Trotz Berufserfahrung immer wieder Vortanzen

Hinter den Kulissen warten die Darsteller im Aufenthaltsraum auf ihren Auftritt. Über einen Röhrenfernseher verfolgen sie, was auf der Bühne gerade passiert. Der Raum in der ehemaligen Fabrikhalle in Winterthur in der Schweiz ist nur provisorisch eingerichtet. Überall stehen Kleiderständer, über die später die verschwitzten Kostüme geworfen werden. Vor allem die vier Roboterdarsteller, die im Musical "Space Dream" für den Spaß sorgen, haben es schwer. Mit mehreren Kleiderschichten und ihren silbernen Panzern ist es für sie im Scheinwerferlicht in der im April noch gut geheizten Halle heiß, zumal ihr Gesicht silbergrau angemalt ist.

"Deshalb werden die Roboter auch hinter der Bühne mit Eis abgekühlt und permanent nachgeschminkt, weil alles verläuft", erklärt Melanie Bayer, die auf der Bühne nur ein hellblaues Top, Jeans und blaue Ballerinas tragen muss. Die blonde 25-jährige deutsche Sängerin spielt die Hauptrolle im Musical. "Auf der Bühne zu stehen füllt mich einfach aus." Ihre grünen Augen strahlen. "Es ist unglaublich toll, wenn es einem gelingt, den Menschen ein Lachen aufs Gesicht zu zaubern oder sie auch mal nachdenklich zu stimmen." Die quirlige Schwäbin beschäftigt sich "ungefähr neunzig Prozent" ihres Tages mit Musik. Fünf Stunden ist Melanie in der "City Hall", in der "Space Dream" aufgeführt wird. Vier Stunden benötigt sie für die Hin- und Rückfahrt zu ihrem derzeitigen Wohnort Basel.

Ihr Arbeitstag beginnt um 15 Uhr, erst um zwei Uhr morgens ist sie zu Hause. Frei haben die Darsteller meistens von Montagmorgen bis Dienstagabend, das hängt auch davon ab, wann das Theater spielfreie Tage hat. Viele Musicalsänger bauen sich ein zweites Standbein auf, auch für den Fall, dass sie einmal kein Engagement mehr finden. Denn sie müssen sich immer wieder auf sogenannten Auditions um neue Rollen bemühen, insbesondere, da der Veranstalter in Winterthur Ende Mai Konkurs angemeldet hat.

"Manchmal belastet diese unsichere Zukunft", sagt die Sängerin nachdenklich. "Nicht zu wissen, ob man gute Engagements bekommen wird, ist manchmal nicht einfach. Doch ich bin mir sicher, dass immer irgendwie Geld reinkommen wird." Sollte sie einmal keine Rolle bekommen, habe sie kein Problem damit, übergangsweise zu kellnern. Tanz- oder Gesangsunterricht geben könne sie immer. "Es kann zwar schon mal passieren, dass man zu zehn Auditions geht und zehn Absagen bekommt. Das muss nicht an dir als Person liegen, sondern daran, dass die einfach etwas anderes suchen."

Auf jede Rolle bewerben sich Hunderte von Darstellern. Etwa 50 Bewerber werden zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Es gebe zum Teil skurrile Details, auf die man achten müsse. Bei "Mamma Mia" ist es vertraglich festgelegt, dass man eine sommerliche Bräune haben sollte, denn der Schauplatz dieses Musicals ist eine griechische Insel. Bei "König der Löwen" müsse man sich als Weißer gar nicht erst bewerben. Manchmal bekommt man eine Rolle nur, wenn man ein paar Kilo zu- oder abnimmt. "Wenn eine Zeitlang eine Absage auf die andere folgt, fragt man sich schon, warum man sich das alles antut", sagt die mittelgroße Frau. "Doch wenn man dann endlich eine Zusage bekommt, ist das das schönste Gefühl auf der Welt." Auf Auditions treffe man immer dieselben Leute. Inzwischen hat sich eine Art Netzwerk gebildet. "Wenn ich irgendwo eine Audition habe und dort ein Musicalsänger wohnt, den ich kenne, kann ich dort übernachten. Dasselbe gilt für die anderen, wenn Auditions in Basel und Umgebung sind."

Reich wird man im Musicalbereich eher nicht. Wenn man Pech hat, bekommt man nur 1500 Euro oder weniger im Monat, je nach Größe der Rolle und auch der Größe des Musicalhauses können daraus jedoch durchaus auch 5000 Euro oder mehr werden.

Die zielstrebige Mezzosopranistin wusste schon mit 16 Jahren, dass sie Musicalsängerin werden wollte. Nachdem sie 2004 bei "Jugend musiziert" im Bereich Musical auf Bundesebene Dritte wurde, war klar, dass sie das Zeug dazu hatte. Nach dem Abitur ließ sie sich an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien zur Musicalsängerin ausbilden. "Das Studium war definitiv ein Selbstfindungstrip. Man stößt wirklich an seine Grenze und lernt sich selbst kennen." Meist sei man als Student von neun Uhr morgens bis 21 Uhr an der Hochschule, am Wochenende übe man dann, mache Workshops oder probe für die nächste Produktion. Auf dem Stundenplan stehen neben Gesang-, Tanz- und Schauspielunterricht auch Fächer wie Atemtechnik, Stepptanz oder Musiktheorie.

Auch die aus St. Gallen stammende Schweizerin Mélanie Adami, die in "Space Dream" die Rolle der Solara spielte, kann sich keinen schöneren Beruf vorstellen als auf der Bühne zu stehen und zu singen. Als Opernsängerin bringt die 32-jährige Sopranistin, die an der Hochschule für Musik und Theater in Winterthur klassischen Gesang studierte, eine klassische Note in das Musical ein. "Als ich Space Dream - mein erstes Musical überhaupt - sah, war ich erstaunt, eine klassische Sängerin vorzufinden. Ich sagte eher im Scherz zu meiner Freundin: ,Das kann ich auch!'" Obwohl sie gleichzeitig noch ein Angebot für eine Operette hatte, reizte sie diese "unbekannte Welt" des Musicals mit den vielen Licht- und Soundeffekten und den aufwendigen Kostümen. Danach will sie allerdings wieder auf die Opernbühne - eine Welt, in die sie ihrer Meinung nach besser passt. Sie hat viel an ihrer Gesangstechnik und ihrem Repertoire gearbeitet. "Es gehört sehr viel Disziplin dazu, um gut zu werden", sagt die brünette Sängerin, die seit ihrem 17. Lebensjahr Gesangsunterricht nimmt. "Der Plan für dieses Jahr ist, ganz viele Vorsingen zu machen, um wieder in ein Ensemble zu kommen." Die bisher größte Rolle hatte Mélanie am Luzerner Theater in "Un ballo in maschera" von Verdi, in der sie den Oscar spielte, aber sie stand auch schon als Papagena in Mozarts Zauberflöte auf der Bühne. "Es ist ein gigantisches Gefühl, wenn man merkt, dass man den ganzen Raum ausfüllen kann, nicht nur mit seiner Stimme, sondern mit seiner Person. Es ist mir egal, dass das Singen manchmal eine brotlose Kunst sein kann, denn ich lebe meinen Traum."

Informationen zum Beitrag

Titel
Trotz Berufserfahrung immer wieder Vortanzen
Autor
Verena Teuber
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.11.2011, Nr. 267, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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