Fiesta auf den Schulfluren

Der Lerneifer der Schüler in El Casar de Talamanca scheint überschaubar. Zu viele sind überzeugt, auch ohne Bildung gut durchs Leben zu kommen.

Tief hängt der Vollmond über den Gipfeln der Sierra de Guadarrama. Auf der gegenüberliegenden Seite der Ebene geht die Sonne hinter nebeligen Wolken auf. Um Punkt halb neun schrillt die Klingel. Die Schüler trotten langsam zur ersten Stunde in ihre Klassenzimmer. Es ist Freitagmorgen, die Motivation ist nicht besonders groß, es locken das Wochenende und das Bett daheim. Die Gesamtschule liegt am äußersten Rand von El Casar de Talamanca zwischen den Tälern des Jarama und des Henares, nur 40 Kilometer von Madrid entfernt. Der Prototyp einer Kleinstadt in der spanischen Autonomen Gemeinschaft Kastilien-La Mancha besitzt eine Stierkampfarena, eine Kirche mit Storchennest und zwei Gesamtschulen. Eine davon, das Insitituto Juan García Valdemora, ist ein relativ modernes Gebäude aus dem Jahre 2006. H-förmig, mit großzügigem Innenhof und angrenzender Sporthalle soll es den 510 Zwölf- bis Sechzehnjährigen die Grundlagen der modernen Wissenschaften, der spanischen Literatur, Geschichte und der Künste beibringen.

Im Zimmer B11 sitzt die 4ºB - vergleichbar mit einer zehnten Klasse in Deutschland - in ihren Bänken und versucht die Stöchiometrie-Aufgaben zu lösen. Denksport, um den Geist aufzuwärmen. Bei Abschluss der vier Jahre dauernden Educación Secundaria Obligatoria hat man die Möglichkeit, entweder einen Beruf zu erlernen oder auf der gleichen Schule das Bachillerato zu besuchen, um nach zwei Jahren eine dem deutschen Abitur ähnliche Prüfung abzulegen. Die meisten der insgesamt 23 Schüler der 4ºB möchten die Selectividad machen, also das Abitur. Vor allem jetzt, da Spanien schwer von der Wirtschafts- und Finanzkrise gezeichnet ist, ist ihnen klargeworden, dass gute Bildung die einzige Möglichkeit ist, um auf dem harten Arbeitsmarkt bestehen zu können. Das war nicht immer so.

Der Bauboom vor der Krise bewirkte einen unglaublich hohen Bedarf an Arbeitskräften in dieser Branche. Die Jugendlichen brachen die Schule ab und fingen an, als Stuckateure oder Maurer zu arbeiten, bedauert die Klassenlehrerin der 4ºB, Paloma Vázquez Valdivia. Ausbildung hätte man nicht gebraucht, weder Allgemeinbildung noch Fremdsprachenkenntnisse. "Deshalb war es so einfach, in die Baubranche hineinzukommen." Dann aber kam die Krise und legte die Baustellen lahm. Tausende von angefangenen Projekten werden immer mehr zu Ruinen und sind das beste Beispiel für die Selbstüberschätzung Spaniens. Bauarbeiter, der Traumjob von einst, wurden arbeits- und perspektivlos. "Diese Leute haben es jetzt extrem schwer, ohne Schulabschluss wieder Arbeit zu finden." Was Vázquez Valdivia aber am meisten bedauert, ist, dass diese Mentalität, dieser Aberglaube, auch ohne abgeschlossene Ausbildung einen Job zu finden, noch tief in der Gesellschaft verankert ist, und zwar vor allem bei den jüngeren Schülern. "Spanische Schüler sind faul", sagt die 18-jährige Belinda Méndez del Valle. Intelligent, aber faul, das sei wohl das Hauptproblem der spanischen Jugend.

"Wir möchten das, was alle wollen: ein Auto und eine hübsche Freundin." Luis Fernando Ochoa Diaz lacht, als er das sagt. Er scheint sich wohl selbst nicht ganz ernst dabei zu nehmen. Auch wenn man Klischees nicht immer glauben sollte, so ist zumindest eines über die Spanier goldrichtig: Sie lieben die Fiesta. Während der Pausen läuft in den Fluren des Instituto moderne Musik, und ein paar der Schüler fangen an zu tanzen. Auch sonst ist das Gebäude mit einem deutschen Gymnasium oder einer Realschule kaum zu vergleichen: Die Caféteria mutet eher einer Bar als einer Mensa an. Eine Tiefkühltruhe mit Eis steht gleich am Eingang, darüber hängt ein Flachbildschirm, auf dem ein Nachrichtensender läuft. Die Wände sind bunt gestrichen.

Ein solches Umfeld müsste eigentlich motivieren. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. "Es mangelt hier vor allem an Disziplin, Respekt vor dem Lehrer und gutem Benehmen." Doch Carmen Gallardo Pérez scheint deswegen keineswegs deprimiert zu sein. Vielmehr scheint sie es noch mehr anzuspornen, einen möglichst interessanten Unterricht zu gestalten und ihre Schüler für die französische Sprache zu begeistern. Gerade liest sie mit der Klasse das Buch "Du lait au fiel" von Lidia Parodi und Marina Vallacco. Fünfte Stunde, die Rollläden sind fast ganz heruntergelassen. Die zehn Schüler müssen Kapitel vier übersetzen und haben sichtlich Schwierigkeiten damit. Carmen Gallardo Pérez hilft, wo sie kann, und motiviert immer wieder aufs Neue. "Was bedeutet héritier?", fragt eine Schülerin. "Erbe", entgegnet ihre Nachbarin und erntet ein Lob der Lehrerin. "Seht ihr, ihr könnt viel mehr, als ihr meint." "Schon, Lehrerin, aber wenn ich's nicht versteh', muss ich dich eben fragen." Da wäre auch schon die nächste Besonderheit der spanischen Schulen: das Duzen.

Man spricht hier grundsätzlich jeden mit Vornamen an, den Direktor, die Putzfrau, die Lehrer, sie werden meist nur "profe", Lehrer, genannt. "Der Respekt drückt sich nicht in der Art zu reden aus, sondern in dem, was man sagt", erklärt Vázquez Valdivia, und Gallardo Pérez fügt hinzu, dass das Duzen in allen Gesellschaftsbereichen vorkomme. "Auch heutzutage gibt es noch einige ältere Lehrer, die von ihren Schülern erwarten, gesiezt zu werden. Aber die spanische Gesellschaft hat sich geändert und mit ihr die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern."

Das spanische Schulsystem gilt als eines der schlechtesten in ganz Europa, das in jeder Hinsicht reformiert werden muss. Der Direktor des Instituto Juan García Valdemora, Javier Reyes del Barrio, würde sich schon mit der Reduzierung der Vorschriften zufriedengeben. Doch die Lehrer fordern mehr: früheren Beginn mit Fremdsprachen, mehr Lehrer für kleinere Klassen, mehr Unterrichtsmittel und vor allem eine andere Unterrichtsform.

"Die Schüler müssen unabhängiger sein, Selbstverantwortung tragen und lernen, selbständig zu denken", verlangt die Spanischlehrerin Gema Paramio de la Guía. Die 36-Jährige gab jahrelang Spanischstunden für Deutsche, Japaner und Chinesen in Madrid. Daher sei sie ernstes und verantwortungsbewusstes Arbeiten gewöhnt. "Im Allgemeinen arbeitet man sehr gut mit deutschen Schülern."

Allerdings ist nicht alles im spanischen Schulsystem schlecht. Die Vorschulerziehung ist so gut ausgebaut, dass mehr als 90 Prozent der dreibis sechsjährigen Kinder eine sogennante Educación Preescolar besuchen, in der sie einen geregelten Stundenplan haben. Diese Kinder können vor dem Eintritt in die sechsjährige Grundschule lesen, schreiben und einfache Rechenaufgaben lösen. In den Schulen ist ein Computersystem installiert. So können sich Eltern des Instituto Juan García Valdemora über die Internetseite der Schule darüber informieren, ob ihre Kinder gerade den Unterricht besuchen oder ob sie schwänzen. "Wir hatten, seit die Schule 2006 eröffnet wurde, noch nie ein Problem mit Schulschwänzern, und das nur wegen dieser Initiative." Man hofft auf mehr Disziplin und mehr Schüler mit einem besseren Abschluss. Wie sagt der Schüler Alberto Matellán Borrás: "Es ist besser, der Kopf Europas zu sein, als das Hinterteil."

Informationen zum Beitrag

Titel
Fiesta auf den Schulfluren
Autor
Laura Rodriguez Knödler
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.05.2011, Nr. 103, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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