Teuflisches Vergnügen

Fight, Devils down the field, fight with your might and don't ever yield." Diesen ersten Satz des Fight Songs der Arizona State University (ASU) hat Mariam Salloum unzählige Male vernommen. Die Berlinerin studiert seit drei Jahren an der amerikanischen Universität und hat sich mit Leib und Seele dem Wasserballteam der Sun Devils verschrieben. Ob nun gegen die Nachbarn von der University of Arizona oder das Team aus Stanford, vor jedem Match wird die Hymne gespielt. Ungezwungen sitzt die 21-Jährige mit einer dunklen überdimensionalen Sonnenbrille im Außenbereich der Kantine der Schwimmgemeinschaft Neukölln Berlin. Hier ist während der Saison immer viel los. Unter Tellergeklapper berichtet sie über ihr Leben als amerikanische Studentin der Politikwissenschaften. Es sei oft nicht leicht, das Studium und den Sport zu verbinden. "Da muss man schon mal die Sportlerkarte gegenüber dem Professor einsetzen", erzählt sie mit breitem Lächeln. Denn wer an einer Universität einen Sport erfolgreich ausübt, hat auch Privilegien und weiß diese einzusetzen. Abschreiben oder schummeln werde aber nicht geduldet. Im ersten Jahr, auch Freshmen Year genannt, müssen außerdem acht Stunden in der Woche in der sogenannten Study Hall verbracht werden. Diese ist eigens für die Sportler konzipiert und schafft den nötigen Zusammenhalt, der an der ASU großgeschrieben wird. "Entweder man macht den Sport hier ganz oder gar nicht. In einer Mannschaft übernimmt jeder eine Verantwortung", erklärt Mariam. Die Studenten und Studentinnen der jeweiligen Hochschule fiebern bei vielen sportlichen Aktivitäten ehrgeizig mit, angefeuert von ihren Familien.

Die Unis sind gut ausgerüstet, haben Schwimmbecken auf dem Gelände, Basketballplätze, Footballfelder und Tennisplätze. "Für die meisten Amerikaner scheint das eine Selbstverständlichkeit zu sein, aber ich weiß zu schätzen, dass man sich zumindest darum keine Sorgen machen muss", sagt Mariam. An der ASU studiert kaum ein Sportler, der volle Studiengebühren zahlt. Für Mariam war es da schwieriger, an ein Stipendium heranzukommen. Sie musste zahlreiche Tests durchlaufen.

Die Farben der Sun Devils sind überall auf dem Campus zu sehen. Hier dominieren Rot und Gelb. Recht passend für den Grand Canyon State im Südwesten der Vereinigten Staaten. Auch "Sparky", der kleine Teufel, darf natürlich als Obersonnenteufel nicht fehlen. Er ist das Maskottchen und auf jedem Bekleidungsstück der Uni zu sehen. Wettbewerbe lässt sich kaum jemand entgehen. "Wir Sportler bekommen die Karten für Matches oder andere sportliche Aktivitäten, die die Uni betreffen, umsonst." Ein ziemliches Privileg, wenn man bedenkt, dass College-Football und College-Softball sogar im Fernsehen ausgestrahlt werden.

Doch das schillernde Sportlerleben für ausländische Studenten an der Hochschule hat auch Schattenseiten. Der Kontakt zu der Familie oder Freunden ist beschränkt. Die Entfernung und der Zeitunterschied lassen kaum mehr zu, als ein- oder zweimal in der Woche zu skypen. "Es ist jedes Mal schwierig, mich neu einzugewöhnen, aber das bleibt eben nicht aus bei einem solchen Doppelleben", sagt die junge Deutsche ernst und erinnert sich an schwierige vergangene Situationen. Den Sommer verbringen die meisten Studenten außerhalb der Uni bei ihren Familien, die oft auch in anderen Staaten leben oder aus dem benachbarten Kalifornien kommen. Daher besucht Mariam während der Semesterferien auch meist Berlin. Vom Wasserball gibt es aber auch in der Heimatstadt keinen Urlaub, denn hier wartet das andere Team und zählt auf die Spielerin während der Saison.

Mariam versucht, ihren American Dream in besonderer Weise zu leben. Sie kratzt nicht nur an der Oberfläche, sondern wurde Teil der Kultur und des gesellschaftlichen Lebens. Sie fühlt nicht nur die warme Sonne Arizonas, die ihre Haut jetzt in dunkles Braun gefärbt hat, auch die Freundschaften, die Mariam in Arizona geknüpft hat, werden nach ihrer Heimkehr andauern. "Falsch ist, alle Amerikaner über einen Kamm zu scheren. Man kann ihre Denkweise und ihren Lebensstil nur dann verstehen, wenn man Teil der Kultur war", sagt sie. Sobald sie mit ihrem Studium fertig ist, will die sportliche Brünette wieder ganz nach Deutschland zurückkehren. Das ist und bleibt ihr zuhause. "Auch wenn ich die freundlichen Leute und die Sportkultur vermissen werde, gefällt mir Deutschland doch besser", erzählt sie mit einem Lächeln. Das liegt nicht zuletzt an der Sehnsucht nach Familie, Freunden und Altbekanntem. Auf die Frage, was sie dann wiederum am meisten vermissen wird, antwortet sie: "Meine Mannschaft und die Sonne."

Informationen zum Beitrag

Titel
Teuflisches Vergnügen
Autor
Lucienne Arndt
Schule
Leonardo-da-Vinci-Oberschule , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2011, Nr. 261, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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