Im Taunus trainieren die Radfahrer für steile Alpenpässe

Einmal im Jahr macht Dieter Dreher mit elf Männern eine Radtour durch die Alpen. Manche halten die Truppe für bekloppt. Aber die zwölf nehmen die Strapazen gerne in Kauf.

Mit zunehmendem Alter wird es extremer, dass man sich etwas beweisen muss", sagt Elektriker Dieter Dreher aus Rüsselsheim. Der stellvertretende Elektrowerkstattleiter der Goethe-Universität in Frankfurt trägt eine Brille, die an den Innenseiten neongrün ist, tritt sportlich auf und trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "So gut kann man mit 50 aussehen". Seit einigen Jahren fährt er einmal im Jahr vier bis fünf Tage mit dem Rad durch die Alpen. Dieses Jahr ging die Tour 210 Kilometer von Garmisch-Partenkirchen durch das Wettersteingebirge, das Karwendelgebirge, das Rofangebirge und die Brandenberger Alpen bis nach Kufstein. Dabei legten die Teilnehmer rund 5000 Höhenmeter zurück.

Seit sechs Jahren veranstaltet die Ortsgruppe des Kreises Groß-Gerau vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub eine Alpentour. Die maximale Anzahl an Fahrradmitnahmemöglichkeiten der Deutschen Bahn begrenzt die Teilnehmerzahl auf zwölf Personen. Jede Tour hat eine große Vorplanungszeit, in der manche Teilstrecken getestet werden. Erstellt wird die Tour mit Karten und nur in speziellen Fällen mit Google Earth. Bevorzugt sind Natur- und Forstwege sowie Fahrradstrecken. "Straßen werden nur in den seltensten, unvermeidbaren Fällen eingeplant", sagt der 53-Jährige. Es kann natürlich vorkommen, dass die Strecke zu steil oder zu steinig ist. "Dann muss man sein Fahrrad eben schieben oder tragen." Außerdem sind sogenannte Notausgänge eingeplant, an denen die Tour frühzeitig beendet oder verkürzt werden kann. "Ein Notausgang ist zum Beispiel eine Bahnstation, wenn unvorhergesehene Zwischenfälle eintreten, wenn zum Beispiel einer die Strecke unterschätzt hat."

Insgesamt geht es nicht unbedingt um gefahrene Pässe und Höhenmeter, sondern darum, in der Gemeinschaft etwas zu schaffen. Ab März beginnen die Mitfahrer mit Trainingstouren in den Taunus und das Taunusvorland, um sich für die große Tour am letzten Augustwochenende vorzubereiten. "Man braucht vor allem Kondition für die zu fahrenden Höhenmeter." In den vergangenen sechs Jahren sind die Mitfahrer immer nur Männer gewesen, bis auf eine Frau. "Das hängt damit zusammen, dass die Touren sehr hohe Schwierigkeitsgrade haben, die zwischen vier und fünf Sternen liegen." Die Kosten für die Fahrradtour werden immer möglichst gering gehalten, zwischen 170 bis 250 Euro für die Zugfahrkarte, die Übernachtungen und Mahlzeiten. Beim Gepäck gilt immer: "So wenig wie möglich und so wenig Gewicht wie möglich." So nimmt jeder minimale Mengen an Kleidung mit, darunter schnell trocknende Funktionswäsche. "Dann bleibt mehr Platz für Müsliriegel und Magnesium", erklärt Dreher, der bei einer Tour in einem trockenen Sommer 2009 nur drei Kilo mit hatte, jedoch im darauf folgenden Jahr 12 Kilo. Auf der Hütte herrschten in jenem Jahr minus ein Grad, alle waren mit Mütze, Handschuhen und Fleece-Pullover ausgestattet.

Schmunzelnd berichtet er, dass einige sogar ihre Zahnbürste abschneiden, um weniger Gewicht zu haben. Lachend ruft seine Frau im Hintergrund: "Genau das hast du im letzten Jahr auch gemacht." Peinlich berührt verteidigt sich ihr Mann: "Das habe ich nur gemacht, damit die Zahnbürste in meine Brotdose passt, die ich zum Kulturbeutel umfunktioniert habe."

Während einer Tour kann es immer mal passieren, dass Reifen platzen, Sattel wegfliegen, Federn wegspringen oder Achsen brechen. Reparaturwerkstätten oder Läden mit Ersatzteilen sind oft sehr weit entfernt. So macht die Not erfinderisch. "Und man braucht natürlich auch handwerkliches Geschick und technisches Know-how." Oft beendet mindestens ein Mitfahrer seine Tour mit irgendwelchen improvisierten Fahrrädern. Zuvor wird abgesprochen, wer welches Werkzeug mitnimmt, um nicht alles in doppelt und dreifacher Ausführung dabei zu haben.

Bei den Rädern ist vom 600-Euro-Fahrrad bis zum 10 000-Euro-Fahrrad alles vertreten. Doch Dieter Dreher ist der Meinung: "Es kommt nicht auf das Material an, sondern auf den inneren Schweinehund." Er selbst fährt ein Fahrrad, das 2000 Euro gekostet hat. Vor zwei Jahren sei mal ein älterer Mann auf einem sehr guten Faltrad mit 20-Zoll-Reifen mitgefahren. "Der hat es auch überstanden."

Alle Teilnehmer sind zwischen 40 und 60 Jahren. "Vom Handwerker über den Beamten bis zum Manager ist alles vertreten. Dieses Jahr fuhr ausnahmsweise mal ein 20-Jähriger mit, das aber auch nur, weil sein Vater die Tour immer organisiert." Übernachtet wird in Hütten und Gasthäusern. Auf den Hütten gibt es, wenn überhaupt, nur kaltes Wasser, häufiger ist draußen nur ein Trog, um sich zu waschen, "was dem Spaß aber keinen Abbruch tut". Auch die Nächte in den großen Schlafräumen sind ertragbar, da jeder vom Tag so geplättet ist, dass er meist sehr schnell einschläft.

Während der Tour bleibt immer Zeit für Kaffee, Kuchen oder ein Bierchen. "Schniposa, also Schnitzel-Pommes-Salat, muss drin sein. Auch wenn das für die Weiterfahrt nicht immer sinnvoll ist." Die Gruppe macht lieber mehr Pausen. "Wir fahren dann nach hinten hin etwas länger in den Abend hinein, denn das Wichtigste an der ganzen Sache ist immer noch der Spaßfaktor." So geht es auch darum, an schönen Plätzen zu rasten. Oder einfach gemütlich zusammenzusitzen, inmitten einer großen Wiese die Natur zu genießen. Einige Kollegen und Freunde halten die kleine Truppe "für bekloppt" und fragen immer wieder, warum sie sich das antun. Dieter Dreher antwortet darauf: "Weil man danach stolz auf sich sein kann, dass man etwas erreicht hat."

Informationen zum Beitrag

Titel
Im Taunus trainieren die Radfahrer für steile Alpenpässe
Autor
Marie Dreher
Schule
Gustav-Heinemann-Schule , Rüsselsheim
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.2011, Nr. 231, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

  • 54359734

    Zahl ausländischer Wissenschaftler und Studierender gestiegen

    › Zum Artikel

  • 54360031

    Mütter kehren schneller in familienfreundliche Betriebe zurück

    › Zum Artikel

  • 54358221

    Neuseeländisches Unternehmen führt die Vier-Tage-Woche ein

    › Zum Artikel

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180