Schwitzend in der Menge

Es ist anstrengend in Moskau, sich fortzubewegen. Vor allem im Sommer, wenn das Thermometer im U-Bahn-Waggon 35 Grad Celsius anzeigt. Leonid Mazin nimmt uns mit in den Moskauer Untergrund. Es ist heiß. Sehr heiß. Fast unmenschlich heiß in Moskau. Leonid Mazin schließt die Haustür hinter sich und macht sich auf den Weg zur 350 Meter entfernten U-Bahn-Haltestelle Dynamo im Moskauer Norden. Nur wenige Schritte später läuft ihm der Schweiß die Stirn und den Rücken runter, die Sonne zeigt auch an diesem Julitag den Moskauern keine Gnade. "Als 64-Jähriger sollte man im Sommer in Moskau in nur wirklich dringenden Fällen vor die Tür gehen", sagt der nassgeschwitzte Leonid.

Für Leonid ist es so dringend wie auch alltäglich: Er muss zur Arbeit. Wie auch 8,5 Millionen andere Moskauer täglich macht er sich mit Hilfe der U-Bahn auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz. "Im Sommer ist es nahezu unerträglich, und man sehnt den Ruhestand schneller als sonst herbei", sagt der Geschäftsmann und sucht Schutz unter dem Sonnenschirm eines Eisstands. Dann geht es endlich runter in das alltägliche Abenteuer Moskauer U-Bahn.

Es ist erst 7.30 Uhr in der Früh, im Moskauer Untergrund herrscht schon Hochbetrieb. Jeder, der im noch chaotischeren Autoverkehr nicht zurechtkommt oder kein Auto besitzt, hat keine andere Wahl als die relativ zuverlässige U-Bahn zu benutzen, was sich auch als praktisch erweist, da die Züge alle 40 bis 50 Sekunden kommen. Leider ist der Fahrkartenkauf schwierig. "Bei den vielen Menschen hier ist es enorm stressig und schwierig, sich eine gute Ausgangsposition für die Fahrkartenkasse zu ergattern. Da kann es auch schon mal sein, dass man bis zu 30 Minuten auf sein Ticket warten muss." Das liegt auch daran, dass es in der Moskauer U-Bahn keine Monats- und Wochenkarten gibt. Ist der Ticketkauf am Schalter geschafft, geht es auf der Rolltreppe geschätzte 150 bis 200 Meter in die Tiefe. Unten angekommen, wächst der Stressfaktor immens. Der Lärmpegel steigt enorm, parallel dazu auch die Kopfschmerzen der Fahrgäste.

"Es ist die Kombination aus Lärm, Menschenmassen und der unsäglichen Hitze, die den Menschen hier unten nicht nur schlechte Laune, sondern in nicht seltenen Fällen auch gesundheitliche Probleme bereitet." Der Krach, vor allem das Getöse in den Waggons, wirkt bedrückend. Darauf führt auch Leonid Mazin, ein eingefleischter Automuffel und Metrofahrer, seine chronische Müdigkeit zurück.

Aber auch andere Dinge führen zu genervten Fahrgästen. "Nicht nur den Augen, auch der Nase kann der unfreiwillige Nachbar schon mal missfallen, das ist keinesfalls eine Seltenheit. Vor allem in den Stoßzeiten kann man schon mal am eigenen Leib spüren, wie dick der Geldbeutel des Nachbarn ist oder ähnliches." Kein Wunder also, dass derart große Nähe auch schon mal zu Klaustrophobie führen kann. Dies kann auch zu Panikattacken oder in extremen Fällen auch zu Paranoia, also Verfolgungswahn, führen. Es sind auch Fälle von Fahrgästen bekannt, die unter Kleptophobie leiden. Das bedeutet, die Menschen haben schlicht und einfach Angst, beklaut zu werden. Zu erkennen sind sie in der Regel dadurch, dass sie ihre Tasche vor dem Bauchnabel halten und ihren Blick nicht davon ablassen.

Mittlerweile ist Leonid an den alltäglichen Stress angepasst, aber keinesfalls dran gewöhnt. Wie es in einer Weltmetropole üblich ist, gestaltet sich kein Tag wie der andere, weshalb es schier unmöglich ist, entspannt und unberührt in die Moskauer U-Bahn zu steigen. Leonid hat das Glück, eine nicht zu lange Zugfahrt vor sich zu haben, sein Arbeitsplatz ist drei Haltestellen von Dynamo entfernt. In diesem Fall kann man wirklich von Glück sprechen. Denn in Moskau, mit seinen 177 Stationen, kann man auch schon mal mehr als zwei Stunden auf einer Linie verbringen, denn die längste Linie mit knapp 50 Kilometern ist eine der längsten der Welt.

Meistens kommt Leonid so gegen 20 Uhr nach Hause, doch abends ist in der Moskauer U-Bahn nicht so viel Chaos und Bewegung wie tagsüber, deshalb kehrt er entspannter heim, als er morgens das Haus verlässt. Das ist auch gut so, denn Leonid ist sich nicht sicher, wie lange seine Knochen noch den täglichen Moskauer Wahnsinn mitmachen. In einem ist sich Leonid Mazin jedenfalls absolut sicher: "Sobald ich in meinen verdienten Ruhestand eintrete, setze ich im Sommer keinen Fuß mehr vor die Tür. Für meine Frau mache ich vielleicht eine Ausnahme."

Informationen zum Beitrag

Titel
Schwitzend in der Menge
Autor
Boris Davidovski
Schule
Leibniz-Gymnasium , Dortmund
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.08.2011, Nr. 202, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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