Ehrgeizig und nett

Als sich im Jahr 1990 die Sowjetunion auflöste, war es für Bulgaren möglich, in den Westen auszuwandern. Todor Krazanov, der Vater der 18-jährigen Marija und der 16-jährigen Radina, stellte aufgrund der katastrophalen Wirtschaftslage Bulgariens einen Asylantrag. Alleine reiste er nach Deutschland. Zugewiesen wurde ihm als Wohnsitz Carlsberg, ein Dorf in der Pfalz. Nachdem er sich als gelernter Schlosser selbständig gemacht hatte, folgten ihm, nur vier Monate später, seine Frau Tzwetanka und ihre älteste Tochter Luba, die heute 24 Jahre alt ist. "In den Jahren 1992 und 1994 wurden ich und meine jüngere Schwester dann in Deutschland geboren", sagt Marija. Doch nachdem die Demokratie in Bulgarien eingeführt wurde und sich die politische, soziale und wirtschaftliche Lage verbesserte, entschied sich Familie Krazanovi nur ein paar Jahre später, zurück in ihr Heimatland zu gehen.

Mit einer großen Obstplantage erhofften sich Todor und Tzwetanka eine neue Existenz aufbauen zu können. Doch die harte Arbeit zahlte sich nicht aus. Nach der Ernte blieb nicht viel übrig, um alle ernähren zu können. "Leider wurden unsere großen Erwartungen auf ein besseres Leben in Bulgarien nicht erfüllt", sagt Marija. Als 2007 Bulgarien der EU beigetreten war, stand für die Krazanovis fest, zurück nach Carlsberg zu gehen. Dort hatte die Familie bereits gute Kontakte geknüpft. "Nur Luba Nemcheva, unsere älteste Schwester, blieb in Bulgarien zurück", sagt Marija wehmütig. Nachdem Luba bereits vier Jahre in Deutschland zur Grundschule gegangen war, beherrschte sie die Sprache. Heute arbeitet sie als Ingenieurin in einer amerikanischen Firma.

Als Marija und Radina, zwei schlanke Mädchen mit dunklen großen Augen und schwarzen, langen Haaren, im Sommer 2007 von ihrer Mutter in der Dualen Oberschule in Eisenberg in der Pfalz angemeldet wurden, hatten sie kaum Deutschkenntnisse. Schon als ihnen die Sekretärin schöne Sommerferien wünschte, wusste Marija genau, dass diese Ferien keinen Spaß bringen würden. "Wir hatten nur diese sechs Wochen Zeit, um unsere neue Landessprache einigermaßen zu erlernen." Doch Sprachen lernen fällt ihnen leicht. "Wir sprechen beide fließend Englisch, Bulgarisch und mittlerweile auch Deutsch. Ich spreche außerdem noch sehr gut Russisch und seit zwei Jahren ein wenig Französisch. Meine jüngere Schwester Radina und ich können uns ebenso auf Mazedonisch verständigen." Das Schulsystem in Bulgarien unterscheidet sich erheblich vom deutschen. Man besucht bis zur achten Klasse meist die gleiche Schule. Danach kann man sich zwischen einer Wirtschaftsschule, einem Technikum oder einem Gymnasium entscheiden.

Als Marija in Eisenberg in die neunte Klasse kam, musste sie fast ein Jahr lang nicht viel Neues lernen. "So konnte ich mich auf die deutsche Sprache konzentrieren. Logischerweise lag ich in Fächern wie Deutsch, Sozialkunde und Geschichte deutlich zurück", sagt die ehrgeizige Marija. Ihr bulgarisches Abschlusszeugnis hatte einen Notendurchschnitt von 6,00. "Nicht erschrecken. Das entspricht der deutschen Note 1,00", lacht Marija. Während Radina zuerst eine multikulturelle Klasse besuchte, war Marija die Einzige ihrer Klasse, die kein Deutsch verstand. "Mit unseren Mitschülern unterhielten wir uns zuerst auf Englisch." Schulleitung und Lehrer unterstützten die wissbegierigen Schülerinnen, wo sie nur konnten. "Wir werden deshalb den Lehrern immer sehr dankbar sein", sagen beide.

"Es kam öfters zu lustigen Situationen. So zum Beispiel sagte ich einmal, als es blitzte und donnerte: ,Ah, Dönerwetter!' Für mich war es logisch, die Mehrzahl von Donner ist doch Döner", sagt Marija amüsiert. Mittlerweile geht die selbstbewusste Radina in die zehnte Klasse und wurde 2009 zur Schülersprecherin gewählt. "Nach der zehnten Klasse wechsle ich auf das Wirtschaftsgymnasium in Eisenberg", sagt Radina stolz. Nachdem sie ein Betriebspraktikum bei einer Bank absolviert hat, möchte sie Bankfachwirtin werden.

Marija wechselte 2009, als Zweitbeste ihres Jahrgangs mit einem Abschlussnotendurchschnitt von 1,15, aufs Gymnasium. Wie ihre jüngere Schwester ist auch sie zur Schülersprecherin gewählt worden. Zu ihren Hobbys gehört neben dem Volleyballspielen im Verein auch das Lesen von Büchern. Natürlich waren viele Faktoren ausschlaggebend, sich so schnell einzugliedern. Sicher half ihnen dabei ihre nette, freundliche Art, ihre Intelligenz sowie ihr großer Ehrgeiz.

Auch wenn in den Nachbargemeinden vier andere bulgarische Familien leben, so hat Familie Krazanovi heute kaum Kontakt zu ihnen. "Wir haben mittlerweile überwiegend deutsche Freunde. Wir werden immer sehr gerne Urlaub in Bulgarien machen, unsere Familie und Freunde treffen. Aber wir haben vor, hier in Deutschland zu bleiben." Dafür gebe es viele gute Gründe, sagen die Schwestern: "Wir werden kein Geheimnis verraten, wenn wir sagen, dass auch die Lebensqualität der Menschen sehr unterschiedlich ist. Während in Bulgarien die Unterschiede zwischen Arm und Reich teilweise sehr groß sind, achtet man hier mehr darauf, dass alles ausgeglichen ist."

Informationen zum Beitrag

Titel
Ehrgeizig und nett
Autor
Florian Wessendorf
Schule
Leininger-Gymnasium , Grünstadt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.05.2011, Nr. 109, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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