Durch Überspringen ins seelische Gleichgewicht

Viele Eltern wünschen sich ein Kind, das gerne lernt und gute Noten nach Hause bringt. Paul Wittesch könnte als Wunschkind vieler gelten. Der große Zehnjährige mit den aufmerksamen braunen Augen hat mit sechs Jahren die erste Klasse der Grundschule Hoheneck in Ludwigsburg übersprungen. Ein Jahr später folgte der Sprung von der zweiten in die vierte Klasse. "Er hat keinerlei Probleme beim Einprägen von Gedichten oder Vokabeln", sagt sein Vater, der 43 Jahre alte Berufsberater Robert Wittesch. "Während sich andere Kinder mit Vokabel- und Mathepauken quälen müssen, liebt Paul es, Neues zu erlernen." Paul erzielt in allen Fächern gute bis sehr gute Noten.

So gesehen scheint es, als habe Paul seinen Mitschülern gegenüber wegen seiner Hochbegabung große Vorteile. Doch der Junge mit den kurzen dunkelblonden Haaren fühlt sich seinen Mitschülern gegenüber keinesfalls überlegen. "Da ich zwei Klassen übersprungen habe, muss ich mich nun auch anstrengen und lernen. So habe ich keine Vorteile, aber auch keine Nachteile den anderen in meiner Klasse gegenüber." Inzwischen besucht er die sechste Klasse des Königin-Olga-Stifts in Stuttgart. "Das ist ein ganz normales Gymnasium", erklärt seine Mutter, die 41-jährige Krankenschwester Peggy Wittesch. "Wir wollten Paul nicht auf eine Hochbegabtenschule schicken. Denn dort sind auch oft Kinder mit sozialen Rückständen, die Paul hingegen nicht aufweist. Sein Gymnasium hat kleine Klassen, eine naturwissenschaftliche Ausprägung und eine Wahlmöglichkeit für einen Bilingualzug. Diese Komponenten überzeugten uns und auch Paul."

Doch so positiv lief es nicht immer. "Als ich in die vierte Grundschulklasse kam, bin ich von den anderen kaum akzeptiert worden", berichtet der Junge. "Er stieß leider auf völlige Ablehnung seiner neuen Mitschüler", bedauert seine Mutter. "Doch komischerweise hat ihm das kaum etwas ausgemacht. Paul konzentrierte sich in dieser schwierigen Zeit ausschließlich aufs Lernen. Er war froh, endlich wieder genügend Futter für seinen Kopf zu bekommen." Paul schildert das ähnlich. "In der neuen Klasse fand ich leider kaum Freunde. Dafür aber in meinem Schachverein." Schachspielen ist seit fünf Jahren sein Hobby. Seine Mutter hat es ihm auf seinen Wunsch beigebracht. Paul siegte beim Schulschachturnier seiner Grundschule und ist heute Mitglied in einem Schachverein. Regelmäßig nimmt er an Schachturnieren teil. "Ich habe schon einige Medaillen und sogar Pokale gewonnen." Stolz zeigt er seine Trophäensammlung. "In der Zeit, als Paul in seiner vierten Klasse auf wenig Akzeptanz gestoßen ist, war das Schachspielen ein guter Ausgleich für ihn", sagt Peggy Wittesch.

Schon im Kindergarten hatten die Eltern Verhaltensauffälligkeiten bei ihm bemerkt. "Zu dieser Zeit verhielt sich Paul ebenfalls unausgeglichen und aufmüpfig", berichtet Robert Wittesch. "Paul zeigte sich Gleichaltrigen und auch seiner Schwester Emily gegenüber enorm aggressiv und ließ sich sogar in Konflikte mit anderen verwickeln, was sonst gar nicht seine Art ist." Nach Gesprächen mit Psychologen und Beratungslehrern fanden die Witteschs endlich den Grund. "Er war im Kindergarten schlichtweg unterfordert. Die Lösung war schließlich das Überspringen der ersten Klasse. Paul blühte in der zweiten Klasse regelrecht auf." Doch schon nach einem halben Jahr trübte sich Pauls gute Stimmung, wieder erwies sich die Versetzung in die vierte Klasse als gut für sein seelisches Wohl. "Es ging bei Paul nie darum, ihn zu belohnen, weil er so ein tolles schlaues Kind ist", betont sein Vater. "Es ging allein um seine seelische Gesundheit, die durch das Überspringen wieder ihre Mitte finden sollte."

In der vierten Klasse wollten die Witteschs endlich Gewissheit über die kognitiven Fähigkeiten ihres Sohnes und ließen ihn an der Universität in Tübingen auf Hochbegabung prüfen: Der Test ergab, dass Pauls sprachliche Fähigkeiten überdurchschnittlich gut sind, in naturwissenschaftlichen Gebieten eine Hochbegabung vorliegt. "Der Test brachte uns nun endlich Klarheit", sagt Robert Wittesch. "Trotzdem empfehle ich sozusagen nur in höchster Not, das Kind testen zu lassen. Das Kind bekommt einen Stempel aufgedrückt, ein Stigma." Im Bekanntenkreis stieß das Ergebnis nicht immer auf Verständnis, sagt Peggy Wittesch. "Ich musste mir Sätze anhören, wie ,Wenn andere Kinder draußen spielen, müssen deine wohl drinnen sitzen und lernen.' Das verletzt einen natürlich sehr."

Auch Emily lernte überraschend schnell, ordnete sich aber Gleichaltrigen unter und zeigte im Umgang mit anderen keine Auffälligkeiten. Nur daheim erwies sie sich als unausgeglichen und ungewohnt aufbrausend. Da auch bei ihr der Test eine Hochbegabung ergeben hatte, wurde sie im Alter von fünf Jahren eingeschult und sprang später von der zweiten in die vierte Klasse. "Da suchst du natürlich bei dir nach Selbstkritik, wenn jetzt auch noch das zweite Kind hochbegabt ist", sagt Peggy Wittesch.

Paul hat sich zum Beispiel das Lesen selbst beigebracht, als er noch im Kindergarten war. Auch kannte er bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 alle teilnehmenden Staaten inklusive Flagge und Hauptstadt auswendig, ebenso eine riesige Zahl an Dinosaurierarten mit lateinischen Namen. "Beigebracht hat er sich das alles selbständig und aus eigenem Willen", betont sein Vater. Sozial wies Paul jedoch Schwächen auf und wurde im Kindergarten ein Jahr zurückgestellt, er war introvertiert und schüchtern. Heute hat Paul in der Schule und im Schachverein einige Freunde. Trotzdem zeigt er sich weniger kontaktfreudig und gesellig. "Paul ist auch ganz gern allein", sagt seine Schwester. "Dann liest er, spielt Klavier oder geheim." Was genau "geheim spielen" ist, weiß keiner so genau. "Paul spielt das meistens in seinem Zimmer oder im Garten. Er kämpft dann mit einem Stock gegen einen Gegner, den es eigentlich gar nicht gibt. Ich glaube, der Stock ist Pauls Lieblingsspielzeug." Seine Eltern bestätigen das. "Wenn er etwas von Lego geschenkt bekommt, dann freut er sich natürlich darüber. Er baut es auf, doch dann spielt er nicht damit. Viel lieber nimmt er einen Stock zur Hand und kämpft damit gegen imaginäre Gegner. Er hat eine blühende Fantasie. Und genau diese hilft ihm dabei, sich Neues einzuprägen und anzuwenden", sagt sein Vater.

"Viele Eltern eines Hochbegabten stellen ihr Kind auf einen Sockel. Es wird zum Mittelpunkt der Familie und des gesamten Familienlebens. Das Kind wird übermäßig gefördert, oft gegen seinen eigenen Willen. Das versuchen wir zu vermeiden", sagt Peggy Wittesch. "Ich glaube, Paul und Emily wissen nicht einmal, dass sie hochbegabt sind. Diese Sache wurde bei uns nie groß diskutiert. Denn jedes Kind ist ein Geschenk, ob nun hochbegabt oder nicht."

Informationen zum Beitrag

Titel
Durch Überspringen ins seelische Gleichgewicht
Autor
Sophie Bamler
Schule
Goethegymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.05.2011, Nr. 121, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

  • 54359734

    Zahl ausländischer Wissenschaftler und Studierender gestiegen

    › Zum Artikel

  • 54360031

    Mütter kehren schneller in familienfreundliche Betriebe zurück

    › Zum Artikel

  • 54358221

    Neuseeländisches Unternehmen führt die Vier-Tage-Woche ein

    › Zum Artikel

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180