikobeurteilung kommen wir entweder häufiger oder seltener. In die Beurteilung fließen sowohl der Abnehmerkreis der Kunden, die bauliche Beschaffenheit, die Betriebsgröße und weitere Faktoren ein. Bei Betrieben, die Kindernahrung herstellen, sind wir zum Beispiel öfter." Es komme auch vor, dass Kontrollen täglich durchgeführt werden.

Mittlerweile ist die Begutachtung des Pizzaservices beendet. "Sie können heute nicht öffnen. Die angesprochenen Probleme in der Küche und die fehlende Personaltoilette bringen Sie bitte in Ordnung. Ansonsten sind es ja nur Kleinigkeiten, die Sie in kürzester Zeit beheben können", erklärt Rummel. Hoff ergänzt: "Auch die stinkende Kühlkammer müssen Sie auf jeden Fall reinigen und funktionstüchtig machen, bevor sie benutzt wird."

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit dem Pizzabacken wird es vorerst nichts
Autor
Daniel Reichert.
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.04.2011, Nr. 81, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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