Warum nicht die, die Schutz brauchen, aufnehmen?

Sara

Die Familie aus Bosnien hatte Glück im Unglück. Wegen der unterschiedlichen Religion des Ehepaares, der Mann ist Muslim, die Frau Christin, 1993 aus ihrem Heimatland vertrieben, gelangten sie nach Deutschland. Dort hatten die Goslarerin Uta Liebau und ihr Mann Till beschlossen, dem Aufruf der damaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth zu folgen und eine Familie aus dem kriegsgeschüttelten Jugoslawien über den Winter einzuquartieren. Über das Programm "Den Winter überleben" wurde die Familie von Kroatien, wohin sie geflohen war, nach Bonn gebracht, wo sie von Familie Liebau in Empfang genommen wurde. Dann die Ernüchterung: Der Landkreis Goslar versuchte die Aufnahme zu verbieten. Zusammen mit einer anderen Familie erkämpften die Liebaus das Recht, die bosnische Familie bei sich aufzunehmen, unter der Auflage, dass sie für ihre Gäste finanziell aufkamen. Aus dem Winter wurden drei Jahre, die Frau fand eine Anstellung als Reinigungskraft in der Arztpraxis von Till Liebau, der Mann arbeitete als Hausmeister in einer sozialen Einrichtung, die Tochter war Klassenbeste und sollte das Gymnasium besuchen. Nach dem Krieg wollte Bosnien die Familie nicht zurücknehmen, weil der Vater Muslim ist. 1997 wurden sie - nachdem ihre bosnische Heimatgemeinde von der Bundesregierung Wiederaufbaugeld erhalten hatte, von dem niemand weiß, wofür es letztlich verwendet wurde - doch noch in ihr Heimatland abgeschoben.

Uta Liebau ist Theologin, Hausfrau und Mutter dreier Kinder, die in den Flüchtlingskindern Spielkameraden fanden. Das Haus, in dem sie mit ihrem Mann und ihrem jüngsten Sohn lebt, ein großer Altbau am Rande der Stadt, hat schon vielen Flüchtlingen Platz geboten. Die 55-Jährige spricht voller Energie und Idealismus.

Beides braucht sie auch, denn ihr ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingsarbeit ist oft ein Vollzeitjob. Sie gehört zum Vorstand des Vereins "Leben in der Fremde e. V.", der Flüchtlinge unterstützt und berät, die nach Deutschland kommen. Sie begleitet die Migranten zu Behörden, hilft bei der Anmeldung zu Deutschkursen und Schulanmeldungen. Till Liebau ist für die gesundheitliche Betreuung der Flüchtlinge unentbehrlich, denn viele der Ankommenden sind durch ihr Schicksal krank. So haben sie durch die ständige Unsicherheit Magengeschwüre, Kreislaufprobleme und andere psychosomatische Erkrankungen. Viele scheuen Arztbesuche, weil sie dafür beim Sozialamt einen Antrag stellen müssen. Bei Problemen mit der Ausländerbehörde hilft Uta Liebaus Freundin, eine Anwältin. Auch mit der Kirche arbeitet Uta Liebau eng zusammen. "Wir brauchen junge Leute, warum schieben wir sie ab?", fragt sie. Die Sorge vor zunehmender Kriminalität durch einen höheren Ausländeranteil lässt sie nicht als Argument gelten. "Natürlich gibt es auch Kriminelle, aber deswegen können wir doch die anderen nicht im Stich lassen." Die hohe Kriminalität unter Ausländern betrachtet sie als hausgemacht und sieht die Ursachen im Arbeits- und Ausbildungsverbot für Geduldete und in der Praxis, den Asylempfängern kein Geld, sondern Lebensmittelgutscheine zu geben, was dazu führe, dass die Betroffenen nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben könnten. "Wenn man Leuten keine Chance gibt, dann züchten wir uns unsere Kriminellen selbst heran." Und sie kritisiert, dass Familien mitunter getrennt würden, obwohl im Grundgesetz der Familie der besondere Schutz des Staates garantiert werde. Eine Internetseite hat der Verein nicht, da schon mehrere Veranstaltungen von Ausländerfeinden durch Pöbeleien gestört wurden. Uta Liebau wurde auf der Internetseite der NPD vorgestellt, mit dem Vorschlag, sie ebenfalls abzuschieben.

Uta Liebau hat sich ein Arbeitszimmer eingerichtet. Hier sammelt sie Informationen und schreibt Briefe an Behörden und Politiker. Viele - wie zum Beispiel Volker Kauder, den sie schon mehrfach angeschrieben hat - antworten ihr nie. Was treibt sie an? "Jesus hat gesagt: Ich kam als Fremder zu euch, und ihr habt mich aufgenommen. Diese Worte nehme ich sehr ernst." 1979 ist sie legal aus der DDR ausgereist, dies hat ihr die Überzeugung gegeben, dass auch das scheinbar Unmögliche möglich werden kann. "Ich weiß, dass Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammenleben können, ich kenne so viele Beispiele. Warum sollte es dann nicht gehen, die, die Schutz brauchen, aufzunehmen?" Manchmal denkt sie ans Aufgeben. "Doch dann sage ich mir: Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein, aber immerhin ein Tropfen." Zu den vielen kleinen Erfolgen gesellen sich manchmal auch große. Die ersten Flüchtlinge, die sie kennen lernte, wohnen heute in Frankreich. Die Frau und die Kinder sind bereits französische Staatsbürger, der Mann wird in Kürze den Einbürgerungssprachtest absolvieren. Die Eltern haben Arbeit, die Tochter studiert in Strasbourg Erneuerbare Energien. "Schade", sagt Uta Liebau, "sie wären prima Deutsche geworden."

Informationen zum Beitrag

Titel
Warum nicht die, die Schutz brauchen, aufnehmen?
Autor
Ludger Wortmann
Schule
Christian-von-Dohm-Gymnasium , Goslar
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.09.2011, Nr. 220, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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