Unbeschreibliche Sekundenflüge

So hoch wie möglich müssen sie springen, denn die Flugdauer der Trampolinspringer fließt in die Wertung mit ein. Dafür geben die saltofreudigen Nachwuchssportler in Stuttgart alles.

Es sieht so aus, als würde das Gesetz der Schwerkraft nicht gelten. Ein blondes Mädchen in schwarzen Hotpants und zwei junge Männer mit kurzen, braunen Haaren springen scheinbar ohne Anstrengung bis fast an die acht Meter hohe graue Hallendecke. Man hat Angst, dass sich einer der beiden Jungs den Kopf anstößt, während er Salti schlägt und Schrauben dreht. Doch keiner der drei landet auf dem Rand des Trampolins oder gar auf den blauen und ockerfarbenen Matten. Selbst ein Doppelsalto sieht bei ihnen spielerisch einfach aus.

Doch Leonie Adam, Oliver Amann und Immanuel Kober sind hochkonzentriert, sie springen ja auch nicht nur zum Spaß auf dem Trampolin herum. Fünfmal in der Woche kommen sie ins Leistungszentrum der Sportschule Stuttgart-Ruit. Hier trainieren nur die Besten. Nationaltrainer Michael Kuhn beaufsichtigt zurzeit fünf davon: Neben den dreien sind es noch Karsten Kuritz und Lara Hüninghake. Sie alle trainieren täglich, denn die Figuren wie der "Miller", ein Doppelsalto rückwärts mit drei Schrauben, sind kompliziert. In seinem schwarzweißen Trainingsanzug hilft der 46-jährige Kuhn mit dem Wissen und der Erfahrung, die er während seiner aktiven Trampolinlaufbahn zwischen 1982 und 1992 gesammelt hat. "Jedes kleine Kind träumt doch einmal davon, so durch die Luft zu fliegen und Salti zu schlagen, wenn es Zu Hause auf seinem Bett herumhüpft", schwärmt der zweimalige Vizeweltmeister mit den blauen Augen und den braunen kurzen Haaren "Das ist ja auch wirklich ein geiles Gefühl. Die zwei Sekunden Flugphase, in denen man so viele verschiedene Bewegungen machen kann, sind einfach unbeschreiblich." Heute bleibt Kuhn, der seinen Wohnsitz von Mögglingen, einem Dorf am Rande der Ostalb, nach Stuttgart verlegt hat, allerdings mit beiden Beinen fest auf dem Hallenboden. "Ich springe nicht mehr. Außer wenn ich mal etwas zeigen müsste, aber meine Leute sind so gut, dass ich denen gar nichts mehr zeigen kann."

Kuhn, der parallel zu seiner Trampolinkarriere in München ein Sportstudium absolvierte, ist seit 1997 als Cheftrainer beim deutschen Turnerbund angestellt. Er trainiert täglich seine Athleten und stellt die Nationalmannschaft zusammen, die weitgehend aus den vier Bundesstützpunkten des Trampolinturnens kommen, also Bad Kreuznach, Frankfurt, Salzgitter und Stuttgart-Ruit. Der dreifache Familienvater ist ungefähr 100 Tage im Jahr unterwegs zu Wettkämpfen und Lehrgängen. Auch die Sportschule Ruit bietet Lehrgänge an, fürs Trampolinturnen sowie für andere Turndisziplinen. Im Leistungszentrum herrschen beinahe optimale Trainingsbedingungen. Lediglich die Hallenhöhe wird in Zukunft Probleme bereiten, denn es gibt immer wurfkräftigere Trampoline. Dazu kommt noch, dass ab diesem Jahr die "Time of flight", also die Flugdauer des Athleten, direkt in die Wertung einfließt, was im Klartext heißt, dass man so hoch wie möglich springen sollte. Im Zuge spezieller "Talentsichtungen" in den umliegenden Vereinen werden Kinder eingeladen, es doch mal mit dem Trampolinturnen zu versuchen. Eine turnerische Grundausbildung ist zwingend erforderlich, erklärt Kuhn, dort würden die Grundlagen, wie Körperspannung und Beweglichkeit erlernt. "Wir versuchen allerdings, die Bandbreite der Leistung bei den ganz Kleinen im Alter von sechs bis zehn Jahren möglichst groß zu halten, da wir ja nicht wissen, wie sich die Kinder entwickeln und da ohnehin eine gewisse Ausstiegsquote besteht."

Selbstdisziplin und Ehrgeiz gehören dazu. "Man selbst findet seine Sprünge niemals perfekt", sagt die 18-jährige Leonie Adam, die seit 10 Jahren auf dem Trampolin turnt. "Man will sich immer verbessern und dazulernen." Sie trainiert bis zu achtmal in der Woche. Neben der Arbeit auf dem Trampolintuch kommen Kraft- und Konditionstraining dazu. Seit 2009 geht Leonie deswegen auf die Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule, eine Sportschule, auf der sie nur 20 Schulstunden in der Woche besuchen muss. Auch dass sie 20 bis 30 Tage im Jahr wegen Wettkämpfen und Lehrgängen fehlt, stellt kein Problem dar. Zeit für Freunde ist knapp. Ernsthaft verletzt hat sie sich bei ihrem Sport noch nie. "Rückenschmerzen nach der Winterpause sind jedoch fast normal, aber das geht schon", erklärt die Stuttgarterin nüchtern. Vergangenes Jahr nahm sie mit Oliver Amann an der ersten Jugendolympiade in Singapur teil. Oliver belegte den 5. Platz, sie den 12. Nach dem Pflichtteil, der wie die Kür aus zehn Sprüngen besteht, befand sie sich zwar auf Rang 6, bei der Kür kam sie jedoch auf dem Rand des Trampolins auf. Deshalb wurde die Übung als abgebrochen betrachtet.

Wenn man zusieht, wie sie einen "Halbein-Halbaus", also einen Doppelsalto mit einer Schraube turnt oder einen Doppelsalto mit eineinhalb Schrauben, den "Fliffisrudi", kann man sich nicht vorstellen, wie sie das hingekriegt. "Das Trampolinturnen kann man sich ungefähr so vorstellen wie Lego", erklärt Kuhn. "Die einzelnen Sprünge bauen aufeinander auf wie eben die kleinen Legosteine, und nach und nach entsteht etwas Großes und Komplexes. Jedoch geht es natürlich nicht ganz ohne Quälerei." Wie bei anderen Sportdisziplinen auch müsse man an seine Grenzen gehen und diese auch überschreiten können.

Informationen zum Beitrag

Titel
Unbeschreibliche Sekundenflüge
Autor
Verena Teuber
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.04.2011, Nr. 97, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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