Die Deutschen sind doch ganz anders

Schade, dass München keine Hafenstadt sei, findet Chang aus Taiwan. Ein Jahr hat er hier Deutsch gelernt. So wie Hugrún aus Island.

Ich zahle dir für einen Monat einen Sprachkurs an einer englischen oder deutschen Schule." Diesen Vorschlag ihrer Mutter, die selbst Deutschlehrerin ist, musste sich Hugrún Adalsteinsdóttir nicht zweimal durch den Kopf gehen lassen. Die 20-jährige Isländerin, die in der Hauptstadt Reykjavík lebt, entschloss sich kurzerhand, mit ihrer besten Freundin für einen Monat nach Deutschland zu fahren. "Ich lerne schon so lange Englisch in der Schule und spreche es fließend, deswegen habe ich mich für Deutschland entschieden", sagt das weißblonde Mädchen mit einem leichten Akzent.

"Als ich meiner Freundin davon erzählte, war sie begeistert und entschloss sich, mit mir mitzukommen." Die Freundinnen stießen im Internet auf eine Sprachenschule in München, auf der Deutsch für Ausländer unterrichtet wird. Zudem bietet die Schule Studentenwohnungen an; der Preis für ein Doppelzimmer liegt bei 140 Euro in der Woche. Vor zwei Jahren verbrachten die beiden dann einen Monat in München. Als sie in ihre Heimatstadt zurückkehrten, waren beide mit Lernen für ihr Abitur beschäftigt, das im Mai bevorstand. Während sich Hugrúns Freundin entschloss, sofort mit dem Studium zu beginnen, schwankte Hugrún noch zwischen Zahnmedizin und Isländisch. "Da hab ich mir überlegt, noch mal nach Deutschland zu gehen. Diesmal für ein ganzes Jahr."

Seit September ist Hugrún nun wieder in München, diesmal allein. Sie hat auf eigene Faust eine Wohngemeinschaft gefunden. Mit drei Deutschen wohnt sie in einer Fünfzimmerwohnung in Laim. Zwei Monate besuchte sie einen Sprachkurs. Ihre Deutschkenntnisse sind sehr gut, und ihr fällt es leicht, mit anderen zu kommunizieren. "Ich spreche ausschließlich Deutsch hier, ich habe noch keine andere Isländerin an meiner Schule kennengelernt. Dadurch verbessert sich mein Deutsch von Tag zu Tag."

Überhaupt ist es Hugrún wichtig, mehrere Sprachen zu beherrschen: "Island hat insgesamt nur 300 000 Einwohner, und Isländisch wird in keinem anderen Land der Welt gesprochen." Neben Isländisch, Deutsch und Englisch verfügt sie zudem über sehr gute Kenntnisse in Dänisch. "Vielleicht will ich nach der Universität auch als eine Art Tourguide in Island arbeiten, den Touristen Island zeigen. Da kann man Englisch und Deutsch gut gebrauchen." Aus Island wegzuziehen, kann sie sich im Moment nicht vorstellen, aber sie denkt, dass es sich auch immer gut im Lebenslauf macht, wenn man mehrere Sprachen sprechen kann. Hugrún bewarb sich bei H&M in der Fußgängerzone und in einem Café und bekam eine Zusage für die Stelle bei der Modekette. Sie freut sich, dass sie jetzt auch in Deutschland arbeiten kann. Ihre blauen Augen strahlen, und sie lacht.

"Überhaupt sind die Deutschen ganz anders, als ich sie mir vorgestellt habe. Man sagt immer, sie seien so streng und verschlossen." Hugrún findet inzwischen, dass die meisten Deutschen freundlich und leicht zugänglich seien. Wie findet sie sich in einer Großstadt mit 1,3 Millionen Einwohnern zurecht? "Ich dachte zuerst, dass es sehr gefährlich hier wäre. Aber das stimmt nicht, ich habe keine schlechten Erfahrungen gemacht. Ich fühle mich sogar sehr sicher. Ich habe auch gar kein Problem, abends allein S-Bahn zu fahren." Allgemein fühlt sie sich gut integriert. Sie ist überzeugt, dass sie durch ihr europäisches Aussehen nicht als Ausländerin wahrgenommen wird und deswegen nicht mit Integrationsproblemen zu kämpfen hat. Obwohl sie neue Freundschaften geschlossen hat, vermisst sie Familie und Freunde und war Weihnachten zwei Wochen in Reykjavík.

Auf den weiten Weg nach Taiwan zu Weihnachten hat sich Chang Chi-Hsien nicht gemacht. Dieses Jahr feierte der 24-Jährige in München mit seiner Gastfamilie in Allach. Aus beruflichen Gründen hat er sich für das Deutschlernen entschieden, nachdem er in der Stadt Taichung ein Schiffbau-Studium abgeschlossen hat. "Der Schiffbau in Deutschland ist groß. Gerade in Hamburg", sagt Chang Chi-Hsien, der sich für seine Zeit hier den Namen Johannes gegeben hat. Schon an der Universität hat er für drei Semester Deutsch gelernt. Auf die Empfehlung einer Freundin aus Taiwan besucht er dieselbe Sprachenschule wie Hugrún. In diesem Monat kehrt er zurück nach Taiwan, will einen Job finden und ein paar Jahre arbeiten. Doch sein eigentlicher Traum ist es, in Hamburg zu arbeiten. "Schade, dass München keine Hafenstadt ist, sonst würde ich gerne wieder hierherkommen", schwärmt der schwarzhaarige junge Mann.

Wie auch Hugrún fühlt er sich in der Großstadt sicher. Zudem gefällt ihm das reiche Kultur- und Kunstangebot, gefallen ihm die vielen Grünanlagen und die öffentlichen Verkehrsmittel. "Das Einzige, was ich wirklich vermisse, ist das chinesische Essen. In Deutschland wird so wenig Gemüse gegessen." In dem Jahr, dass er hier verbracht hat, habe er noch kein gutes asiatisches Restaurant gefunden. Auf die Frage, ob er sich gut integriert fühle, runzelt er die Stirn. Er greift in seine Tasche, holt ein Wörterbuch raus und fragt das Wort "Integration" nochmals nach. Er blättert, findet es und sagt: "Die Integration in Deutschland ist gut." Ob sein Wortschatz einfach nicht ausreicht oder ob sich Chi-Hsien wirklich gut integriert fühlt, kann man aus seinem Gesicht nicht ablesen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Deutschen sind doch ganz anders
Autor
Simone Unkel
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.04.2011, Nr. 87, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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