Wo die Holzpfosten der Germanenhütten standen

Vorsichtig und nicht zu tief graben, sonst zerstören wir die Befunde in den unteren Schichten", warnt eine Stimme auf dem Baugelände in Castrop-Rauxel nahe der Emscher. Der Baggerfahrer erhält letzte Anweisungen, während seine Kollegen mit Schaufeln bereitstehen. Wenige Meter daneben sitzt ein Mann in einer Grube und vermisst eine Verfärbung in einem Loch, bevor er sie fotografiert. 20 Archäologen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) und Grabungshelfer sind von der Emscher Genossenschaft beauftragt worden, das spätere Baugelände auf Funde und Relikte aus der Vergangenheit zu untersuchen. Der Mann neben dem Baggerfahrer ist einer von zwei Grabungstechnikern, denen die Aufsicht über den technischen Teil der Grabung obliegt. Dazu gehört auch, einzuschätzen, wie tief der Baggerfahrer graben muss, bevor die anderen ans Werk gehen können.

"Man muss sich von dem Bild verabschieden, dass Archäologen immer mit dem Pinsel unterwegs sind. Wir benutzen oft die Schaufel und am Anfang auch den Bagger." Bei der LWL-Archäologie für Westfalen in Münster sitzt Angelika Speckmann an ihrem Schreibtisch in einem ehemaligen Abstellraum, den sie sich mit mehreren Kollegen und über tausend Fundstücken teilt. Durch den Raum verläuft eine Regalwand, in der sich Kisten mit Fundstücken stapeln. "Wir haben in Castrop drei Jahre lang auf einem Gebiet von zehn Hektar gegraben. Während dieser Zeit haben wir mehrere Tausend Funde gemacht", sagt die 37-jährige Projektleiterin. Als die Archäologen im April 2007 mit der Ausgrabung begannen, hatten sie bereits Probegrabungen gemacht, auch Anwohner hatten Funde entdeckt. Dass man aber eine ganze Siedlung aus der Zeit vom ersten bis vierten Jahrhundert nach Christus finden würde, ahnte keiner. Zu sehen ist von den Gebäuden selbst kaum noch etwas, die Germanen bauten ihre Häuser aus Holz, das sorgte für die nötige Mobilität. Das Holz zerfiel, im Sandboden sind nur noch die sogenannten Befunde zu sehen. Von oben sehen sie aus wie Bodenverfärbungen, tatsächlich zeigen sie aber genau an, wo einmal die Holzpfosten der Hütten gestanden haben. So können die Archäologen die Größe der Gebäude bestimmen.

"In einem der Gerinne, wo der Boden weniger sandig ist, haben wir sogar noch komplett erhaltene Pfosten gefunden, um die noch Ruten geschlungen waren", sagt Speckmann. Einer der Höhepunkte der Grabung war der Fund einer über 1500 Jahre alten Fischreuse, die mit Hilfe der Feuerwehr nach Münster transportiert wurde. Immer wieder gefunden werden Keramik, Münzen und Fibeln, Schnallen mit Nadeln, mit denen die Kleidung zusammengehalten wurde. Eine von diesen Fibeln zeigt zwei Delphine.

Bevor die Fundstücke den Weg in eine Ausstellung finden, werden sie restauriert und katalogisiert. Elisabeth Dickmann arbeitet im Magazin seit einem Jahr mit einem Kollegen daran, möglichst viele Daten in das "Barcodesystem" einzuspeisen. "Wir haben hier ungefähr 200 000 Kartons mit Funden aus unserem Zuständigkeitsbereich. Kein Wunder, wenn man hier mal den Überblick verliert", schmunzelt die 53-Jährige.

Doch damit genau das nicht passiert, haben die Maßwerke in Münster, ein Zusammenschluss von Archäologen, Designern und Informatikern, eine Datenbank entwickelt, in der die Funde digital erfasst werden. Möglichst bald sollen die Server des Instituts in Münster mit denen der Außenstellen verknüpft werden, diese können dann über das System anfragen, ob das gesuchte Objekt verfügbar ist. Beim Einscannen des Barcodes erscheinen Regalreihe, Regal, Fach und Kiste auf dem Monitor mit einer Objektbeschreibung und Angaben zur Verfügbarkeit. "Das Barcodesystem ersetzt die stundenlange Sucherei in Prospekten und Katalogen. Man spart eine Menge Zeit", sagt die Archäologin.

Wenn die Fundstücke ausgegraben, skizziert, fotografiert, verpackt, restauriert und katalogisiert sind, können sie an Museen und Ausstellungen weitergegeben werden. "Wir möchten ein reales Lebens- und Landschaftsbild zeigen können. Die Leute sollen sehen, wie ihre Vorfahren gelebt haben", sagt Speckmann, während sie auf ein von den Archäologen gebautes Modell eines Gehöfts deutet. "Die meisten Besucher von Ausgrabungen sind immer wieder erstaunt, wenn sie merken, dass in ihrer Wohngegend schon vor über tausend Jahren Menschen siedelten."

Informationen zum Beitrag

Titel
Wo die Holzpfosten der Germanenhütten standen
Autor
Annalena Baasch
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.04.2011, Nr. 93, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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